Die Kraft der Liebe und des Dialogs

Der Dalai Lama spricht in der tz

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Der Dalai Lama und sein „lieber Freund“ Franz Alt kennen sich schon lange.

Hamburg - Der Dalai Lama, geistliches Oberhaupt der Tibeter und Friedensnobelpreisträger, ist am Freitag zu einem viertägigen Besuch in Hamburg eingetroffen. Die tz sprach vorab mit dem 79-Jährigen.

Selbst in dieser düsteren Zeit überrascht der Dalai Lama, seit vielen Jahren aus seiner Heimat verbannt, mit Antworten, die seinen Optimismus ausdrücken. Er glaubt an die Kraft der Liebe und des Dialogs, über alle Staats- und Religionsgrenzen hinweg.

Wie ist es derzeit um die Menschenrechte in Tibet bestellt?

Dalai Lama: Schwierig. Sehr schwierig. Unter den chinesischen Funktionären gibt es noch viele Betonköpfe, und das in wichtigen Funktionen. Diese Hardliner glauben, alle Probleme lösen zu können durch Gewalt und Unterdrückung. In Tibet wird nun schon seit 60 Jahren Gewalt angewendet. Aber mehr Gewalt bewirkt auch mehr Widerstand. Es wird auch über einen realistischeren Ansatz nachgedacht. Inzwischen jedoch leiden die Menschen in Tibet erheblich. Nicht im Sinne von Hunger oder ähnlicher Not, sondern psychisch. Angst, übermäßige Furcht, ein Übermaß an Trauer. Deshalb die Selbstverbrennungen.

Innerhalb der letzten drei Jahre haben sich mehr als 100 Tibeter durch Selbstverbrennung umgebracht. Wie sehen Sie diese Akte der Selbstzerstörung?

Dalai Lama: Das ist natürlich traurig. Diese Aktionen sind dramatisch. Drastisch. Ich weiß nicht, wie sehr dies die Betonköpfe beeinflusst. Es gibt mehr Wut, mehr Unterdrückung, und in einigen Fällen werden Familienmitglieder verhaftet. Das ist ein sehr heikles politisches Thema. Ich habe mich seit 2011 aus der polititschen Verantwortung zurückgezogen. Außerdem manipulieren die politischen Hardliner in China alles, was ich sage. Die halten mich für einen Dämon. Ich schweige lieber.

In vielen Ihrer Vorträge verwenden Sie das Wort Achtsamkeit. Warum ist Achtsamkeit so wichtig in unserer Zeit?

Kinder von Mitgliedern des tibetischen Vereins Hamburg begrüßten gestern den Dalai Lama.

Dalai Lama: Den materiellen Werten wird zu viel Bedeutung beigemessen. Sie können unseren psychischen Stress, unsere Ängste, Wut oder Frustration nicht verringern. Wir müssen jedoch unsere mentalen Belastungen, Stress, Furcht, Ängste oder Frustration usw. überwinden. Deshalb brauchen wir eine tiefere Ebene des Denkens. Das verstehe ich als Achtsamkeit, also das tiefgründige Denken und Fühlen. Sie ist unabhängig davon, ob jemand gläubig oder ungläubig ist. Einige Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Seelenfrieden für die Gesundheit sehr, sehr wichtig ist. Diesen Wissenschaftlern zufolge fressen Zorn, Hass und Angst unser Immunsystem auf. Es gibt sieben Milliarden Menschen, und alle haben das gleiche Potenzial, alle sind mental, emotional und physisch gleich.

Was ist der Grundgedanke aller Religionen? 

Dalai Lama: Die Liebe! Keine Frage. Menschen glauben an Gott, den Schöpfer, sie praktizieren Liebe. In der Philosophie gibt es keine großen Unterschiede zwischen den Religionen.

Vor 100 Jahren erlebte die Menschheit den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der 17 Millionen Opfer forderte, gefolgt vom Zweiten Weltkrieg mit 50 Millionen Toten. Hat die Menschheit aus diesen Kata-strophen gelernt?

Dalai Lama: Sicher. Viele ältere Menschen erinnern sich noch sehr deutlich daran, wie zerstörerisch das war. Deshalb glaube ich, dass Menschen in Deutschland und Japan sowie die meisten Menschen überall auf der Welt Gewalt ablehnen. Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen: Den Irak-Krieg. Dagegen gab es Demonstrationen von Australien bis nach Amerika, aber auch in Deutschland und Frankreich. Das Bedürfnis nach Frieden bzw. die Ablehnung von Gewalt ist sehr stark – gerade in Deutschland. Jetzt reicht es nicht mehr aus, den Menschen zu sagen, dass wir Gewalt ablehnen und Frieden wollen. Wir müssen wirksamere Methoden anwenden. Wann immer wir auf Probleme stoßen oder wirtschaftliche Konflikte entstehen, oder auch im Fall von religiösen Differenzen, müssen wir darauf hinwirken, dass die einzig wahre Methode der Dialog ist. Das letzte Jahrhundert war das Jahrhundert der Gewalt. Unser 21. Jahrhundert sollte das Jahrhundert des Dialogs sein.

Was ist das wichtigste Ziel für die junge Generation?

Dalai Lama: Ich glaube, dass wir beide, lieber Freund, also die Generation des 20. Jahrhunderts, jede Menge Probleme geschaffen haben. Jetzt muss die Generation des 21. Jahrhunderts diese Probleme lösen. Auf friedliche Weise, im Dialog. Ich denke, dass wir dies hauptsächlich durch Bildung erreichen können. Gewalt ist eine Methode von gestern.

Sind Sie optimistisch, was die langfristige Beziehung zwischen China und Tibet angeht?

Dalai Lama: Ja, optimistisch. Wir haben 1000 Jahre lang als Nachbarn gelebt. Manchmal in der Vergangenheit war das Verhältnis sehr freundlich, z.B. durch Heirat oder aus anderen Gründen. Und manchmal wurde gekämpft. Ich meine, dass im 7. oder 8. Jahrhundert Tibet in China eingefallen ist – einfach so. Ich sehe eine neue Entwicklung: Die buddhistische Bevölkerung in China zählt mehr als 400 Millionen Menschen. Während der letzten zwei, drei Jahre traf ich mehrere Tausend Chinesen. Studenten, Lehrer, Geschäftsleute, außerdem Intellektuelle, Autoren, und viele von diesen zeigten sich ernsthaft besorgt über Tibet und mit uns solidarisch. Auch kommunistische Führer sprechen positiv über den Buddhismus.

Beten Sie auch für die kommunistischen Führer in Peking?

Dalai Lama: Natürlich, das sind ja auch Menschen. Auch sie streben nach einem glücklichen Leben. Besonders die Menschen, die Ärger in sich tragen, die Tibet und mir gegenüber negativ eingestellt sind, für sie bete ich besonders.

Sehen Sie eine Chance für eine Rückkehr nach Tibet?

Dalai Lama: Aber ja, lieber Freund, die Dinge ändern sich. Ja, wenn ich dieses Jahr sterben sollte, dann sehe ich Tibet nicht mehr. Aber wenn ich noch fünf, 10, 15 oder 20 Jahre lebe, dann ganz bestimmt.

Franz Alt

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