Korruption im Weltfußballverband

FIFA-Skandal: Die tz erklärt Sepp Blatters Macht

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Ratlos angesichts der Machtlosigkeit seiner UEFA im FIFA-Korruptionssumpf: UEFA-Präsident Michel Platini.

München/Zürich - Sepp Blatter scheint erneut mit seiner Taktik durchzukommen: Zwar gehen alle Beobachter davon aus, dass die Wahl knapp wie nie bei der FIFA ausgehen wird. Aber Blatters Macht wirklich zu brechen, wird schwer. Die tz erklärt, warum.

Joseph Blatter ist vor dem Wahl-Krimi ums Amt des FIFA-Präsidenten in die Offensive gegangen: Der 79-Jährige glaubt an eine Verschwörung gegen ihn! Er wittert einen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Festnahmen im neuen Skandal um den Fußball-Weltverband und dem Wahlkongress. „Ich spreche da nicht von einem Zufall, ich stelle zumindest die Frage, ob es Zufall war“, sagte der Schweizer in seiner 20-minütigen Ansprache in Zürich vor Vertretern der 209 FIFA-Mitgliedsländer.

Wie bereits bei der Kongress-Eröffnung stellte Blatter auch am Freitag den Skandal mit Festnahmen von sieben Fußball-Funktionären nicht als Vergehen der FIFA dar. „Die Schuldigen, wenn sie denn als schuldig verurteilt werden, das sind Einzelpersonen, das ist nicht die gesamte Organisation“, erklärte der Schweizer.

Wie stehen die Chancen des einzigen Gegenkandidaten?

Es zeichnete sich die wohl knappste Entscheidung bei einer FIFA-Wahl ab, seitdem Blatter 1998 die Regentschaft übernahm. „Es war gestern auf der Dinner-Veranstaltung vielfach zu spüren, wenn man mit den Leuten gesprochen hat, dass bei dem einen oder anderen Land eine Umkehr in der Meinung eingetreten ist“, sagte der deutsche Ligapräsident Reinhard Rauball. Offenbar wird es erstmals keine FIFA-Konföderation geben, die en bloc für einen Kandidaten stimmt. Neuseeland, Australien und die USA hatten kurzfristig bekanntgegeben, dass sie für Al-Hussein votieren wollen. Auch Tunesien scheint in diese Richtung zu tendieren. Zumindest die 54 Stimmen Afrikas galten als sicher für Blatter.

Warum hat die Fußball-Macht Euro­pa so wenig Chancen, Blatter loszuwerden?

Zum einen, weil die Stimme eines Kleinstaats bei der FIFA genauso viel zählt wie die von Deutschland oder England. Zum anderen aber auch, weil sich die Europäer nicht wirklich einig sind: Der UEFA-Spitze um Michel Platini fehlt es schlicht an der notwendigen Unterstützung im eigenen Verband! Russlands Multi-Funktionär Witali Mutko und der Spanier Angel Maria Villar Llona sind enge Blatter-Freunde und werden wohl für den Schweizer stimmen.

Wie ernst sind die Drohungen eines WM-Boykotts von UEFA-Boss Platini?

Da ist viel Funktionärs-Getrommel dabei. Platini muss von seiner Niederlage in der Boykott-Frage ablenken und den Druck auf Blatter hochhalten. Nur so kann er bei der erwarteten Fortsetzung des Machtkampfs der Fußball-Alpha­tiere nach dem Kongress den nächsten Stich gegen den Schweizer setzen. Der Franzose hat zwar schon oft mit der Umsetzung ab­strus wirkender Ideen überrascht – wie bei der Pan-Europa-EM 2020 – ein WM-Boykott oder ein Ausstieg aller Europäer aus dem FIFA-Exekutivkomitee ist aber eine unvorstellbare Eskalationsstufe. Franz Beckenbauer meinte dazu in der Bild: „Ein Boykott hat noch nie etwas gebracht. Die UEFA bringt es ja noch nicht einmal fertig, einen eigenen Kandidaten aufzustellen.“

Wie steht es mit dem angedrohten europäischen Boykott des FIFA-Exekutiv­komitees?

Auch hier gibt es keine Einigkeit bei den Europäern. Der Engländer David Gill hat bislang als einziger klar gesagt, er werde seinen Platz im „ExKo“ nicht einnehmen, falls Blatter erneut siegt. Der neue deutsche Vertreter im Gremium, Wolfgang Niersbach, ist da noch unentschieden. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge empfahl Niersbach, sein Mandat im FIFA-Exekutivkomitee anzunehmen: „Boykotte im Sport haben noch nie die gewünschte Wirkung erzielt. Es ist gerade jetzt Teil der Verantwortung, seriös und konstruktiv an einem Neubeginn in der FIFA mitzuwirken.“ Niersbach rückt für Theo Zwanziger in die sogenannte Weltregierung des Fußballs.

Warum hat die UEFA ihre Drohung nicht wahr gemacht?

Auch hier hatte Platini zu wenig Rückhalt im eigenen Verband, zu viele Europäer wollten den Boykott nicht mittragen. So musste Platini zurückrudern. Eventuell siegte aber auch die Einsicht, dass ein Boykott letztlich der UEFA selber schaden würde. Eine Spaltung der FIFA kann auch nicht im Interesse Platinis sein.

Ist eine Übertragung der WM im deutschen Fernsehen gefährdet?

Nein. „Wir wollen das Ereignis haben“, das ZDF komme an der FIFA nicht vorbei, sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut. Das ZDF sieht trotz des neuen FIFA-Skandals die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaften in Russland (2018) und Katar (2022) nicht gefährdet. Die Rechte an den Übertragungen seien bereits erworben, Vertragsverhandlungen stünden nicht an, stellt Bellut nach einer Sitzung des ZDF-Fernsehrats in Berlin klar.

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