In drei Stufen zum Zentralabitur

München – Gymnasiasten der jetzigen 10. Jahrgangsstufe sollen zum direkten Wettstreit mit Schülern fünf weiterer Bundesländer antreten: Kultusminister Ludwig Spaenle plant das länderübergreifende Abitur.

Die Pläne für ein gemeinsames Abitur sind schon vier Jahre alt: Im Jahr 2008 vereinbarte der damalige Kultusminister Siegfried Schneider mit vier anderen Bundesländern, gemeinsame Abituraufgaben zu erarbeiten. Es entstand das „Südabitur“ – weil die Allianzpartner zumeist im Süden Deutschlands residierten und konservativ regiert wurden.

Doch drei der fünf Partner sind mittlerweile abgesprungen: Baden-Württemberg ist jetzt Grün-Rot regiert, Thüringen und Sachsen-Anhalt haben SPD-Kultusminister. Andere Länder kamen indes hinzu. Heute ist vom bundespolitischen Anspruch des geplanten Zentralabiturs kaum noch etwas übrig geblieben. Stattdessen betreibt eine bunte Gruppe von Bundesländern, auf die der Begriff „Südabitur“ beim besten Willen nicht mehr zutrifft, das länderübergreifende Abitur: neben Bayern (CSU-regiert) sind dies Hamburg (SPD), Niedersachsen (CDU), Sachsen (CDU), Mecklenburg-Vorpommern (SPD) und Schleswig-Holstein (FDP-Kultusminister). Die Liste steht unter Vorbehalt – weitere Zu- oder Abgänge könnten kommende Wahlen, zum Beispiel im Mai in Schleswig-Holstein, mit sich bringen. Doch Bayerns Kultusminister Spaenle gibt sich unverdrossen. Die Allianz der Bundesländer, so schreibt er in einem Rundbrief an die Gymnasien, wolle über gemeinsames Bildungsstandards hinausgehen, die die Kultusministerkonferenz im Herbst dieses Jahres beschließen werde. Den Ländern gehe es um gemeinsame Prüfungsaufgaben, um die Vergleichbarkeit der Bildungsabschlüsse auch wirklich zu garantieren. Dies wiederum sei Voraussetzung für höhere Mobilität und mehr Chancengerechtigkeit.

Vorgesehen ist ein Drei-Stufen-Plan: Schon ab 16. April 2012 soll es gemeinsame Übungsaufgaben geben. Als zweiten Schritt soll es für die Abiturienten im Herbst 2013 je eine Klausur in Mathematik, Deutsch und Englisch geben. Diese muss gemeinsam in allen sechs Bundesländern auf die Minute zeitgleich geschrieben werden – ebenso dann die schriftlichen Abiturprüfungen, die als dritter Schritt nach dem Willen des Ministers erstmalig im Frühjahr 2014 in allen sechs Bundesländern identische Aufgabenteile enthalten sollen.

„Da tun sich eine Menge Fragen auf“, sagt Walter Erich Schlotter vom Hallertau-Gymnasium Wolnzach, der die Direktorenvereinigung Oberbayern-West leitet. Er frage sich, ob es für die bayerischen Schüler Chancengleichheit geben könne – schließlich hätten sie anders als Schüler in Norddeutschland erheblichen Druck durch eine Vielzahl von Pflicht-Klausuren. Auch sein Kollege Walter Baier vom Gymnasium Bruckmühl sieht Umsetzungsprobleme. Er hoffe auf sinnvolle Aufgabenstellungen. Multiple-Choice-Aufgaben zum Ankreuzen „haben mit Wissen nicht unbedingt etwas zu tun“, formuliert er spitz. Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands, Max Schmidt, kündigte an, die Bedenken seiner Kollegen in einem Protestschreiben an Spaenle zu bündeln. „Wir scheuen keinen Qualitätsvergleich“, sagt Schmidt, „aber der Aufwand bei wortgleichen Prüfungen ist riesengroß – das geht nicht“. Spaenle solle es beim Ziel gemeinsamer Standards belassen, meint Schmidt.

Auch in Norddeutschland geht schon die Angst vor dem länderübergreifenden Abitur um – unter entgegengesetzten Vorzeichen. „Wenn dieser Beschluss nicht verhindert wird, bekommen wir ein schwarzes Abitur nach dem Muster von Bayern und Sachsen“, sagte der Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Niedersachsen, Eberhard Brandt.

Dirk Walter

Rubriklistenbild: © dpa

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