Viele Vorurteile stimmen nicht

Einwanderungsland Deutschland: Neues Gutachten

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Deutschland ist Einwanerungsland.

Berlin - Deutschland ächzt angeblich unter der Last von schlecht ausgebildeten Zuwanderern, die die Sozialkassen belasten? Alles Unsinn, sagt ein neues Gutachten.

Deutschland ist wieder Einwanderungsland und zieht immer mehr gut Qualifizierte aus anderen EU-Staaten an. Das geht aus einem Gutachten hervor, das der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration am Freitag in Berlin vorlegte. Im ersten Halbjahr 2012 kamen demnach mehr als zwei Drittel der Zuwanderer aus anderen EU-Ländern - und sie waren im Schnitt deutlich jünger und besser qualifiziert als die Mehrheitsbevölkerung in Deutschland.

Der Trend, dass vor allem Mittel- und Hochqualifizierte Deutschland verließen und Geringqualifizierte einwanderten, sei gestoppt, sagte die Vorsitzende des Gremiums, Christine Langenfeld. „Deutschland ist vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland geworden.“ Hauptherkunftsländer der EU-Zuwanderer waren laut Gutachten zuletzt Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Besonders zugenommen hat die Zahl der Migranten aus den südeuropäischen Krisenstaaten Griechenland, Spanien und Portugal.

Die Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union sei gerade in Zeiten der Schuldenkrise ein Erfolgsmodell, sagte Langenfeld. Arbeitslose aus Krisenländern könnten in Deutschland einen Job finden, in den Herkunftsländern verringerten sich die Transferleistungen. Für Deutschland wiederum werde der Fachkräftemangel in bestimmten Branchen abgefedert.

Befürchtungen, dass die Freizügigkeit innerhalb der EU zu „Sozialtourismus“ führe, hätten sich als unberechtigt erwiesen, betonte Langenfeld. Zum Beispiel hätten mehr als 70 Prozent der Bulgaren oder Rumänen, die nach 2007 eingewandert und zwischen 25 und 44 Jahren alt seien, eine Arbeit in Deutschland. „Armutswanderung ist bislang die Ausnahme, nicht die Regel.“

Langenfeld mahnte aber, trotz der positiven Entwicklung gebe es noch viele Barrieren für die Migration innerhalb der EU. Ein Problem sei etwa die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse. Deutschland habe dazu zwar ein Gesetz verabschiedet. „Aber bei der Umsetzung knirscht es noch erheblich.“

Die Expertenrunde fordert einen nationalen Aktionsplan zur Migrationspolitik. Bislang würden die verschiedenen Themen weitgehend unverbunden diskutiert, nötig sei aber ein Gesamtkonzept. Das Gremium plädiert unter anderem dafür, das Thema Integration aus dem Bundesinnenministerium abzuziehen und weniger auf Sicherheitsaspekte zu schauen, sondern einen Schwerpunkt auf Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zu legen. „Gerade für Deutschland steht viel auf dem Spiel“, sagte Langenfeld.

Am Freitagnachmittag übergab der Sachverständigenrat das Gutachten an Bundespräsident Joachim Gauck und setzte sich mit dem Staatsoberhaupt zusammen, um über die Ergebnisse zu diskutieren. Der Sachverständigenrat geht auf eine Initiative mehrerer Stiftungen zurück. Dem Gremium gehören neun Wissenschaftler verschiedener Disziplinen an. Die Runde veröffentlicht jedes Jahr ein Gutachten mit unterschiedlichem Schwerpunkt.

dpa

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