Gastbeitrag zur Integration von Hunderttausenden

Flüchtlings-Krise: 7 Gründe, warum "wir das schaffen" werden

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Florian Knape (35) arbeitet als Referent im Grundsatzbereich für Integration des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Der Beitrag entspricht seiner privaten Meinung - und ist aus einer Facebook-Diskussion zum Thema entstanden.

München -  Tag für Tag kommen tausende Flüchtlinge in München an. Viele Bürger fragen sich: Wie soll Deutschland das bewältigen? Florian Knape vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nennt für uns 7 Gründe, warum das gar kein Problem ist.

Update vom 11. September 2015: Knapp 40.000 Menschen sind in den vergangenen Tagen und Wochen in München angekommen. Was Sie sonst noch zur Flüchtlingskrise wissen müssen, können Sie in unserem Faktencheck nachlesen.

Gastbeitrag von Florian Knape vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Im Spätsommer 2015 berauscht Deutschland mit seiner Bereitschaft, Flüchtlingen zu helfen. Die Zivilgesellschaft füllt damit eine Lücke, die Politik und Staat gelassen haben, überwiegend mit Herzlichkeit. Angela Merkel war keine Minute zu früh mit ihrer Ankündigung, dass wir „das“ schaffen, auch wenn an einigen Orten Ablehnung und Hass dominant scheinen. Fest steht: Wir können das schaffen und diese sieben Punkte verraten, wie. 

1. Probleme haben NICHT die Flüchtlinge verursacht

Scheinbar neutrale Wörter bestimmen unterschwellig, was diskutiert wird: Verwendet man das Wort „Flüchtlingskrise“, liegt das Schlaglicht auf Flüchtlingen - spricht man von der Staatskrise, liegt es beim Staat. Geflüchtete sind ohne ökonomische, politische oder soziale Macht. Sie sind die denkbar verletzlichsten Menschen.

Verantwortung auf Geflüchtete zu verlagern, macht Opfer zu Tätern und entlastet jene, die tatsächlich gestalten können. Denn: teurer Wohnraum in Städten, die dünne Personaldecke des Bundes, der Länder, der Kommunen, unübersichtliche Gesetzeslagen, mangelnde Nutzerfreundlichkeit von Bürokratie - all das besteht unabhängig von Geflüchteten und wurde von uns geschaffen. Wir alle bestimmen, wie in diesem Land gelebt wird. Jeder hat Spielraum und gestaltet die Aufnahmebedingungen - wie München am Wochenende furios gezeigt hat.

2. Die Angst entsteht durch drastische Bilder

Entmenschlichende Sprache (Fluten, Ströme, Massen) verstärkt die schädliche Wirkung einer schiefen Wortwahl. Wer drastische Bilder bei Flüchtlingen nutzt, bereitet den Boden für drastische Konsequenzen und blendet zugleich alles Menschliche aus. Wenn von Flut gesprochen wird, sind Mauern und Kanäle nicht fern, wie Bulgarien und Ungarn zeigen. Sogenannte „Kritiker“ gehören hinterfragt und ihre gesellschaftlichen Zielvorstellung offen gelegt.

3. Vorbildliches Integrations-Instrumentarium

Die integrationspolitische Untätigkeit ist seit 10 Jahren vorbei. Seit der Zeit der „Gastarbeiter“ haben wir einen Quantensprung erlebt. Mit dem Zuwanderungsgesetz haben wir seit 2005 ein vorbildliches Instrumentarium der Integrationspolitik: Den Kern bilden 600 Stunden Integrationskurse für alle Zuwanderer, die bei der Verständigung im Alltag helfen sollen - plus 60 Stunden Grundlagen zur deutschen Gesellschaft und Geschichte. Migrationsberatungsstellen ergänzen den Integrationskurs, sie geleiten anerkannte Flüchtlinge durch die verschlungenen Pfade der Bürokratie, beraten in Krisen, helfen bei Jobsuche und Bewerbungen.

4. Jobs sichern Flüchtlingen die Existenz

Ein existenzsichernder Job ist Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben, egal ob geflüchtet oder nicht. Ein selbstbestimmtes Leben ist wichtige Hoffnung für Geflüchtete. Mit der Anerkennung als Flüchtling hat man vollen Anspruch auf die Hilfe der Jobcenter. Wer einen formellen Abschluss hat, kann diesen anerkennen lassen, damit er als Arzt kein Taxi fahren muss. Ziel ist, dass jeder mit Abschluss aus einem anderen Land zügig das passende deutsche Gegenstück erwerben kann. Zusätzlich gibt es weitere Sprachkurse für Fachsprachen der unterschiedlichen Berufe.

In den Jobcentern wird daran gearbeitet, „informelle Fähigkeiten“ - alle im Leben erworbenen Kompetenzen - bei der Jobvermittlung einfließen zu lassen.

5. Gelernt aus der Vergangenheit: Förderung der "Sozialen Stadt"

Über das 150 Millionen Euro starke Bundesprogramm „Soziale Stadt“ werden Initiativen gefördert, die durch Hilfe zur Selbsthilfe verhindern, dass in Städten überwiegend benachteiligte Menschen oder eben Flüchtlinge nur in wenigen Vierteln leben können und durch den fehlenden Austausch die Benachteiligung multipliziert wird. Zusätzlich haben viele Städte bereits erklärt, vermehrt auf sozialen Wohnungsbau zu setzen.

6. Schule und Ausbildung gleichen unterschiedliche Startbedingungen aus

Vielleicht sind viele Maßnahmen derzeit unterfinanziert, vielleicht knirscht es an allen Ecken. Präzise Kritik eröffnet jedoch die Chance, sie wirklich zu verbessern. Dazu müssen Lösungen erfragt werden, von denen, die tatsächlich verantwortlich sind - zur Arbeitsteilung zwischen den Ressorts, zur Rolle von Kommunen, Ländern, Bund, zur Ausstattung und Abläufen der Jobcenter und zum Zugang zu Integrationskursen. Bestimmend wird sein, dass Schule und Ausbildung unterschiedliche Startbedingungen besser ausgleichen können. Dazu gehört auch, Diskriminierung und Rassismus zu erkennen, zu benennen und etwas entgegenzusetzen.

7. Integration vernichtet "unsere Welt" nicht - sie erhält sie

Kritische Fragen, die nicht auf Feindbilder zielen, sind unersetzlich, denn: alle Fragen, die mit Integration zusammenhängen, sind Fragen des sozialen Ausgleichs. Diesen zu verbessern, dient allen Menschen gleichermaßen. Integration kann kein Untergang „unserer“ Welt sein, sie ist die Voraussetzung dafür, dass sie erhalten bleibt.

Florian Knape 

Der Autor ist Referent im Grundsatzbereich für Integration des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Dies ist seine private Meinung.

(In Kooperation mit Kathrin Garbe.)

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