Roth geht und sie kommen

Auferstehung der Grünen

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Die Spitzenduos von Bundestagsfraktion und Partei (v. l.): Toni Hofreiter, Katrin Göring-Eckhardt, Simone Peter und Cem Özdemir. Keiner ist so bunt wie Claudia Roth

München - Abschiede, Lieder, Blumensträuße, Tränen: Es war ein emotionales und schmerzhaftes Wochenende für die Grünen im Berliner Velodrom.

Die scheidende Chefin Claudia Roth wurde noch einmal groß gefeiert. Nach dem Absturz bei den Bundestagswahlen war der gesamte Vorstand zurückgetreten, nur Cem Özdemir trat noch einmal an. Der Parteitag sollte die Grundlage sein für die Wiederauferstehung der Grünen. Die Voraussetzung dafür sind nicht ideal. Als kleinere Fraktion der ohnehin kleinen Opposition müssen sich die Grünen gegen die Linken mit ihrem Chef Gregor Gysi behaupten und sich andererseits gegen CDU-Kanzlerin Angela Merkel profilieren. Gleichzeitig will sich die Partei in alle Richtungen öffnen. Die tz skizziert, wie und mit welchem Personal das Herkulesprojekt angegangen wird und welche Vorarbeiten geleistet wurden.

Wie stark ist Parteichef Özdemir ?

Der 47-jährige „anatolische Schwabe“ – so nannte er sich selbst einmal – hat mit dem mageren Ergebnis von 71,4 Prozent einen Denkzettel für das Wahldesaster bekommen – aber es hätte schlimmer ausfallen können. Der Realo schüttelte die kalte Dusche schnell ab. Der Vordenker für Schwarz-Grün schließt auch jetzt nochmalige Gespräche mit der Union nicht aus – sollte Schwarz-Rot scheitern. Özdemir gab für seine Partei die Losung aus: Blick nach vorn! Zuerst aber muss er den Blick zur Seite wenden, zu seiner Co-Vorsitzenden.

Ist Simone Peter ein guter Ersatz für Claudia Roth?

Da sind sich die Grünen wohl unsicher. Die Bewerbungsrede der 46-jährigen Mikrobiologin und Ex-Landesumweltministerin aus dem Saarland war vielen zu harmlos und hölzern. Obwohl sie keine Gegenkandidatin hatte, verbuchte sie nur 75,9 Prozent. Kein berauschender Vertrauensvorschuss. Die aufpeitschende Rede jedenfalls hielt die scheidende Chefin Claudia Roth: „Traurig waren wir jetzt über das Wahlergebnis, jetzt ist auch wieder gut.“ Und: „Wir müssen unsere Politik wieder mit mehr Leben füllen, mit mehr Emotion!“

Wer sonst redet mit in der verunsicherten Partei?

Die 800 Delegierten wählten auch den 16-köpfigen Parteirat. Dabei setzten die Vertreter der Grünen in Landesregierungen durch, Einfluss in dem Leitungsgremium zu bekommen. Darunter sind unter anderem die stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW , Sylvia Löhrmann, und der baden-württembergische Verbraucherminister Alexander Bonde. Fraktions-Co-Chefin und Ex-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt erzielte das zweitschlechteste Ergebnis der sieben gewählten Frauen. Außerdem zog der neue Fraktionschef Toni Hofreiter ins Gremium.

Warum sind Mitglieder der Landeskabinette wichtig?

Es komme darauf an, dass die Grünen aus den Ländern, Bund und Europa nun zusammenarbeiten, um grüne Konzepte für Umwelt und Gerechtigkeit zu entwickeln, so der Schwabe Bonde. „Wir haben vier Jahre Opposition vor uns gegen eine große Koalition im Bund.“ In vielen Ländern regierten die Grünen mit. Der Bundesrat werde aber kein Blockadeinstrument sein, so Bonde.

Sind die Flügelkämpfe bei den Grünen wenigstens vorläufig beigelegt?

Von wegen. Beobachter analysieren, dass die Grünen derzeit nicht nur in Realo und Linke aufgeteilt sind, sondern dass die Realos auch intern zerstritten sind.

Die Partei will sich in alle Richtungen öffnen – wird das klappen?

Bis jetzt noch nicht. Sylvia Löhrmann kritisiert, dass für die einen in der Partei schon sicher sei, dass es nächstes Mal Schwarz-Grün geben solle – für die anderen Rot-Rot-Grün. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann etwa kommt ins Schwärmen, wenn es um Kanzlerin Angela Merkel (CDU) geht. Sie habe ihre Partei „wuchtig in die Mitte getrieben“. Anders hört sich da der Ko-Fraktionsvorsitzende vom linken Flügel, Anton Hofreiter, an. Er wendet sich gegen allzu viel Euphorie nach den schwarz-grünen Sondierungen. Allein auf eine „konstruktive Atmosphäre und Höflichkeit können wir doch keine Regierungszusammenarbeit gründen.“

Wurden Ursachen für die Wahlschlappe festgestellt?

Es wurde viel diskutiert – mit vielen Schuldzuweisungen von hier nach da. Der hessische Fraktionschef Tarek Al-Wazir glaubt, dass es „der Wahlkampf mit dem Holzhammer“ war, eine schleswig-holsteinische Delegierte kritisierte, ihre Partei habe mit ihrer „oberlehrerhaften Attitüde“ und als „Spaßbremse“ genervt. Ein Anfang ist gemacht.

Paradiesvogel Claudia Roth

Claudia Roth verabschiedet sich

Claudia Roth geht, und ihre Grünen gestalten den Abschied als Hommage an die Parteichefin, die sie seit neun Jahren mit Leidenschaft geführt und mit eben dieser Emotionalität nicht selten mächtig genervt hat. Ein Film wurde eingespielt, und danach flossen bei der 58-jährigen Ulmerin erwartungsgemäß Tränen. Zu zeigen gibt es vieles aus dem politischen Leben der Grünen, die schon mit durch ihre bunten Outfits, die verschiedenen Haartönungen und ihren mitreißenden Reden eines nie war: langweilig. Sie bzw. ihr Salvator-Double war stets mit am meisten bejubelt auf dem Nockherberg. Drama liegt Claudia Roth – schließlich ist sie gelernte Dramaturgin und war außerdem Managerin von Rio Reisers Polit-Rockband Ton, Steine, Scherben. Bei den Grünen startete sie 1985 als Pressesprecherin, war in den Neunzigern EU-Abgeordnete. Jetzt wird der „Paradiesvogel“ seriös – als Bundestagsvizepräsidentin.

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BW

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