tz-Interview

Fall Barschel: Experte über die neue Spur

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Der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Uwe Barschel starb im Genfer Hotel Beau Rivage in der Badewanne. Der Fall ist ungeklärt

München - Werner Kalinka, Autor und CDU-Politiker, hat eine weitere Untersuchung im Fall Barschel angeregt, die tatsächlich zu einer neuen Spur führte. Nun fordert Kalinka Ermittlungen: das tz-Interview.

Herr Kalinka, Sie sind einer der besten Kenner des Falles Barschel, haben zwei Bücher darüber veröffentlicht. Warum haben Sie erneut recherchiert?

Werner Kalinka: Ich habe Hinweise bekommen, von denen ich meine, dass man ihnen nachgehen sollte. Auch bei der DNA-Analyse gibt es heute erheblich bessere Möglichkeiten der Ermittlungen durch die Erbgutanalyse; Fälle aus der Vergangenheit werden neu bearbeitet. Ich habe mich gefragt, warum das im Fall Barschel nicht gemacht wird. Deswegen habe ich im Herbst 2010 darum gebeten. Das zog sich dann hin. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass tatsächlich eine zweite DNA-Spur gefunden wurde. Ich habe die Lübecker Staatsanwaltschaft um das ganze Gutachten gebeten, aber das haben sie abgelehnt. Das wurde mir in schriftlich mitgeteilt, da hieß es: Weitere Ermittlungen seien nicht lohnenswert, die Täterrelevanz sei nicht gegeben!

Was sagen Sie dazu?

Kalinka: Das kann mich nicht überzeugen. Man hat etwas gefunden, und da ist es doch klar, dass man es nicht gleich zuordnen kann. Jede Chance der Ermittlung muss genutzt werden, für mich ist das ein zwingendes Gebot. Dieser Fall bewegt die Menschen sehr stark. 1998 hat man das Verfahren mit dem Tenor eingestellt: Eigentlich spricht mehr für Mord, aber da wir keinen Mörder haben, müssen wir es vorläufig zu Ende führen. Wenn es einen Ansatzpunkt für neue Ermittlungen gibt, hieß es, führen wir die durch.

Was schließen Sie aus den DNA-Spuren an den Socken und an der Krawatte?

Kalinka: Es sind zwei sensible Asservate. Socken sind dicht an den Schuhen, und die Staatsanwaltschaft hat selbst länger ermittelt, ob da giftige Substanzen drin sind. Die hat man festgestellt. Auch die Spuren an der Krawatte könnte zu neuen Erkenntnissen führen, denn der Hemdknopf darunter war abgerissen. Warum interessiert das niemanden?

Die Lübecker Staatsanwaltschaft war doch interessierter an der Aufklärung als die Generalstaatsanwaltschaft?

Kalinka: Lübeck hat sich für zuständig erklärt. Es gibt ein Aktenzeichen Todesermittlungsverfahren mit dem Datum 12. Oktober 1987. Da haben die Ermittlungen eigentlich begonnen. Später hat man gesagt, wir haben ja selber gar nicht ermittelt, sondern fast alles aus Genf bekommen. Erst Anfang 1995 wurden die Asservate aus Genf geholt. Dann gibt es ja noch das Haar, das aus Genf mitgeliefert wurde, aber verschwunden ist.

Welchen Reim machen Sie sich auf diese Vorgänge?

Kalinka: Für mich sind das einfach aufklärungsbedürftige Punkte.

Es gibt ja viele Theorien, auch über Geheimdienste.

Kalinka: Man muss schon die Frage stellen, ob alles aus geheimdienstlichen Bereichen durchrecherchiert ist. Auch der Anwalt der Familie hat damals Hinweise gegeben, was man intensiver ermitteln sollte – da hat man sich aber wohl nicht sehr stark orientiert.

Wollen die Staatsanwaltschaften nicht mehr an die Ermittlungspannen erinnert werden?

Kalinka: Man kann manchmal den Eindruck gewinnen, dass es einigen lieber wäre, wenn man sich nicht mehr mit dem Fall befassen würde. Das kann verschiedene Gründe haben.

Kannten Sie Uwe Barschel?

Kalinka: Ja. Ich war sein späterer Nachfolger bei der Jungen Union, unser Verhältnis war allerdings nicht spannungsfrei. Ich war während seiner Regierungszeit schon sechs Jahre im Landtag.

Wurden Sie denn irgendwann als Zeuge befragt?

Kalinka: Ich habe mich gegenüber der Staatsanwaltschaft geäußert, aber wie stark das die Ermittler interessiert hat, möchte ich nicht bewerten.

Hatten Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihren eigenen Recherchen der Staatsanwaltschaft lästig waren?

Kalinka: Das hat keiner zu mir gesagt. Ich stelle aber zum Beispiel manchmal fest, dass, wenn man Archiveinsichten oder Informationen zu bestimmten Themen wünscht, doch sehr hohe Hürden aufgebaut werden. Ich betone, zum Teil. Dies ist ein zeitgeschichtlicher Fall, eigentlich der brisanteste in der Nachkriegsgeschichte. Von daher müsste eigentlich ein großes Interesse daran bestehen.

Interview: Barbara Wimmer

Die Rätsel des Polit-Krimis

Tod am 10. Oktober 1987: Uwe Barschel (43) wird tot in der Badewanne von Zimmer 317 im Genfer Hotel Beau Rivage aufgefunden. Neun Tage zuvor war er als CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein zurückgetreten: Konsequenz der Bespitzelung von SPD-Spitzenkandidat Björn Engholm. Ob Barschel tatsächlich Auftraggeber von Rainer Pfeiffer war, ist nicht geklärt.

Todesursache I: Barschel starb an einer Medikamentenvergiftung, so die Staatsanwaltschaft Genf. Lange Zeit galt Suizid als wahrscheinlich.

Todesursache II: Barschels Witwe Freya beauftragte den Schweizer Chemiker Klaus Brandenberger mit einer genaueren Analyse. Ergebnis: Die tödliche Dosis Cyclobarbital wurde verabreicht, als Barschel bewusstlos war.

Mordtheorien: Der frühere Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad, Viktor Ostrovsky, behauptete, Barschel sei wegen seiner Opposition in der Operation Hannibal um Geschäfte mit Flugzeug-Ersatzteilen an Iran im Kampf gegen den Irak und wegen der Ausbildung iranischer Piloten durch Israel auf norddeutschen Flughäfen getötet worden. Stimmt es, dass Barschel über illegale Waffenschiebereien auspacken wollte?

„Robert Roloff“: Diesen Decknamen nahm Rainer Pfeiffer öfters bei seinen Unternehmungen an. Im Zusammenhang mit dem Todesfall Barschel kommt er wieder vor. Freya Barschel berichtete in einem Interview, ihr Mann habe in Genf einen Informanten namens Roloff treffen wollen. „Mein Mann sollte von ihm Entlastungsmaterial erhalten. Wichtige Fotos. Der Informant nannte sich Roloff.“

Ermittlungspannen: Die Schweizer Ermittler benutzten für die Tatortfotos einen defekten Film, der erste Obduktionsbericht war unvollständig. Beweisstücke verschwanden.

Keine neuen Ermittlungen: Laut Staatsanwaltschaft Lübeck sind die DNA-Spuren so schwach, dass sie nicht für ein Profil genutzt oder mit der Datenbank des Bundeskriminalamts abgeglichen werden können. Der frühere Chef-Ermittler Heinrich Wille dazu: „Wenn ich recht habe, war es ein professioneller Mord.“ Und Geheimagenten aus Iran, Israel oder Südafrika seien nun mal nicht registriert. „Damals gab es keine Ansatzpunkte, die auf einen Täter hinweisen. Ich befürchte, das wird jetzt nicht anders sein.“

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