tz-Interview mit Pascal Beucker

Experte: "Haderthauer wurde zurückgetreten"

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Christine Haderthauer bei ihrer Rücktritts-Pressekonferenz.

München - Der überraschende Abgang von Christine Haderthauer wirft Fragen auf. Darüber sprach die tz mit dem Experten Pascal Beucker, der u. a. das Buch "Endstation Rücktritt" verfasst hat.

Pascal Beucker.

Am Tag nach dem Rücktritt von Staatskanzleichefin Christine Haderthauer richtet sich die Aufmerksamkeit der CSU auf die Nachfolgediskussion. Doch auch der zumindest zu diesem Zeitpunkt überraschende Abgang der umstrittenen Ministerin wirft Fragen auf. Darüber sprach die tz mit dem Experten Pascal Beucker, der u. a. das Buch "Endstation Rücktritt" verfasst hat.

Ist Christine Haderthauer zurückgetreten oder wurde sie zurückgetreten? Vor ihrer Pressekonferenz fand ja ein „sehr freundschaftliches Gespräch“ mit Horst Seehofer statt.

Pascal Beucker, Rücktrittsexperte: Solche Gespräche sind in der Darstellung immer sehr freundlich. Ich gehe aber davon aus, dass sie zurückgetreten wurde. Diese Affäre hat schon viel zu lange die Regierungspolitik belastet. Seehofer wollte jetzt einen Schlussstrich ziehen. Ein Untersuchungsausschuss droht - das wäre eine lange Zeit, in der er nur in der Verteidigungshaltung gewesen und von der Opposition getrieben worden wäre.

Im Vergleich zu anderen – hatte Haderthauer viel Sitzfleisch?

Beucker: Die ersten Artikel über die Modellbau-Affäre erschienen schon im Mai 2013. Danach war allerdings ziemlich lange Ruhe. Hader­thauer ist wahrscheinlich davon ausgegangen, dass alles ausgestanden ist – durch Dreistigkeit. Sie hat damals nicht aufgeklärt. Zählt man das ganze Jahr mit, hat sie bemerkenswerte Stand- bzw. Sitzfestigkeit bewiesen. Sie wäre ja auch fast damit durchgekommen.

Noch vor einem Monat gab sie sich offensiv: Die Modellbaugeschäfte mit psychisch gestörten Kapitalverbrechern seien „von Idealismus getragen“ gewesen. War das clever oder riskant?

Beucker: Es war sehr riskant. Sie hat wohl darauf gesetzt, dass es nicht mehr genug Justiziables gibt, das sie in Bedrängnis bringen könnte. Die Geschäfte reichen zurück bis Anfang der neunziger Jahre. Da ist vieles verjährt. Sie hat ja nach eigenen Angaben 2003 ihre eigenen Firmenanteile aufgegeben – worüber es allerdings Zweifel gibt. Durch die Aufnahme des Ermittlungsverfahrens ist es wesentlich brenzliger geworden.

Mal abgesehen von der Strafbarkeit – viele Bürger und auch Politiker halten die Geschäfte für moralisch anrüchig.

Beucker: Die moralische Komponente hat sie offenbar komplett ausgeblendet oder zumindest unterschätzt. In ihrer Rücktrittserklärung ist zum ersten Mal andeutungsweise genau das enthalten.

Dass „verständliche Fragen dazu“ aufgeworfen worden seien?

Beucker: Ja. Endlich dieses kleine Eingeständnis. Aber es kommt zu spät. Sie hätte die Öffentlichkeit im Mai 2013 aufklären sollen. Das geht natürlich nur, wenn man wirklich klar Schiff machen kann und keine weiteren Enthüllungen befürchten muss.

Welche Auswirkungen hat das lange Zögern für Horst Seehofer?

Beucker: Es wirft kein gutes Licht auf ihn. Als Staatskanzleichefin war Haderthauer für ihn persönlich eine sehr wichtige Person. Immerhin hat er die Affäre zum Ende der Sommerpause erledigt.

Unterschätzte er die Tragweite der Affäre, als er sie im Herbst zur Staatskanzleichefin machte?

Beucker: Er hat wohl den Beteuerungen von Haderthauer geglaubt, an den Vorwürfen sei nichts dran. An seiner Stelle wäre ich trotzdem dieses Risiko nicht eingegangen. Heute sind die Verhältnisse in Bayern anders als zu Strauß‘ Zeiten: Da musste man nur dreist genug die Kritiker beschimpfen und konnte dann im Amt bleiben.

Können Sie sich diese Geschichte und ihre Langwierigkeit auch in einem anderen Bundesland vorstellen?

Beucker: Dreistigkeit gibt’s auch anderswo in der Republik und in anderen Parteien. Ich denke da an den Fall des SPD-Bundesministers Reinhard Klimmt, der ein Jahr lang ein komplettes Verfahren abgewartet hat – das war diese Fußballaffäre in Saarbrücken – bis er seinen Strafbefehl erhielt. Erst dann ist er zurückgetreten.

Bedeutet der Rücktritt für Haderthauer die politische Endstation? Sie war ja schon als Seehofers Nachfolgekandidatin gehandelt worden.

Beucker: Das wird sie bestimmt nicht mehr. Aber es gibt zum Beispiel das Europaparlament, dahin schickt die CSU gerne gefallene Politikerinnen. Natürlich hängt Haderthauers Zukunft entscheidend davon ab, wie das Ermittlungsverfahren und möglicherweise ein Prozess ausgeht. Bei einer Verurteilung wird es ganz schwer – vor allem bei jemandem, der innerparteilich keine Bataillone hat wie sie. Ohne Hausmacht werden kaum Rufe nach ihrer Rückkehr erschallen.

Interview: B. Wimmer

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