Bayern will „Ehrenrunden“ behalten

Generelles Aus fürs Sitzenbleiben? 

Berlin - In Hamburg ist Sitzenbleiben schon abgeschafft, in Rheinland-Pfalz steht ein Modellversuch bevor, und nun peilt auch Niedersachsen neue Lösungen an. Der Lehrerverband warnt vor einem „Vollkasko-Abitur“.

Der Plan der rot-grünen Koalition in Niedersachsen, mittelfristig das Sitzenbleiben abzuschaffen, hat den Streit über den Umgang mit leistungsschwachen Schülern neu angefacht. Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Stephan Dorgerloh (SPD), begrüßte das Konzept und verlangte mehr individuelle Förderung für Schulkinder. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sprach in der „Süddeutschen Zeitung“ (Samstag) dagegen von blankem Unsinn: „Das ist bildungspolitischer und pädagogischer Populismus.“

Die designierte niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) stellte klar, dass Rot-Grün keineswegs eine sofortige Abschaffung des Sitzenbleibens plant. „Wir haben ein perspektivisches Ziel formuliert, das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann“, sagte sie. Im Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne als Ziel festgeschrieben, Sitzenbleiben „durch individuelle Förderung überflüssig“ zu machen. Wie das konkret aussehen soll, bleibt offen. Heiligenstadt betonte, das Thema sei nicht vorrangig.

Bundesweit wiederholen pro Jahr etwa zwei Prozent aller Schüler eine Klasse. In den vergangenen Jahren haben eine ganze Reihe von Ländern entschieden, das Durchfallen ganz oder zumindest teilweise zu streichen. In Hamburg zum Beispiel ist Sitzenbleiben seit dem Schuljahr 2010 abgeschafft. Zurzeit gilt dies für die Klassen 1 bis 9, jährlich kommt eine weitere Stufe hinzu, so dass es bis 2017 in allen Klassen keine „Ehrenrunden“ für die Schüler mehr gibt.

Schulsenator Ties Rabe (SPD) sagte der Nachrichtenagentur dpa: „Wir haben eine Ersatzregelung eingeführt, die lautet: Wer in einem Kernfach eine 5 in einem Zeugnis hat, muss in eine kostenlose schulische Nachhilfemaßnahme.“ Der „Süddeutschen“ sagte er: „Sitzenbleiben verschwendet Lern- und Lebenszeit - es ist längst nicht mehr zeitgemäß.“

In Berlin ist das Sitzenbleiben an den Sekundarschulen (früher Haupt- und Realschulen) nicht mehr vorgesehen. Es sei denn, die Eltern wollen es unbedingt, sagte eine Sprecherin des Bildungssenats. Grundschüler wiederholen nur in Ausnahmefällen zwischen der 3. und 6. Jahrgangsstufe eine Klasse, an den Gymnasien entscheiden die Klassenkonferenzen darüber. Auch das rot-grün regierte Rheinland-Pfalz will in einem Modellversuch den Verzicht aufs Sitzenbleiben testen.

In Bayern drehten im vergangenen Schuljahr 2,3 Prozent der Gymnasiasten, 2,6 Prozent der Realschüler und 1,1 Prozent der Mittelschüler eine „Ehrenrunde“. Kultusminister Spaenle warnte in der „Süddeutschen Zeitung“ vor Änderungen: „Man entkleidet sich ohne Not eines pädagogischen Instruments, das den Schülern die Möglichkeit bietet, Versäumtes nachzuarbeiten. Das hat nichts mit Strafe zu tun.“

Josef Kraus, der aus Niederbayern stammende Chef des Deutschen Lehrerverbands, sagte dem Blatt: „Es gibt keine pädagogische Begründung für die Abschaffung, außer man ist ein naiver Utopist.“ Schulabschlüsse würden damit zu ungedeckten Schecks. „Da kann man gleich eine Abitur-Vollkasko-Garantie anbieten.“

Sachsen-Anhalts Kultusminister Dorgerloh wies diese Ansicht strikt zurück: Die Wissenschaft sei zum größten Teil der Auffassung, dass das Sitzenbleiben nichts bringe, sagte der KMK-Präsident.

dpa

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