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Erdogan, Putin und Xi: „Das letzte Abendmahl im Club der noch lebenden Diktatoren“

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Von: Bettina Menzel

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Ein Bild vom Shanghaier-Gipfeltreffen asiatischer Staats- und Regierungschefs entfachte bei Twitter-Nutzern einen Wettbewerb um die beste Bildunterschrift - mit teils zynischen Kommentaren.

Samarkand - In der vergangenen Woche fand der Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) statt und brachte brisante Neuerungen. Dem Bündnis gehören unter anderem die offiziellen Atommächte Russland, China und Indien an, nun ist auch Iran Mitglied. Das Land wird verdächtigt, die Entwicklung von Atomwaffen voranzutreiben. Der russische Präsident Wladimir Putin und Chinas Staatschef Xi Jinping forderten beim Gipfeltreffen in Usbekistan nichts Geringeres als eine neue Weltordnung. Das Netz nahm das Treffen indes mit Humor. Ein Foto der Staatschefs ging viral und es entspann sich ein regelrechter Wettbewerb um die beste Bildunterschrift.

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Recep Tayyip Erdogan (M,l), Präsident der Türkei, im Gespräch mit Ilham Aliyev (sitzend, 5.v.r), Präsident von Aserbaidschan, Emomalij Rahmon (sitzend, 4.v.r), Präsident von Tadschikistan, Wladimir Putin (sitzend, 3.v.r), Präsident von Russland, Alexander Lukaschenko (sitzend, 2.v.r), Präsident von Belarus und Ebrahim Raisi (sitzend, r), Präsident des Iran. © Uncredited/Turkish Presidency/AP/dpa

Putin in Handschellen? Kreative Kommentare rund um Foto von Gipfeltreffen asiatischer Staats- und Regierungschefs 

Auf dem betreffenden Foto vom Gipfel sieht man den russischen Präsidenten Wladimir Putin neben Emomalij Rahmon, dem Präsidenten von Tadschikistan und dem „letzten Diktator Europas“ Alexander Lukaschenko, dem Präsident von Belarus. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan scheint am Kopfende zu sitzen und gerade das Wort zu führen. Neben ihm hat Ilham Aliyev, der Präsident von Aserbaidschan, Platz genommen. Der Präsident des Iran, Ebrahim Raisi, ist auf dem Original-Foto ganz rechts neben Lukaschenko zu sehen - im Twitter-Beitrag verschwindet er jedoch.

Der bulgarische Investigativjournalist Christo Grosew postete das Bild mit den Worten „caption contest“ auf Twitter - und rief damit einen Wettbewerb zur besten Bildunterschrift aus. Das ließen sich die Twitter-Nutzer nicht zweimal sagen und legten los. Einer photoshoppte den ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders ins Bild, der seinerseits viral ging, als er wenig euphorisch mit auffälligen Handschuhen und überkreuzten Armen bei Joe Bidens Vereidigung zum US-Präsidenten im Publikum saß. Nun schaffte es Sanders unfreiwillig bis aufs Gipfeltreffen der SCO.

Ein anderer Kommentator warf ein besonderes Augenmerk auf die Hände Putins. In Verbindung mit der silbernen Uhr des Kremlchefs fühlte sich der Nutzer offenbar an eine Festnahme erinnert und kommentierte: „Er sieht so süß aus in Handschellen!“ Ein weiterer Twitter-User fasste das Bild der asiatischen Staats- und Regierungschefs als „das letzte Abendmahl im Club der noch lebenden Diktatoren“ zusammen. Der nächste lässt den türkischen Präsidenten zu Wort kommen: „Möchtest du einen Witz hören?“, lässt er Erdogan fragen. Putin antwortet „Da!“ und darauf der türkische Präsident: „Die russische Armee“, wohl in Anspielung auf die militärischen Rückschläge Russlands im Zuge der Gegenoffensive der Ukraine.

Das ist die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO)

Die Organisation wurde im Jahr 2001 mit Blick auf den Kampf gegen Terrorismus gegründet, sie vertritt rund 40 Prozent der Weltbevölkerung und 30 Prozent der globalen Weltwirtschaftsleistung. Mitglieder sind China, Russland, Indien, Pakistan, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan. Bei dem jüngsten Gipfeltreffen wurde auch der Iran in das Bündnis aufgenommen, der wie Belarus und die Mongolei bislang Beobachterstatus hatte. Es begann auch der Prozess für die Aufnahme von Belarus, dessen Präsident Alexander Lukaschenko als „letzter Diktator Europas“ gilt. Geladen war zudem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der am Samstag (17. September) ankündigte, dem Bündnis beitreten zu wollen. Dies gilt als brisant, da die Türkei ebenfalls Nato-Mitglied ist. Kritiker werfen dem türkischen Präsidenten eine „Schaukelpolitik“ vor.

Kommentare spielen auf Fensterstürze russischer Oligarchen und Vergiftungen an

Die Liste der Kommentare unter dem Foto ist endlos. Einige der vorgeschlagenen Bildunterschriften sind als Andeutungen auf wahre Begebenheiten zu verstehen. So wurde Russland in der Vergangenheit immer wieder in Verbindung mit Giftanschlägen gebracht, etwa auf den Oppositionspolitiker Alexey Nawalny oder auf den russischen Ex-Spion Alexander Litwinenko. Kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs hatte es auf Verhandlungen zwischen russischen und ukrainischen Unterhändlern Spekulationen über Vergiftungserscheinungen gegeben. Das Wall Street Journal hatte berichtet, Mitglieder der Delegationen, darunter der russische Oligarch Roman Abramowitsch, seien Anfang März vergiftet worden. Diese Vorwürfe wurden jedoch sowohl von Kiew als auch von Moskau zurückgewiesen. Ein Kommentator spielte mit einem ausgedachten Dialog wohl auf diese Hintergründe an. Den Teilnehmern am SCO-Gipfeltreffen legt er die Worte in den Mund: „Iss du zuerst“ - „Nein, du isst zuerst.“ Ein anderer lässt den türkischen Präsidenten sagen: „Russisches Roulette: in einem dieser Gerichte ist KEIN Gift, viel Spaß!“

Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar mehrten sich auch die mysteriösen Todesfälle bei russischen Oligarchen. Zahlreiche von ihnen hatten direkte oder indirekte Verbindungen zum russischen Staatskonzern Gazprom oder in die Energiebranche. Ein hochrangiger Energie-Manager stürzte im September offenbar in Moskau aus dem Fenster eines Krankenhauses. „Gut, dass der Raum anscheinend keine Fenster hat“, kommentierte ein Nutzer in Anspielung darauf zynisch. Ein weiterer Twitter-User legte den Protagonisten des Treffens ähnliche Worte in den Mund: „Also habe ich zu ihm gesagt: Aber diese Fenster öffnen sich nicht. So sind wir auf die Idee mit dem Buffet gekommen.“

Es schadet manchmal nicht, die Dinge mit Humor zu nehmen. Doch das Treffen der Staatsmänner hat einen ernsthaften Hintergrund und wurde etwa vonseiten der Weltmacht China durchaus ernst genommen. Der chinesische Präsident Xi Jinping nahm beim Gipfel persönlich teil, es war sein erster Auslandsbesuch seit der COVID-19-Pandemie. Dies erregte weltweit Aufmerksamkeit und verlieh der bilateralen Veranstaltung ein größeres Gewicht. Es sei an der Zeit, die internationale Ordnung neu zu gestalten und das „Nullsummenspiel und die Blockpolitik aufzugeben“, sagte Xi am Freitag. Putin rühmte seinerseits den wachsenden Einfluss nicht-westlicher Länder (AFP/dpa/bme).

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