Historiker im tz-Interview

"Das Engagement der Kanzlerin überzeugt mich"

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Angela Merkel in der KZ-Gedenkstätte Dachau

München - Angela Merkel hat am Dienstag die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht. Im tz-Interview ordnet Historiker und Publizist Prof. Michael Wolffsohn dies ein. Ein historischer Tag?

Welche historische Bedeutung hat der Besuch von Kanzlerin Angela Merkel in der KZ-Gedenkstätte Dachau?

Prof. Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist (www.wolffsohn.de): Man darf die Vokabel „historisch“ nicht inflationieren. Das wird nicht nur mir als Historiker unerträglich. Der Besuch ist angebracht, nicht „historisch“, und es ist löblich, dass er im Alltag geschieht. Das zeigt: Die dunkle Seite der Geschichte gehört, wie die helle zur Geschichte insgesamt. Das heißt Historisches verstehen, ohne Phrasen. Merkels Engagement ist ein gleichermaßen persönliches wie gesamtgesellschaftliches Zeichen, dass sich die vergangenheitspolitische Lage weiter entspannt.

Was meinen Sie damit?

Wolffsohn: In den vergangenen Jahren hat sich erkennbar etwas verändert. Früher hätte so ein Besuch einem Kanzler im Wahlkampf sogar schaden können! Mittlerweile ist das Gedenken ein ganz natürlicher Bestandteil des bundesdeutschen Alltags geworden und eben nicht nur inhaltloses Ritual. Auch für heutige Wähler aus dem Mitte-Rechts-Spektrum hat das nichts Abschreckendes mehr. Das war vor einigen Jahren noch anders.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast wirft Merkel vor, der Besuch der Gedenkstätte und die Wahlkampfrede kurz darauf sei eine „geschmacklose und unmögliche Kombination“

Wolffsohn: Frau Künast scheint nicht zu wissen, dass man in Deutschland mit KZ-Besuchen keine Stimmen gewinnt, sondern eventuelle verliert, weil jedes Volk nur gerne die eigenen Schokoladenseiten sieht. Deshalb doppelt Respekt vor der Kanzlerin.

Halten Sie das Engagement der Kanzlerin auch persönlich für überzeugend?

Wolffsohn: Unbedingt! Die Kanzlerin hat es in Sachen Geschichtspolitik – vor allem auf dem äußerst sensiblen Feld der Judenverfolgung und -ermordung – wirklich nicht leicht. Denn man muss die innerdeutsch-jüdische Perspektive mit der gesamtjüdischen sowie der israelischen verbinden. Das ist nicht nur heikel, sondern ziemlich unpopulär. Mit Blick auf diese schwierigen Voraussetzungen leistet Angela Merkel Herausragendes.

In welcher Tradition steht Merkel da?

Wolffsohn: Sie setzt den Kurs der CDU-Kanzler fort. Sie haben enorme Risiken auf sich genommen, um ein gutes Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft aufzubauen. Bei ihnen war das sichtbare Engagement für die jüdische Welt und das damit einhergehende klare Bekenntnis zur historischen Verantwortung immer stärker als bei SPD-Regierungschefs. Konrad Adenauer etwa hat das Wiedergutmachungsabkommen 1952 gegen die öffentliche Meinung durchsetzen müssen. Auch in seiner eigenen Fraktion gab es erheblichen Widerstand. Und Helmut Kohl hat 1985 in Bergen-Belsen eine beachtliche, Rede gehalten – inhaltlich und ethisch mindestens so wichtig wie die berühmte Rede Richard von Weizsäckers vor dem Bundestag ein Jahr zuvor. Gerhard Schröder ging dagegen sogar geradezu polternd auf Distanz zur jüdischen Welt und Israel. Als Bundeskanzler hat er das Land nur einmal besucht.

Interview: Mk.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Besuch in Dachau

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