Sie hat es geschafft

Diese Asylbewerberin ist nun Anwältin

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Nizaqete Bislimi kam vor 14 Jahren nach Deutschland.

München - Nizagete Bislimi ist vor 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Sie floh aus dem Kosovo. Im tz-Interview spricht die heutige Anwältin über ihre Erlebnisse.

Für Nizaqete Bislimi (36) wecken die Bilder von den syrischen Familien in deutschen Turnhallen oder Kasernen, von Flüchtlings-Trecks in ganz Europa Erinnerungen an die eigene Kindheit: Die Roma aus dem Kosovo floh mit ihrer Mutter vor dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Deutschland, lebte 14 Jahre in Flüchtlingsunterkünften. Trotz aller Widrigkeiten kämpfte sie sich in ihrer neuen Heimat Deutschland mit eisernem Willen nach oben, schaffte als erste „Geduldete“ die Staatsexamina und konnte ihren Traumberuf Anwältin ergreifen. Heute kämpft sie als Rechtsanwältin für Asylbewerber und als Vorsitzende des Bundes Roma Verbandes gegen das Vergessen der Verbrechen der Nazis an ihrem Volk. Die tz sprach mit dieser spannenden Frau über ihr Leben und die aktuelle Flüchtlings-Diskussion.

Vor 22 Jahren, als 14-Jährige, sind Sie vor dem drohenden Krieg im Kosovo nach Deutschland geflohen. Wie war das für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?

Nizaqete Bislimi: Es war sehr schmerzhaft für mich, mein Zuhause zu verlassen, meinen Vater, meine Oma, meine Freunde, die Orte, an denen ich als Kind gespielt hatte. Wir sind mehrere Tage mit dem Bus gefahren, mir wurde schlecht von dem Dieselgeruch. Meine Mutter hat mir eine Orangenschale gegeben: Atme das ein, das lenkt dich ab. Seither erinnert mich Orangengeruch stets an diese Flucht … Wir mussten am Ende zu Fuß nachts bei Regen über Wälder und Felder – ich hatte nur Sommerschuhe an.

Sie hatten über ein Jahrzehnt lang nur den unsicheren Duldungs-Status, studierten sogar Jura, ohne einen sicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland zu haben. Wäre eine rasche Abschiebung besser gewesen als diese ständige Unsicherheit, ob man bleiben darf?

Bislimi: Ganz sicher nicht! Wenn ich im Jugoslawien-Krieg zurückgeschickt worden wäre, wäre ich möglicherweise vergewaltigt und getötet worden! Aber für die Integration war es auch nicht gut, uns so lange in diesem Status der Duldung zu halten.

Sie haben trotz widrigster Umstände schnell Deutsch gelernt, als eine der drei Jahrgangsbesten Abitur gemacht und die juristischen Staatsexamina bestanden. Waren Sie so ehrgeizig, weil Sie sich als Flüchtling beweisen mussten – oder hätten Sie in einem friedlichen Kosovo ohne Krieg den gleichen Weg genommen?

Bislimi: Ich habe schon als kleines Mädchen im Kosovo sehr gerne gelernt, man musste mich nie zum Lernen zwingen. Aber natürlich kann es auch eine Rolle gespielt haben, dass ich als Roma in Deutschland mehr leisten musste als andere. Wir hatten in der Flüchtlingsbaracke nur einen winzigen Raum, in jeder Ecke lernte ein anderes von uns Kindern – meine Mutter musste die Schulsachen wegräumen, wenn sie kochen wollte.

Der Holocaust hat dazu geführt, dass Juden im modernen Deutschland weitgehend positiv gesehen werden. Warum hat der Massenmord der Nazis an den Sinti und Roma nicht auch hier zu einem Umdenken der deutschen Gesellschaft geführt?

Bislimi: Ein Grund für den auch heute noch herrschenden Antiziganismus ist, dass es keine seriöse Aufarbeitung des Genozids an Roma und Sinti gibt. Erst 1992 wurde der Beschluss gefasst, ein Denkmal zu errichten. Und dann dauerte es noch einmal 20 Jahre, bis es fertig war. Es wäre wichtig, dass dieser Massenmord der Nazis in den Schulbüchern nicht nur mit einem Nebensatz abgehandelt wird, dass es mehr Wissen gibt!

Sie selbst haben anfangs auch verheimlicht, dass Sie eine Roma sind …

Bislimi: Ja, ich habe mich dafür geschämt, eine Romni zu sein. Heute schäme ich mich dafür, dass ich mich damals geschämt hatte. Ich habe es lange Zeit verschwiegen, weil ich schnell gemerkt habe, dass die Roma in Deutschland unter den Flüchtlingen ganz unten rangieren. Tatsächlich verschweigen viele Roma ihre Herkunft, aus Angst, sonst den Job zu verlieren. Es war ein langer Prozess, bis ich selbstbewusst zu meiner Herkunft stehen konnte.

Wie ist die Situation der Roma in den laut Bundesregierung „sicheren Herkunftsstaaten“?

Bislimi: Das Asylrecht gewährt ein individuelles Recht nach Prüfung eines Einzelfalls – hier aber wird das Verfahren nur noch durchgepeitscht. Es wird begründet mit den hohen Ablehnungs-Quoten bei Balkan-Flüchtlingen. Aber die gibt es ja nur, weil die Ablehnung politisch vorgegeben wird! In Frankreich oder Schweden sind die Anerkennungsquoten für Flüchtlinge vom Balkan viel höher. Kosovo ist kein sicheres Herkunftsland, insbesondere nicht für Roma. 1999 wurden sie schon vertrieben und getötet. Die Einstellung der Menschen hat sich nicht geändert. Wenn ein Rom auf der Straße angegriffen wird, weil er ein Rom ist, und er geht zur Polizei, bekommt er dort keinen Schutz. Warum sind die deutschen KFOR-Truppen noch dort, wenn es dort so sicher ist?

Wie wirkt die aktuelle Asyl- Debatte auf Sie?

Bislimi: Damals in den 90er- Jahren wurde diese Debatte schon genauso geführt! Damals haben Flüchtlingsunterkünfte gebrannt, Menschen wurden getötet. Und die Reaktion war die Verschärfung, faktisch die Abschaffung des Asylrechts. Auch heute brennen Flüchtlingsunterkünfte, auch heute ist die Reaktion die Verschärfung des Asylrechts.

Ist nicht die Zahl der Flüchtlinge inzwischen so groß, dass der Staat abwägen muss, wen er reinlässt und wen nicht?

Bislimi: Die Zahl ist groß, ja. Aber wenn wir sie in Relation zu den 65 Millionen Menschen setzen, die weltweit derzeit auf der Flucht sind, ist es eine geringe Zahl. In den Nachbarstaaten zu Syrien wurden die Menschen zuletzt mit neun Euro pro Familie versorgt, weil die EU die Zahlungen runtergefahren hatte. Menschen gehen so einen weiten Weg übers Mittelmeer oder die Balkanroute nicht, wenn sie auch woanders Schutz suchen können – das funktioniert im Libanon oder Jordanien nicht mehr, deshalb kommen so viele. Aber die Menschen gehen auch wieder! Nach der Beendigung des Bosnien-Krieges sind 95 Prozent der Kriegsflüchtlinge wieder zurückgegangen. Ich habe als Anwältin viele syrische Mandanten, die mir sagen: „Wir sind nicht hier, weil wir das wollen. Wir haben solange gewartet, bis es nicht mehr anders ging. Wir können es kaum erwarten, dass wieder Frieden in unserer Heimat herrscht und wir zurückkehren können.“

Ist unsere Gesellschaft toleranter geworden? 

Bislimi: Ich habe auch 1993 schon eine Gesellschaft erfahren, die mich offen empfangen hat, ohne deren Unterstützung ich meinen Weg nie so hätte gehen können. Dieses Buch ist auch ein Dankeschön an all die Lehrer und andere Menschen, die mir damals geholfen haben. Das Problem war die Kälte der Behörden. Ich bin damals stolz mit meinem Abitur-Zeugnis zur Ausländerbehörde gegangen und gesagt, ich möchte gerne studieren. Die Reaktion war: Wie jetzt? Sie sind nur geduldet. Ich fand das unsäglich: Es ist doch mein Leben, ich war seit fünf Jahren in Deutschland, soll ich nur sitzen und warten?

Wie kam es zu Ihrem Wunsch, Anwältin werden zu wollen?

Bislimi: Schon als kleines Mädchen habe ich mich immer für meine Geschwister eingesetzt und hatte dieses Bauchgefühl für Recht und Gerechtigkeit. Die Behörden begegneten uns so kalt und arrogant, dass ich mir dachte: Wenn ich denen intellektuell auf Augenhöhe begegnen kann, vielleicht ändern sie ihr Verhalten. Als dann die ersten amtlichen Briefe im Flüchtlingslager ankamen und ich die nicht verstand, obwohl ich schon einigermaßen Deutsch konnte, sagte der Anwalt zu mir, dem 14-jährigen Mädchen: „Um das zu verstehen, musst du Jura studieren!“ Und das hat sich bei mir eingenistet – seit 2001 arbeite ich in seiner Kanzlei, seit 2009 bin ich Anwältin.

Und was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Bislimi: Die Entscheidung, so viel von mir preiszugeben, fiel mir nicht leicht. Aber als bei einer Theater-Aufführung von Jugendlichen in Berlin ein elfjähriges Mädchen meine Lebensgeschichte auf der Bühne erzählte, und dieses Kind mich dann nach der Aufführung umarmte und mir sagte „Ich bin dein größter Fan!“, dachte ich mir: Wenn es mir gelingt, nur einem Menschen Mut zu machen, dass man auch als Romni und Flüchtling etwas im Leben erreichen kann, dann hat das Buch seinen Sinn! Und wenn es mir dann noch gelingt, die Menschen dazu zu bringen, sich auch mal für ihre Nachbarn zu interessieren, dieses Denken „wir“ und „sie“ zu durchbrechen – die Basis des Rassismus – dann bin ich mehr als zufrieden.

Interview: Klaus Rimpel

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