Kandidat hört sich Brexit-Sorgen vor Ort an

CSU-Mann Weber in Irland unterwegs: Der Spitzenkandidat auf Europatour

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Er kommt, hört zu, denkt über Lösungen nach: Manfred Weber will seinen Politikstil nicht ändern. Auch deshalb hat er ein Bekanntheitsproblem.

Manfred Weber (CSU) will nächster Präsident der EU-Kommission werden. Sein Wahlkampf aber steckt voller Fallstricke. Jedes Land erwartet etwasanderes von ihm. Irland zum Beispiel. Ein Besuch.

Wexford – Gott sei Dank hat jemand an Gummistiefel gedacht. Manfred Weber steht am Samstagnachmittag in einem irischen Kuhstall. Dublin ist weit weg. Und Brüssel noch viel weiter. Dort hat der CSU-Politiker, der nach der Europawahl Chef der EU-Kommission werden will, unter der Woche mit der Staatschefs die unschönen Brexit-Optionen erörtert. Wieder einmal. „Die Debatten verlaufen immer sehr theoretisch“, sagt der 46-Jährige. Aber hier im Kuhstall im Südosten des Landes erlebt er die Folgen des britischen Austritts hautnah. Sie stehen um ihn herum: 60 Kühe, die längst geschlachtet sein sollten.

„Ich bekomme die Tiere nicht mehr los. Ich muss froh sein, wenn der Schlachthof ab und zu eines nimmt“, sagt Michael Jordan. Der Bauer, an jeder Hand ein kleines Kind, erzählt: Aus Sorge vor dem Brexit hätten die Briten ihre Fleischlager gefüllt. Jetzt reicht der Beef-Rückstau bis nach Irland. Auch der Export der Kälber sei zusammengebrochen. Die müssen nach Frankreich, dürfen aber nicht zu lange auf dem Schiff bleiben. Bislang machten sie deshalb Zwischenstation in England. Jetzt gerät alles ins Stocken. Inzwischen hat Jordan 350 Tiere auf seinem Hof. Viel zu viele. „Mit der Viehzucht werde ich in diesem Jahr Verlust machen“, sagt der Landwirt düster. Magere Zeiten für Irish Beef, eigentlich ein Exportschlager der grünen Insel.

Der irische Premier ist das Gegenmodell zu Viktor Orbán

Der Mann mit den Gummistiefeln hört aufmerksam zu. Manfred Weber ist keiner jener Politiker, die nur wegen der Bilder mit einer Schar von Kameras auf einem Bauernhof einfällt. Der Fraktionschef der konservativen EVP-Fraktion im EU-Parlament ist ehrlich neugierig. Zuhörtour nennt er das. Raus aus der Blase von Brüssel. Was bewegt die Menschen zwischen Dänemark und Malta? Und welche Antworten könnte Europa geben?

Wenn sich deutsche Politiker ins Ausland begeben, und sei es nur nach Österreich, schalten sie oft in eine seltsame Mischung aus Touristen- und Diplomatenstatus. Es wird staatstragender formuliert, die Protokollabteilung hyperventiliert. Weber dagegen macht auch im irischen Kuhstall Innenpolitik. Hier ist er nicht der Deutsche, sondern ein Parteifreund, begleitet von irischen Kollegen aus dem Parlament. „The Spitzenkandidat“ soll Ende Mai für die konservative Partei „Fine Gail“ eine Wahl gewinnen. Und dazu muss er wissen, was vor Ort passiert.

Wir wollen endlich wissen, wie es weitergeht – mit hartem oder weichen Brexit. Egal. Hauptsache, wir können uns darauf einstellen.

Michael Jordan, Landwirt‘

„Jedes Land hat seine speziellen Themen“, sagt Weber. In den Minuten, in denen er auf der Farm über Brexit-Rinder fachsimpelt, protestieren am Münchner Marienplatz Tausende gegen die Brüsseler Pläne für Uploadfilter – ein Thema, das Weber auf der Insel an diesem Tag nicht begegnet. Auch über Migration, die Italiener, Griechen und Spanier seit Jahren umtreibt, spricht hier keiner. Und wer hat in Deutschland schon vom „Mobility Package“ gehört, das EU-weite Regeln für den Güterverkehr festlegen soll? In Bulgarien und Rumänien, Heimat vieler Lastwagenfahrer, wird derzeit hitzig darüber diskutiert.

Auf Zuhörtour: Landwirt Michael Jordan (re.) schildert seine Brexit-Probleme.

Weber muss das alles im Blick haben. Auch die anstehenden Wahlen in Spanien und Finnland oder die Befindlichkeiten in der Parteienfamilie. In der vergangenen Woche eskalierte die Debatte um den ungarischen Parteifreund Viktor Orbán, dessen Partei Fidesz nach langem Streit von der EVP suspendiert wurde. Weber musste viel Kritik einstecken, weil er zu nachgiebig sei. Doch der Fraktionschef selbst ist zufrieden: ein klares Zeichen gesetzt, aber Orbán nicht in die Hände der Populisten getrieben.

Zwei Stunden später steht der Spitzenkandidat an einem Hotelfenster und blickt auf den Hafen von Wexford, ein 20 000-Einwohner-Städtchen im Südosten der Insel. Leo Varadkar erzählt ihm mit ironischem Lächeln, dass die irischen Fischer immer die größten Kritiker der EU gewesen seien. Doch seit sie das Chaos bei den britischen Kollegen sehen, seien sie sehr still geworden. Varadkar ist seit einem Jahr Premierminister Irlands – und so etwas wie die Gegenentwurf zu Orbán: Migrationshintergrund, homosexuell. Der 40-Jährige initiierte ein Referendum zur Legalisierung von Abtreibung. Manchmal staunt das katholische Irland selbst, wie fortschrittlich es plötzlich ist. Weber muss sie alle unter einen Hut bekommen: die Orbáns, Varadkars und Berlusconis.

Weber spricht kein Französisch – die Franzosen ärgert das

Auch Varadkar spricht über den Brexit. Natürlich. „Die Unsicherheit ist unser größtes Problem“, hat der Landwirt Michael Jordan am Nachmittag gesagt. „Wir wollen endlich wissen, wie es weitergeht – mit hartem oder weichen Brexit. Egal. Hauptsache, wir können uns darauf einstellen.“ Varadkar und seine Partei sehen das inzwischen ähnlich. In den Schlagzeilen ist immer nur von der Grenze im Norden der Insel die Rede. Tatsächlich betrifft der Brexit hier fast jedes Unternehmen, fast jede Familie. Mit Webers Arbeit sind sie sehr zufrieden. „Solange ich ihn kenne, hat er sich sehr für Irland interessiert“, lobt der Premier artig.

Das ist schön für den Spitzenkandidaten, reicht aber nicht. Wie sein sozialdemokratischer Konkurrent Frans Timmermans aus den Niederlanden ist er den meisten Europäern kein Begriff. Selbst in Deutschland sind die Bekanntheitswerte bescheiden. Deshalb ist er unterwegs. Vergangene Woche war er in Luxemburg, in München, in Brüssel, in Eupen an der deutsch-belgischen Grenze. Den Samstag verbringt er in Irland, am Sonntagnachmittag darf er kurz heim zu seiner Frau nach Wildenberg bei Landshut. Heute startet die Woche in Berlin (siehe rechts), dann wieder Straßburg. So geht das seit Wochen. Und bis zum 26. Mai erhöht sich die Schlagzahl weiter. Weber kommt, hört zu, denkt über Lösungen für Probleme nach. Große Schlagzeilen hinterlässt er keine. „Ich werde meine Art, Politik zu machen, nicht ändern“, sagt er. Bislang ist er mit ihr weiter gekommen, als viele in der CSU dachten. Aber reicht es für ganz oben?

Gespräch mit dem Premierminister: Leo Varadkar will Irland modernisieren.

Brexit, Orban, Urheberrecht. Derzeit diktiert ihm das unschöne Tagesgeschäft die Themen. Er sei es leid, dass die gesamte europäische Agenda von der Innenpolitik in Großbritannien diktiert werde, motzte Weber vor Kurzem. Die Chaos in Großbritannien drohe die ganze Europäische Union zu infizieren. „Wir müssen die ewige europäische Krisenrhetorik beenden und endlich wieder gestalten“, sagt er in Irland. Als Fraktionschef war er die treibende Kraft hinter der Wiedereinführung des Interrail-Tickets. Mit einem solchen hatte sich der junge Manfred einst den Kontinent erschlossen. „Damit bewegt man vor allem die jungen Menschen tausend Mal mehr als mit neuen Vorschlägen zur Verteidigungspolitik.“ Sein neues Projekt: die Krebsbekämpfung. Seit sein Bruder an der Krankheit starb, will er in der EU alle Ressourcen bündeln. In ein paar Jahren, so der Traum, sollen die meisten Krebsarten heilbar sein.

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Jetzt aber ist erst mal Brexit. Beim Parteitag von „Fine Gael“ am Abend darf der Gast auf dem Podium sitzen. Der Hotelsaal versprüht den Charme einer Tagung für Staubsaugervertreter. Kein multimedialer Schnickschnack wie bei der CSU. Weber betritt zu „Freude schöner Götterfunken“ die Bühne. Alle erheben sich von den Sitzen. Die Rede hat er morgens im Flugzeug geschrieben. Handschriftlich ein paar Stichworte, auf einem gefalteten DIN-A4-Blatt. Er spricht frei. „Die irischen Probleme sind europäische Probleme. Derzeit sind wir alle Iren.“

Wer Weber schon ein Weilchen begleitet, sieht, wie er an sich arbeitet. Englisch musste er sich spät mühsam beibringen. Inzwischen geht es ganz gut. Während ihm die Franzosen verübeln, dass er ihre Sprache nicht kann, zeigen sich die Iren zufrieden. Sie klatschen auch brav, als Weber einen CSU-Mann zitiert, der so ganz anders war als er selbst. „Bayern ist meine Heimat, Deutschland mein Vaterland, aber Europa ist meine Zukunft.“

Franz Josef Strauß funktioniert sogar bei den Iren im Brexit-Frust.

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