Dokufilm

Flüchtlinge: "Eine viel größere Welle kündigt sich an"

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Szenen aus „Landraub“: Die Palmölplantagen, die in einstigen Tierparadiesen wie Borneo oder Sumatra den Regenwald verdrängen, müssen mit gewaltigen Mengen an Pestiziden gespritzt werden – mit massiver Gesundheitsgefährdung für die Arbeiterinnen.

München - Nicht nur Bürgerkriege und Schurkenregime sorgen für Flüchtlingswellen. Eine Dokumentation beleuchtet nun die Ursachen für die Krisen von morgen die tz interviewte den Autor.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist seit der Finanzkrise 2008 eine weltweite Revolution im Gang, die einige wenige Reiche noch reicher macht, aber unzählige Menschen in totale Armut stürzt und Tiere wie die Orang Utans zum Aussterben verdammt: Banken wie die Deutsche Bank sowie Versicherungsfonds haben die Agrarflächen als lukratives Investment entdeckt. Was für fatale Folgen dies für Menschen und Umwelt hat, beleuchtet der renommierte Filmemacher und Autor Kurt Langbein in seiner neuen Dokumentation „Landraub – die globale Jagd nach dem Ackerland“. Langbeins Recherchen beleuchten auch die fatale Rolle, die die EU-Politik bei dieser brutalen neuen Kolonialisierung Afrikas und Südostasiens spielt. Im tz-Interview erklärt er, wie wir so selbst die nächsten Flüchtlings-Wellen aus diesen Regionen produzieren.

Derzeit ist ja viel von der Beseitigung von Fluchtgründen die Rede. Was hat Landraub mit der Flüchtlingsbewegung zu tun?

Kurt Langbein.

Kurt Langbein, Autor und Regisseur von „Landraub“: Aktuell verursachen vor allem die kriegerischen Ereignisse wie in Syrien diese Massenbewegung. Aber dahinter kündigt sich eine viel größere Flüchtlingswelle an. Wenn die Entwicklung so weitergeht, dass vor allem europäische Konzerne in Afrika den Leuten den Boden unter den Füßen wegkaufen, dann werden sich diese Menschen, die keine soziale und wirtschaftliche Beziehung mehr haben, in Bewegung setzen. Südlich der Sahara leben zurzeit 400 Millionen Kleinbauern mehr schlecht als recht von den Früchten ihrer Arbeit. Es wäre dringend notwendig, mit wissenschaftlichen Methoden dafür zu sorgen, ihnen zu helfen, die Erträge zu steigern, ohne Schaden anzurichten.

Ist es nicht so, dass wir die wachsende Weltbevölkerung ohne industriellen Ackerbau gar nicht satt bekommen?

Langbein: Ich muss zugeben, dass ich das zu Beginn meiner Recherchen vor zwei Jahren auch noch geglaubt habe. Doch es ist genau umgekehrt: Die Agrarindustrie verbraucht mit den Massen an Chemikalien und Maschinen, die sie einsetzt, wesentlich mehr Energie, als sie in den Pflanzen produziert. Bei der bäuerlichen Landwirtschaft ist es genau umgekehrt. Noch heute werden 70 Prozent der Nahrungsmitteln von Kleinbauern und Fischern produziert und nur 30 Prozent von dieser Agrarindustrie, die so erfolgreich das Bild in unsere Köpfe gepflanzt hat, der wahre Retter der Menschheit zu sein.

Wir kritisieren ja gerne die Rolle Chinas in Afrika. Da fand ich es schon überraschend, dass Sie beim Thema Landraub nicht Peking, sondern die EU als Haupt-Übeltäter beschreiben …

Langbein: Das europäische Finanzkapital hat nach dem Beinahe-Zusammenbruch 2008 Ackerfläche als sehr lohnendes Investment entdeckt. 44 Prozent aller weltweiten Agrar-Investitionen stammen aus Europa. Das heißt, wir sind zum einen Haupttäter – und nicht die Chinesen, und auch nicht die Araber. Wir sind aber auch Hauptnutznießer: 60 Prozent von dem was wir essen, wächst nicht mehr in Europa, sondern in Ländern, wo die Leute nicht genug zum Essen haben. Die Politik hat dieses grobe Missverhältnis nicht nur begünstigt, sondern regelrecht herbeigeführt.

Wir essen den Afrikanern nicht nur das Essen weg – dank der Biosprit-Verpflichtung der EU fahren wir es ihnen auch weg…

Langbein: Richtig, das ist Irrsinn mit Methode: Mit Entwicklungshilfegeldern werden riesige Zuckerplantagen in Westafrika finanziert. Die Leute, die dort den Boden bebaut haben, werden verdrängt – manchmal mit legalen Mitteln, aber manchmal auch mit roher Gewalt. Wenn man dreimal sein Auto mit Biosprit volltankt, verbraucht man so viel Fläche, die eine ganze Familie ein Jahr lang satt machen kann! Biosprit ist extrem unökologisch und ineffektiv. Dieser Biosprit-Wahnsinn muss schleunigst beendet werden.

Es gibt ja noch so ein EU-Programm für Entwicklungsländer, das sehr gut klingt: „Everything but arms“ – alles außer Waffenhandel: Warum bezweifeln Sie den Segen solcher Programme für den Wohlstand der afrikanischen oder südostasiatischen Bürger?

Langbein: Mit diesem Abkommen räumt die EU Ländern wie Kambodscha privilegierte Handelsmöglichkeiten ein – Kambodscha darf deshalb zollfrei und ohne Mengenbeschränkung Zucker nach Europa liefern. Die Folgen sind fatal: Mehr als 150 000 Menschen wurden von ihrem Land vertrieben, um dort riesige Zuckerrohr-Plantagen zu errichten. Es waren die bewegendsten Erlebnisse meiner zweijährigen Recherche, die verzweifelten Menschen zu sehen, die brutal von ihrem Boden vertrieben worden waren.

Noch so eine Institution, deren Aufgabe eigentlich die Verbesserung der Lebensumstände in den Entwicklungsländern wäre: die Weltbank. Was spielt sie für eine Rolle bei diesem Landraub-Monopoly?

Langbein: Sogar die Weltbank selbst musste in einem internen Prüfbericht einräumen, dass durch von der Weltbank finanzierte Projekte es in Äthiopien zu Zwangs-Umsiedlungen kam. Bauern und Hirten wurden vertrieben, um in riesigen Gewächshäusern Blumen und Gemüse anzupflanzen, die zu uns exportiert werden. Ich sprach mit einer der Arbeiterinnen in diesen Gewächshäusern: Sie bekommt 24 Euro – im Monat! Damit bekommt sie ihre Kinder nicht satt. Vom Gemüse, das sie anbaut, hat sie noch nie gegessen...

Manche werden denken: Der Landraub ist schlimm für Afrikaner oder Asiaten – aber was geht‘s mich an?

Langbein: Es geht uns auch deshalb an, weil beispielsweise für die gigantischen Palmöl-Plantagen in Indonesien, Malaysia und zunehmend auch in Afrika Millionen von Hektar Regenwald abgeholzt werden! Das Abholzen und Abbrennen des Regenwaldes verursacht bereits mehr klimaschädliche Treibhausgase als der gesamte Auto- und Flugverkehr zusammen. Schon jetzt wird auf 18 Millionen Hektar Palmöl angebaut, das ist eine Fläche, etwa doppelt so groß wie Österreich. Indonesien ist durch das dramatische Abholzen zum weltweit drittgrößten Klimasünder hinter den USA und China geworden.

Was kann ich als Verbraucher tun, wenn ich zum Beispiel die gigantisch wachsende Palmöl-Produktion nicht unterstützen will?

Langbein: Am besten ist es, regionales Fleisch, Obst und Gemüse zu kaufen und selber zu kochen! Bei Fertig-Pizza oder Schokoriegeln gibt es mittlerweile eine Kennzeichnungspflicht für Palmöl, auch da kann man Palmöl schon vermeiden. Bei Kosmetika ist es schwieriger, doch es gibt Apps, die beim Einkauf helfen. Leider bietet auch der Einkauf im Bioladen keine Garantie, palmölfreie Produkte zu bekommen.

Dort gibt es oft Produkte mit dem von der Umweltorganisation WWF mit ausgehandelten Nachhaltigkeits-Label RSPO. Kann ich Produkte mit diesem Siegel guten Gewissens kaufen?

Langbein: Nein, dieses Label ist ein Riesen-Etikettenschwindel! Selbst Plantagen, für die 10 000 Hektar Regenwald gerodet wurden, bekommen dieses Siegel, wenn sie ein Mini-Stück „schützenswerten“ Wald stehen lassen. Umweltfreundliche und nachhaltige Produktion ist beim Palmöl schlichtweg unmöglich.

Das ist Kurt Langbein

Der österreichische Filmemacher und Autor Kurt Langbein hat in seiner Karriere immer wieder heiße Eisen angepackt: In seinem Bestseller „Bittere Pillen“ (1983), das mit 2,7 Millionen verkauften Exemplaren eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Sachbücher überhaupt war, legte er sich mit der Pharma-Lobby an. Sein neuester Dokumentarfilm „Landraub“ kommt ab 8. Oktober auch in die Münchner Kinos (Neues Monopol, City).

Interview: Klaus Rimpel

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