Interview mit dem ORF-Korrespondenten in Kairo

"Den Leuten geht es dreckig"

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In Ägypten kam es am Wochenende zu schweren Ausschreitungen

Kairo/München - Sind die Todesurteile in Ägypten, die zu schweren Krawallen führten, ein politisches Signal? Die tz sprach darüber mit Karim El-Gawhary. Er ist Nahost-Korrespondent (ORF) in Kairo.

Sind die Todesurteile ein politisches Signal?

Karim El-Gawhary: Im Moment überlagern sich zwei Dinge. Es gibt einmal die Proteste der Opposition gegen die Muslimbrüder und die Regierung, die vom zweiten Jahrestag des Aufstandes gegen Mubarak am 25. Januar ausgelöst wurden. Zusätzlich dazu hatten wir am 26. Januar dieses Urteil. Das Gericht konnte sich aussuchen: Wenn wir den Prozess verschieben oder keine strikten Urteile verhängen, dann brennt Kairo mit den Al-Ahly-Fans. Wenn wir harsche Urteile fällen, dann brennt Port Said. Es ist eine Sache der totalen Polarisierung, wie so vieles hier im Land. Wir haben die Polarisierung zwischen Muslimbrüdern und Liberalen. Jetzt haben wir die Polarisierung zwischen Al-Ahly-Fans und Port-Said-Fans. Und keiner weiß, wie man diese Polarisierung überwinden kann.

Al-Ahly Fans gelten als Speerspitze der Revolution, die auf der Straße gegen Mubarak marschiert sind.

El-Gawhary: Eine Frage wurde bei dem aktuellen Prozess noch gar nicht aufgerollt: Gab es damals von Seiten des Sicherheitsapparates ein bewusstes Wegschauen oder sogar eine Unterstützung der Angriffe durch Port-Said-Fans, weil man den Ahly-Fans eins auswischen wollte? Wir haben 21 Fans, die verurteilt wurden. Aber fünf hohe Polizeioffiziere sitzen auch noch auf der Anklagebank. Bisher hat man die Kleinen zum Tode verurteilt, die die Drecksarbeit gemacht haben.

Wie ist die Lage im Moment?

El-Gawhary: Es ist vollkommen chaotisch. Wir haben hier einen Zustand von geballter Unzufriedenheit. Es geht nichts voran. Die Leute sind nicht nur entsetzt, dass wir seit zwei Tagen wieder massive Straßenschlachten haben, sondern dass es kein Konzept gibt, wie es mit diesem Land weitergehen soll. Den Leuten geht es dreckig, die Preise gehen nach oben. Sie haben keine Arbeit. Sie haben einen Staatsapparat, der im Prinzip noch so aussieht wie zu Zeiten Mubaraks. Die politische Diskussion geht an den realen Problemen der Menschen komplett vorbei. Das ist die eigentliche Katastrophe. Alle Parteien erweisen sich als denkbar schlechte Manager der Krise, und keiner hat eine Vision.

S. Schwinde

Todesurteile lösen schwere Krawalle in Ägypten aus

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