So sieht es an der Grenze tatsächlich aus

tz-Flüchtlingsreport: Eine Nacht in Wegscheid

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Statt in der Kälte warten die Flüchtlinge jetzt in einem beheizten Zelt.

München - Die Lage an den Grenzübergängen von Österreich nach Bayern war angespannt in den vergangenen Tagen. Die tz war vor Ort. Lesen Sie das Protokoll einer Nacht an der Grenze.

Eisige Temperaturen, tausende Flüchtlinge, die auf kalten Steinböden oder feuchten Wiesen ausharren müssen. Die Lage an den Grenzübergängen von Österreich nach Bayern war angespannt in den vergangenen Tagen. Deutlich waren die Worte: „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das erste Baby hier erfriert“, hieß es in einer Mitteilung der Einsatzleitung in Wegscheid. tz-Reporter Dominik Laska und Fotograf ­Philipp Gülland machten sich daraufhin am Freitagabend auf den Weg, um die Lage vor Ort unter die Lupe zu nehmen. Lesen Sie das Protokoll einer Nacht an der Grenze:

17.45 Uhr

Die Dämmerung setzt ein. Im Grenzort Wegscheid sind kaum Menschen unterwegs. Auch von den Flüchtlingen fehlt hier im Ortskern jede Spur. Ich will wissen, ob sich die angespannte Lage auf die Bewohner auswirkt – mir läuft Familie Donaubauer über den Weg. Vater Thomas, mit Frau Bettina und den beiden Kindern gerade auf dem Heimweg, erzählt: „Mein erster Gedanke war, als ich die Bilder gesehen habe: Ich fahre jetzt los und kaufe hundert Decken!“ Obwohl die Grenze so nah ist, bekommen sie hier in Wegscheid von der Situation dort nichts mit. „Nur vergangenen Montag, als die Flüchtlinge die Kontrollen durchbrochen hatten, liefen sie durch den Ort hindurch“, erzählt Thomas Donaubauer weiter. In Wegscheid ist aber auch schon seit knapp zwei Jahren das Thema Flüchtlinge auf dem Tisch – im Ort sind auch welche untergebracht. „Mit meiner Tochter gehen auch schon syrische Kinder in den Kindergarten“, sagt Mutter Bettina – „das ist alles überhaupt kein Problem.“

18.15 Uhr

Doch wie sieht es denn jetzt an der Grenze tatsächlich aus? Noch immer das Chaos der vergangenen Tage, als Flüchtlinge in der Kälte der Nacht stundenlang warten mussten? Schon bei der Ankunft ist der Trubel nicht zu übersehen – Baustrahler erhellen den Grenzübergang. Zu meiner Überraschung erblicke ich ein riesiges Zelt. Das Chaos der vergangenen Tage scheint tatsächlich eingedämmt worden zu sein. Es ist ein beheiztes Zelt, in dem bis zu 1300 Personen untergebracht werden können, wie Lothar Venus (40), der den Einsatz vor Ort koordiniert, zufrieden erklärt: „Heute ist das erste Mal, dass die Kinder nicht kreischen – die Verhältnisse sind ein bisschen geordneter.“

19.00 Uhr

Die Busse kommen im gefühlten Minuten­takt von österreichischer Seite aus und halten vor einer provisorischen Registrierungsstelle. Direkt nach Verlassen des Busses – ich sehe viele Familien mit Kleinkindern - bekommen sie ein Klebeband um den Arm, darauf wird die Busnummer notiert. Es soll gewährleistet werden, dass Familien nicht getrennt werden, erzählt ein freiwilliger Helfer, der hier seit Stunden bei drei Grad in der Kälte steht.

19.30 Uhr

Deutlich wärmer ist es im Zelt. Die Heizung ist zu spüren, die Temperatur ist angenehm. Es ist momentan wohl die größte Bushaltestelle Deutschlands. Über 1000 Menschen warten hier auf den Bus. Die Stimmung unter den Flüchtlingen ist gut, trotz der beengten Situation sehe ich viele lächelnde Gesichter, spielende Kinder, hier und da wird auch gesungen. Jubelrufe gibt es, wenn eine Gruppe aufgerufen wird, um in den Bus zu steigen. Dennoch: Die Erschöpfung der langen Reise ist in jedem Gesicht zu erkennen.

21.00 Uhr

Als ich mir den Weg durch die Massen zurück in die kalte Nacht bahne, fällt mir ein Dolmetscher auf. Dass er mit Herzblut bei der Sache ist, sehe ich auf Anhieb. In einem ruhigen Moment unterhalte ich mich mit ihm. Sein Name ist Mansour Rastagar, seit über einer Woche ist er ununterbrochen im Einsatz. Er erzählt offen von seinem Alltag an der Grenze: „Die Menschen sind fertig und bei meiner Arbeit geht es darum, dass sie sich hier wohlfühlen“ sagt er, noch immer mit diesem beruhigenden Lächeln. „Vor allem auf das Zelt habe ich lange gewartet, denn davor war es das reine Chaos - jetzt ist es geordnet. Die Kälte, der die Menschen davor ausgesetzt waren – das war einfach schrecklich.“ Besonders die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Behörden lobt er ausdrücklich: „Das hier sind einmalige Teams. Die Zusammenarbeit zwischen den Behörden auf beiden Seiten funktioniert bestens – das ist perfekt!“ Mit diesen Worten geht Mansour zurück an die Arbeit.

22.15 Uhr

Je später der Abend, desto kälter wird es, die Temperaturen nähern sich jetzt dem Gefrierpunkt. Trotz warmer Winterjacke plus Schal merke ich die Kälte immer mehr. Ich kann mir kaum vorstellen, was die Flüchtlinge in den letzten Tagen hier aushalten mussten. Im warmen Zelt ist es deutlich voller als noch vor ein paar Stunden. Viele haben sich dennoch unter Decken vergraben und schlafen. Das stundenlange Warten zehrt an den Nerven. Ich schlage mich zur Essensausgabe durch, davor ist eine lange Schlange. An mir vorbei gehen Kinder, sie tragen kleine Schüsseln mit Butterkeksen. Die meisten entscheiden sich aber doch für die wärmende Suppe und ein heißes Getränk.

23.00 Uhr

Der letzte Bus aus Österreich ist leer! Ein Blick auf die deutsche Seite verrät aber einiges über den weiteren Ablauf der Nacht. Es wird eine Hängepartie, die geringe Anzahl der Busse verhindert einen flüssigen Ablauf. Jetzt heißt es warten! In einem Gespräch mit einem Polizisten erfahre ich, dass heute ungefähr 50 Busse und 2750 Flüchtlinge angekommen sind. Von der Menge her ist das vergleichbar mit den vergangenen Tagen, nur der Weitertransport in die Aufnahmeeinrichtungen dauert eben länger.

0.30 Uhr

Eine gute Gelegenheit für einen kurzen Abstecher nach Passau. Ist die Lage dort, am Grenzübergang in Achleiten, ähnlich? Bei der Ankunft bestätigt sich das, was bereits ein Beamter zuvor gesagt hat: gähnende Leere. Keine Polizeipräsenz und kein einziger Flüchtling am Grenzübergang. Auch in der Innenstadt lediglich feierwütige Passauer, die das anstehende Wochenende gebührend einläuten. Also wieder zurück nach Wegscheid. Vielleicht hat sich ja schon etwas getan. Auf dem Weg dorthin kommen mir einige Busse entgegen. Aber bei Weitem nicht genug, um die Vielzahl an Flüchtlingen abtransportiert zu haben.

2.00 Uhr

Wirklich geleert hat sich das Zelt nicht. Erneut läuft mir Einsatzleiter Lothar Venus über den Weg. Wie sieht sein Fazit des Tages aus? „Die Gefahr für die Flüchtlinge ist gebannt, die Lage ist entspannt. Die Versorgung ist so, wie man sich das vorstellt und jetzt heißt es eben warten, bis es weiter geht“. Die aktuelle Lage in Deutschland und Europa sieht er dann aber doch nicht so positiv, sein Ton wird ernster und eindringlicher: „Die Politik muss reagieren. Dass wir in Deutschland keine Kapazitäten mehr haben, ist eine reine Lüge. Bayern ist zwar voll, aber in den anderen Bundesländern ist noch reichlich Platz.“ Es müsse jetzt vom Bund Druck auf die Länder ausgeübt werden. Und auch auf EU-Ebene müsse noch einiges passieren, wettert Venus weiter: „Der Herr Juncker kann nicht einfach nur rumfahren und Reden halten. Es muss endlich was passieren.“ Doch beim Rückblick auf den Einsatz der vergangenen Nacht wird seine Stimmung wieder ein wenig versöhnlicher: „Alles in allem geht der Tag positiv zu Ende.“

Der Flüchtling

Omar (17) zeigt mir auf seinem Handy ein Foto aus einem Auffanglager in Slowenien. Gemeinsam mit seinem Kumpel Abdal-Moiam (18) – sie kommen beide aus dem Irak – verbrachte er dort mehrere Tage. In dem Lager sei es überhaupt nicht gut gewesen, sie wurden geschlagen, erzählen die Freunde eindringlich. Zudem mussten sie in der Kälte schlafen und zum Essen habe es ebenfalls kaum etwas gegeben. 30 Tage sind sie jetzt schon auf der Flucht – über die Türkei ging es mit einem Boot nach Griechenland. Das Ganze kostete sie 1000 US-Dollar. Pro Person! Ob sie in Deutschland bleiben wollen, frage ich sie. Beide schütteln sofort energisch den Kopf! Nein, nein, sie wollen nach Schweden. Dort warten bereits Freunde. Bei dem Gedanken daran fangen beide an zu lachen.

Der Helfer

„Die Situation bewegt mich seit mehreren Jahren schon“, betont der freiwillige Helfer Bernhard Atzesberger (38) „Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe das früher schon vorausgesagt, dass es zu einer solchen Krise kommen wird. Für mich persönlich ist es eine absolute Herzensangelegenheit. Man muss sich doch nur mal umschauen, die Menschen, die Flüchtlinge hier, die haben alle einen Grund, warum sie auf der Flucht sind. Und wer da die Augen zumacht, der verschließt die Augen vor der Realität. Die Errichtung des Zeltes hätte viel früher passieren müssen. Man muss sich das doch einfach mal vor Augen halten – gestern lagen hier noch kleine Kinder auf dem gefrorenen Boden. Und warum die Busse nicht einfach bis nach Passau durchfahren können, warum den Flüchtlingen eine solche, zusätzliche Tortur zugemutet wird, das versteht hier wirklich niemand!“

Der BRK-Leiter

„Von der Zahl der Flüchtlinge her ist das heute ein normaler Abend“, sagt Horst Kurzböck (53), Kreisgeschäftsführer vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK). „Gestern saßen noch alle auf der Wiese und die Menschen haben um Lagerfeuer herumgestanden, damit sie bei den niedrigen Temperaturen nicht frieren. Deshalb kann ich nur sagen: Gott sei Dank ­haben wir dieses Zelt bekommen. Wie das hier am heutigen Abend abläuft, damit können wir sehr zufrieden sein. Man muss trotz der aufwühlenden Arbeit hier dennoch Distanz wahren, ansonsten schafft man das nicht. Vor allem die Kinder tun einem aber schon leid, doch man muss das Gesamte sehen. Es sitzt nicht nur einer hier, sondern Tausende und allen muss geholfen werden. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt!“

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