Terror in Afghanistan

"Das Land jetzt nicht sich selbst überlassen"

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Peter Gauweiler.

München - Nach dem Mord an der deutschen Pressefotografin Anja Niedringhaus lautet das tz-Wochenendthema "Terror in Afghanistan". Peter Gauweiler schildert seine Sicht.

Der Wahl des Nachfolgers von Präsident Hamid Karzai, die am Samstag stattfindet, geht eine wochenlange Serie von Anschläge voraus. Ein trauriger Höhepunkt war am Freitag der Mord an der deutschen Pressefotografin Anja Niedringhaus, die über die Vorbereitung der Abstimmung berichten wollte. Mehr als zwölf Millionen Wahlberechtigte dürfen über acht Kandidaten abstimmen. Die radikalislamischen Taliban haben zum Boykott aufgerufen. Der Kampfeinsatz der Nato-geführten Internationalen Schutztruppe ISAF läuft Ende des Jahres aus. Alle drei Favoriten wollen das Sicherheitsabkommen mit den USA unterzeichnen, das Voraussetzung für einen kleineren Nato-Einsatz zur Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte ist.

Der Standpunkt von Peter Gauweiler: Das Land jetzt nicht sich selbst überlassen

Die öffentliche Anhörung im Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages am vergangenen Mittwoch hat ein eindeutiges Bild von der Lage in Afghanistan nach dem Militäreinsatz gezeichnet: der Versuch, den Afghanen mit militärischen Mitteln die Demokratie näherzubringen, ist auf der ganzen Linie gescheitert. Das Vorhaben der Amerikaner „To win hearts and minds“ („Das Werben um die Herzen und die Seele“) ist an der eigenen Arroganz zugrunde gegangen.

Der Auswärtige Ausschuss hat namhafte Experten – darunter den Nahost-Experten Peter Scholl-Latour – eingeladen, um sie zu ihren Eindrücken und Erkenntnissen aus Afghanistan zu befragen. Die Sachverständigen betonten zwar, dass es in den letzten Jahren zaghafte Fortschritte bei der Versorgung der afghanischen Bevölkerung mit Bildung, Trinkwasser und Gesundheitsleistungen und bei der Stärkung der Frauenrechte gegeben hat. Die hohe Anzahl an zivilen Opfern, die es seit dem Beginn der US-geführten Intervention im Jahr 2001 zu beklagen gibt, hat aber dazu geführt, dass sich die afghanische Bevölkerung mehrheitlich von den westlichen Truppen und ihren Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit abgewandt hat.

Die Sicherheitslage im Land ist nach wie vor katastrophal: Der aktuelle „Fortschrittsbericht Afghanistan“, den die Bundesregierung im Januar dieses Jahres veröffentlicht hat, spricht von 27 800 „sicherheitsrelevanten Zwischenfällen“ im Jahr 2013. Diese beschönigende Militärsprache umschreibt aber nichts anderes als Anschläge und Schusswechsel, die allein im zurückliegenden Jahr zu über 1319 zivilen Todesopfern und zu über 2533 zivilen Verletzten geführt hat. Den von uns ausgebildeten afghanischen Sicherheitskräften trauen die Afghanen noch weniger zu, ihr Leben und ihr Zuhause vor bewaffneten Aufständischen zu beschützen.

Dieses Misstrauen treibt die Menschen vermehrt in die Arme der Warlords und ihrer Privatarmeen, was sich auch auf die Präsidentenwahl diesen Samstag niederschlägt: die Warlords stellen mittlerweile einen Großteil der Kandidaten für das Präsidialamt. Die Sachverständigen im Ausschuss waren einhellig der Meinung, dass der kapitale Fehler des Einsatzes schon 2001 begangen wurde: Man hat nach amerikanischem Vorbild ein starkes Präsidialsystem installiert und den Afghanen hierfür den nun ausscheidenden Präsidenten Hamid Karzai präsentiert. Den Afghanen hat man nicht zugetraut, zu einer Meinung darüber, wie ihre Regierung aussehen soll, überhaupt fähig zu sein.

Wie geht es nun weiter? Wir können und dürfen das Land nicht sich selbst überlassen, denn die Afghanen brauchen uns nach wie vor. Die Wirtschaft liegt am Boden und ist von ausländischen Geldern abhängig und die erzielten Fortschritte drohen sich in Luft aufzulösen, wenn die Warlords und die Taliban wieder an die Macht kommen. Welche Folgen ein planloser Abzug haben kann, zeigen aktuelle Presseberichte über den Zustand des ehemaligen deutschen Feldlagers Kunduz: Die Grundversorgung des Lagers ist wenige Monate nach seiner Übergabe zusammengebrochen, die Wasserrohre sind geborsten und die Wassergräben neben den Wegen eingebrochen. Von den vier Trafo-Containern, die für den Strom des Lagers zuständig sind, sind wiederum drei verschlossen, wobei die afghanischen Sicherheitskräfte behaupten, über den Verbleib der Schlüssel nicht informiert worden zu sein. Zusammengebrochen ist im kalten afghanischen Winter auch die Heizungsanlage, da niemand in der afghanischen Kompanie weiß, wie die deutschen Heizungs- und Elektrizitätssysteme zu bedienen sind.

Was sich die Afghanen von uns wünschen, ist Entwicklungshilfe im besten Sinne. Das hätte man besser von Anfang an tun sollen. Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt. Falscher konnte man es nie ausdrücken.

Peter Gauweiler

„Allahu Akbar!“ Dann zog er die Kalaschnikow

Zuletzt dokumentierte Anja Niedringhaus die von wachsender Gewalt geprägte Zeit vor den Präsidentschaftswahlen am Samstag – den Tag der Abstimmung darf die 48-jährige deutsche Pressefotografin nicht mehr erleben. Am Freitag wurde sie von den Kugeln eines afghanischen Polizisten an einem Checkpoint in der östlichen Unruheprovinz Chost getötet. „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) rief der Polizist nach Zeugenangaben, bevor er das Feuer mit einer Kalaschnikow eröffnete. Tödlich getroffen sackte Niedringhaus auf dem Rücksitz ihres Wagens zusammen. Die kanadische Reporterin Kathy Gannon (60) neben ihr erlitt schwere Verletzungen. Der Täter ließ sich widerstandslos festnehmen und wird vernommen.

Für die Westfälin Anja Niedringhaus ist die Gefahr schon lange ständige Begleiterin, als sie sich morgens zusammen mit Gannon, einem Fahrer und einem freien Mitarbeiter für AP Television ins Auto setzt, um über den letzten Transport von Wahlzetteln in der Provinz zu berichten. Ihr Fahrzeug reiht sich in einen Konvoi ein, der von Polizisten und Soldaten geschützt wird. Sie warten in einem Distrikt an der pakistanischen Grenze auf die Abfahrt, als der Kommandant ausrastet.

„Anja ist unser 32. Redaktionsmitglied, das die Suche nach der Wahrheit mit dem Leben bezahlt,“, so der traurige Nachruf ihres Arbeitgebers, der Agentur Associated Press. „Dieser Beruf erfordert Tapferkeit und Leidenschaft“, heißt es, und Anja hatte beides, und dazu dieses „gewinnende heisere Lachen“, an das sich AP-Chef Gary Pruit erinnert: „Wir werden sie sehr vermissen.“

Schon bald nachdem sie sich ihre journalistischen Sporen in Lokalzeitungen verdient hat, steigt Niedringhaus vor 20 Jahren um auf das gefährliche Terrain der Berichterstattung aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für die AP ist sie seit 2002 unter anderem im Nahen Osten, im Irak, in Pakistan und Afghanistan im Einsatz. 2005 gewinnt sie den Pulitzerpreis für ihre sensiblen, eindrucksvollen Fotografien aus dem Irak. Immer stehen die Menschen im Mittelpunkt – sei es ein deutscher Soldat im fremden Land, oder die Einheimischen in ihren bescheidenen oder sogar zerbombten Häusern, Burka-verhüllte Frauen beim Wäschewaschen im Dorf, die ratlosen Blicke der Kinder.

Natürlich weiß die „Veteran“-Kriegsberichterstatterin, dass nicht nur von Seiten der Taliban Anschläge drohen – sie haben eine Störung der Wahlen explizit angekündigt – sondern auch sogenannte Insider-Attacken: Polizisten und Soldaten sind schon mehrfach auf Ausländer losgegangen.

Anja Niedringhaus wurde in Afghanistan getötet.

Viele der letzten Twittermeldungen der Deutschen befassen sich mit der wachsenden Gewalt in letzter Zeit. „Anschläge bedrohen die Wahl“, ist am 30. März bei @NiedringhausAP zu lesen. „Was für ein Verlust“, schreibt sie am 22. März, als der afghanische AFP-Journalist Sardar Ahmad im Zentrum von Kabul bei einer Schießerei ums Leben kommt. Mit dem 40-Jährigen sterben seine Frau und zwei seiner Kinder. Niedringhaus verfolgt die Geschichte des einzigen überlebenden Kindes und postet am 25. März erleichtert, dass der kleine Abuzar außer Lebensgefahr ist: „Aus der Dunkelheit kommt die Sonne ...“

Nur einmal, erzählte die Fotografin 2005 dem Spiegel, habe sie im Einsatz die Kamera weggelegt: „In Sarajewo. Da habe ich Verletzte ins Krankenhaus gefahren, weil wir über die Vereinten Nationen noch an Sprit gekommen sind. Erst hinterher dachte ich: Du hast ja gar keine Fotos.“

Barbara Wimmer

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