1. tz
  2. Politik

Corona-Expertenbericht ist da – doch es bleiben viele Fragen offen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Max Müller, Fabian Hartmann

Kommentare

Wohin geht die Reise bei Corona? Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit den Sachverständigen in Berlin.
Wohin geht die Reise bei Corona? Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit den Sachverständigen in Berlin. © Fabian Sommer/dpa

Der Epidemiologe Timo Ulrichs lobt den neuen Corona-Expertenbericht. Allerdings wirft er der Politik vor, wichtige Zeit zu verschlafen. Stolpert Deutschland in den dritten Corona-Winter?

Berlin/Köln – Dieses Papier wurde mit Spannung erwartet: Am Freitag hat der Corona-Sachverständigenausschuss seinen Bericht vorgelegt. Darin haben 18 Wissenschaftler, Mediziner und Juristen die Maßnahmen seit Beginn der Pandemie evaluiert. Das Ergebnis: weniger eindeutig als erhofft. Auf 165 Seiten bleiben vor allem Fragen offen. Denn für eine Bewertung der Maßnahmen fehlen Daten. Dennoch läuft die politische Diskussion, es droht neuer Zoff in der Ampel-Koalition.

Corona-Bericht: „Erkenntnisse sind durch Studien gedeckt“

Dass Daten fehlen, hatte bereits Epidemiologe Klaus Stöhr im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA bemängelt. Stöhr ist der Nachfolger von Virologe Christian Drosten im Sachverständigenausschuss. Drosten verließ das Gremium, nachdem er die Zusammenstellung kritisiert hatte. Es würde epidemiologische Expertise fehlen. Das sieht Epidemiologe Timo Ulrichs von der Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin anders. „Aus handwerklicher Sicht ist das ein gut gemachter Bericht. Die Erkenntnisse sind durch Studien gedeckt“, sagte er Merkur.de von IPPEN.MEDIA.

Die Kernkritik des Berichts, wonach Daten fehlen, teilt Ulrichs. „Es ist tatsächlich schwierig, in Deutschland Corona-Daten zu erheben. Das liegt an ziemlich starken Beschränkungen, denen das Robert-Koch-Institut unterliegt. Personenbezogenen Daten sind zum Beispiel tabu. Das hat zur Folge, dass wir ziemlich hinterherhinken. Wir wissen nicht, wer geimpft ist.“ Andere Länder seien wesentlich weiter, zum Beispiel Israel. „Dort wurden Daten sehr schnell aufbereitet – nur dann können auch früh geeignete Maßnahmen ergriffen werden“, sagte der Gesundheitsexperte.

Über IPPEN.MEDIA

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen u.a. Marken wie Merkur.de, FR.de und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

Dazu komme ein weiterer Grund für die deutsche Langsamkeit: „Die Meldungen laufen über die Gesundheitsämter der Länder, die sehr unterschiedlich arbeiten“, so Ulrichs. Das erschwere es, Daten zentral zu bündeln. „Dazu wurden am Wochenende nie Zahlen geliefert. Unter der Woche schon, teilweise aber auch nur per Fax. Insgesamt war die Kommunikation nicht gerade am Zahn der Zeit.“

Ulrichs hätte sich von dem Bericht drastischere Forderungen gewünscht. „Dass Masken wichtig sind, war auch schon vor dem Bericht klar. Was fehlt, ist die Forderung, jetzt wieder eine Maskenpflicht in Innenräumen einzuführen.“ Die Sommerwelle baue sich gerade auf. „Wenn die Politik zu lange wartet, hinken wir wieder hinterher. Den gleichen Fehler haben wir schon in den letzten beiden Sommern gemacht. Leider geht der Bundestag jetzt in die Sommerpause. So verschlafen wir die wichtigste Zeit, um endlich mal frühzeitig zu handeln“, sagte Ulrichs.

Corona-Bericht: FDP-Vize Kubicki fordert Rausschmiss von RKI-Chef Wieler

In Berlin fielen die politischen Reaktionen auf den Bericht unterschiedlich aus: Von „schmerzlichen Erkenntnissen“ mit Blick auf Schulschließungen und Breitensport spricht der sportpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Philipp Hartewig. „Die Sportstättenschließungen waren falsch“, sagte Hartewig Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Sein Parteifreund, FDP-Vize Wolfgang Kubicki, forderte in der Welt gar den Rauswurf von RKI-Chef Lothar Wieler.

Deutlich vorsichtiger äußerten sich die Grünen. „Der Bericht liefert ergänzende Hinweise, aber keinesfalls eine abschließende Bewertung der Wirkung von Corona-Schutzmaßnahmen“, sagte Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen. „Die Abwesenheit von Evidenz zur Wirksamkeit ist keine Evidenz für die Abwesenheit von Wirksamkeit“, so der Bundestagsabgeordnete.

Deutliche Kritik kommt aus der Linkspartei – vor allem mit Blick auf die FDP, die erst den Experten-Bericht abwarten wollte, ehe in der Koalition über weitere Schritte im Kampf gegen das Virus entschieden wird. „Das dritte Mal hat eine Regierung die Möglichkeit, das Land auf einen Pandemiewinter vorzubereiten und gerade sieht es danach aus, als würde die Bundesregierung das dritte Mal dabei versagen“, sagt Jan Korte, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Linken im Bundestag. „Das kleinkarierte Warten der FDP auf diesen - mit Ansage - wenig aussagefähigen Bericht ist genauso erbärmlich, wie die geringen Ambitionen des Gesundheitsministers, an unserem Gesundheitssystem grundsätzlich etwas zu ändern“, so Korte.

Corona-Bericht: Patientenschützer Eugen Brysch fordert „verlässliche Daten“

Kritik kommt nicht nur von der Opposition – auch Patientenschützer Eugen Brysch geht mit der bisherigen Corona-Politik hart ins Gericht. „Mit ihrer mangelhaften Teststrategie versagen Bund und Länder aber auf ganzer Linie“, sagte Brysch Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Der Patientenschützer fordert, dass vor allem pflegebedürftige Menschen besser geschützt werden müssten. „Es ist gut, dass im Experten-Bericht regelmäßige Testes in der Altenpflege gefordert werden“, so Brysch. Die Konzentration der regelmäßigen PCR-Tests auf Pflegebedürftige sei für den Herbst überfällig. „Präventiv-Tests sind die Chance, das Virus zu stoppen, bevor es die Hilfsbedürftigen erreicht“, sagte Brysch.

Der Patientenschützer erwartet von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), dass bis September jedem Pflegebedürftigen eine kostenlose Überprüfung des Immunstatus angeboten wird. „Ohne verlässliche Daten bleibt die Corona-Strategie Kaffeesatzleserei“, sagt Brysch. Darüber immerhin sollte zwischen Regierung, Opposition und Wissenschaft Einigkeit bestehen.

Auch interessant

Kommentare