Idealismus oder ein Super-Geschäft?

So lukrativ war Haderthauers Modellauto-Idee

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Christine Haderthauer in Nürnberg.

München - Christine Haderthauer beteuert, dass es bei den Modellautos um Idealismus ging. Ein neu aufgetauchter Brief zeigt jedoch, wie lukrativ das fragwürdige Geschäftsmodell tatsächlich war.

Christine Haderthauer steht wegen ihrer Beteiligung an der Modellauto-Affäre immer stärker unter Druck. Doch die Staatskanzlei-chefin zeigt sich alles andere als reumütig – am Rande der gestrigen Kabinettssitzung in Nürnberg ging sie sogar zum Gegenangriff über: „Das war kein fragwürdiges Geschäftsmodell, sondern ein von Idealismus getragenes Engagement“, sagte sie zu den Betrugs-ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen ihrer früheren Beteiligung an der Firma Sapor Modelltechnik.

Haderthauer sprach von einer Kampagne, von „Gerüchten und Verleumdungen“, an denen nichts dran sei. „Die Empörungswelle und die Skandalhysterie der letzten Tage und Wochen werden in sich zusammenbrechen“, erklärte sie.

Brief enthüllt, wie viele Modellautos tatsächlich produziert wurden

Das Schreiben, das inzwischen der Staatsanwaltschaft übergeben wurde und auch der tz vorliegt, nährt allerdings starke Zweifel an den von Christine Haderthauer vorgebrachten idealistischen Motiven des Geschäftsmodells. Das Schreiben stammt vom 29. Mai 1995, ist von Hubert Haderthauer unterschrieben und an den früheren Geschäftspartner Roger Ponton gerichtet.

In dem dreiseitigen Schreiben, in dem es um die Organisation von Geschäftsbeziehungen zu Kunden geht, nennt Hubert Haderthauer auch konkrete Zahlen über den Umfang der Geschäfte. Nach Bekanntwerden der Affäre hatte er die von dem Konstrukteur der Autos ins Spiel gebrachte Zahl von mindestens 130 gebauten Modellen ins Reich der Fabel verwiesen. In dem Schreiben, das er nur fünf Jahre nach Beginn der Produktion verfasste, heißt es jedoch wörtlich: „Bisher wurden von uns entwickelt und verwirklicht: Mercer Raceabout 1913, lim. 25 Stück, Mercedes Simplex 1904, lim. 50 Stück, Bentley Blower 4,5 l., Kompressor 1929, lim. 25 Stk., lieferbar ab Okt. 1995, ab August steht Informationsmaterial zur Verfügung.“ An anderer Stelle des Briefes steht: „Weitere Modelle z. B. „Hispano – Suiza Bologna 45 Tulipwood werden etwa im Abstand von zwei Jahren in limitierten Kleinserien entwickelt und gebaut.“

Hubert Haderthauer nennt konkrete Zahlen - insgesamt 2,3 Millionen DM

Hubert Haderthauer nennt in dem Schreiben auch genaue Verkaufspreise der Modellautos: „Die Modelle werden von uns persönlich zu folgenden Preisen ausgeliefert: Mercer Raceabout 21.400 DM, Mercedes Simplex 24.990 DM, Bentley Blower 22.900 DM, je inkl. MWSt.“ Multipliziert man die genannten Summen mit der Menge der Autos, ergibt sich ein Wert von 2,3 millionen DM. Christine und Hubert Haderthauer sprachen wiederholt von einem verlustreichen Geschäft und bezeichneten die Behauptung Pontons, dass es Millionen eingebracht habe, als absurd.

Das Schreiben birgt auch noch an anderer Stelle hohe Brisanz. Das Ehepaar hatte wiederholt geäußert, dass von den hohen Preisen (bis zu 135.000 Dollar im Einzelfall), die die Modellautos auf dem Sammlermarkt erzielten, nicht sie, sondern Zwischenhändler profitiert hätten.

Bei einem Zwischenhändler, der für die Firma Sapor Modelltechnik tätig geworden sei, handelte es sich nach Darstellung Hubert Haderthauers um das US-Unternehmen fine art models. In dem Schreiben teilt Hubert Haderthauer mit, dass man sich bereits im Februar 1995 von der amerikanischen Firma getrennt und „den Vertrieb der 1:8 Oldtimermodelle in eigene Hände genommen“ habe.

SPD-Generalsekretärin: "Der CSU fehlt jeder moralische Kompass!"

Nicht nur dieses Schreiben macht es schwer, zu glauben, dass „Idealismus“ eine tragende Rolle bei dem Geschäftsmodell gespielt haben soll. Der tz liegt auch ein privater Vertrag aus dem Jahr 1989 vor, der zwischen dem Dreifachmörder und Hubert Haderthauer geschlossen wurde. Darin geht es um den Kauf von zwei Oldtimermodellen durch Hubert Haderthauer, der damals Arzt im Bezirkskrankenhaus Ansbach war und den Dreifachmörder auch medizinisch betreute.

Ministerpräsident Horst Seehofer, der sich vergangene Woche demonstrativ hinter Haderthauer stellte, baut inzwischen vor, die Distanz wächst. „Wenn etwas Neues auftaucht von signifikantem Gehalt, dann wäre das ein Umstand, der einer neuen Bewertung zugeführt werden müsste“, betonte Seehofer gestern.

SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen meinte: „Der CSU fehlt jeder moralische Kompass!“

Helmut Reister

Essen mit dem Mörder

Roland S. ist ein Mann, dessen Taten Angst machen: Drei Menschen hat der heute 76-Jährige ermordet, „eine Figur wie aus einem Psychothriller“, schreibt der Spiegel. Der seit 1988 als gemeingefährlich in der Forensik inhaftierte Dreifachmörder mit einem IQ von 145 ist hochintelligent und technisch hochbegabt. Und grausam: Roland S. tötete seine Opfer nicht nur, er zerstückelte sie, schnitt den Leichen den Penis ab, einer auch noch Arme und Beine.

Doch Christine Haderthauer schien keine Scheu vor dem Kontakt mit Roland S. gehabt zu haben: Anfang der 90er-Jahre, also noch vor Haderthauers Polit-Karriere, durfte Roland S. immer wieder die geschlossene Hochsicherheitsabteilung der Psychiatrie in Ansbach verlassen und war mit Polizeibegleitung sogar zu Gast in der Haderthauer-Villa.

Ob sie da auch im Haus gewesen sei, wisse sie nicht mehr, sagt die Ministerin heute. Der Bildzeitung sagte ein Ex-Geschäftspartner der Haderthauers, er habe sich zwischen 1989 und 1992 mit Hubert Haderthauer und dem Dreifachmörder alle 14 Tage zum Essen getroffen. Die heutige Staatskanzlei-chefin sei bei etwa zehn Prozent dieser Essen dabei gewesen. Diesen bislang unbestätigten Bericht ließ Haderthauer unkommentiert. Später dementierte sie die "ungeheuerlichen" Gerüchte auf Ihrer Facebook-Seite. Sie sei nie mit dem Dreifachmörder Essen gewesen.

HR

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