Fluch oder Segen?

Experten über die wirtschaftlichen Folgen der Flüchtlingskrise

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Diese junge Flüchtlingsfrau hat aufgeschrieben, was sich viele wünschen

München - Kommen gut ausgebildete Fachkräfte oder Tausende Analphabeten? Geht es um Flüchtlinge, teilen sich die Meinungen. Unsere Zeitung sprach mit Experten, um der Wahrheit näherzukommen.

Wie in der gesamten Flüchtlingsdebatte gehen die Meinungen auch über die wirtschaftlichen Folgen des Ansturms weit auseinander: Während die einen von gut ausgebildeten Syrern oder Irakern schwärmen, die den deutschen Fachkräftemangel beheben werden, orakeln die anderen von Tausenden von Analpha­beten, die die Sozialkassen nur belasten werden.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) senkte am Mittwoch die Wachstums­prognose fürs laufende Jahr von 1,8 auf 1,7 Prozent, aber nicht wegen der Flüchtlinge, sondern wegen der "schwierigen Entwicklung" in China. Die Flüchtlinge seien zwar eine "Herausforderung", die Ausgaben zur Bewältigung der Krise wirkten aber "wie ein kleines Konjunkturprogramm", so Gabriel.

Die tzsprach mit Wirtschaftsexperten, Unternehmern und Flüchtlingen, die bereits einen Job gefunden haben, um der Wahrheit hinter den Parolen näherzukommen.

Lehrstellen: Bis Ende 2016 soll 20.000 Flüchtlingen ein Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz angeboten werden – so steht es im Integrationspakt der Staatsregierung und der Spitzenverbände der bayerischen Wirtschaft. Bis Ende 2019 liegt der Zielwert bei 60.000.

Besonders begehrt sind Flüchtlinge als Lehrlinge im Handwerk. "Sie sind für uns ein Baustein bei der Fachkräftesicherung", erklärt ­Lothar Semper, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Dabei müssten allerdings einige Hürden beseitigt werden.

Der Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Alfred Gaffal, plädiert dafür, die Beschäftigungschancen von Flüchtlingen realistisch einzuschätzen. Mittelfristig könnten gerade die Jugend­lichen einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten. Sie ­seien in den Arbeitsmarkt integrierbar, aber nur wenn es gelinge, das Schulsystem noch mehr auf die jugendlichen Flüchtlinge hin auszurichten.

Individuelle Förderung: Seit diesem Jahr werden Flüchtlinge in den Berufsschulen in speziellen Integrationsklassen betreut. "Wir dürfen diese Jugendlichen nicht alleine lassen. Sie scheitern in der Ausbildung häufiger als ihre einheimischen Altersgenossen", so Semper. Die Abbrecherquote unter den Flüchtlingen, die 2013 eine Lehre ­begonnen haben, lag bei 70 Prozent – verglichen zu 25 Prozent im Handwerksschnitt. "Damals war die Betreuungsinfrastruktur aber noch weniger ausgereift. Heute werden die Leute stärker an die Hand genommen."

Qualifikation ist nicht besonders groß

Sprache: Die Sprache gilt als der entscheidende Faktor bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. "Deshalb darf bei der Sprachförderung keine Zeit vertan werden", warnt Semper.

Mindestlohn: Ifo-Chef Hans-Werner Sinn nutzt die Debatte um den Flüchtlingszustrom dazu, erneut für die Abschaffung des Mindestlohns zu plädieren. "Kommen hier vor allem die Chefärzte aus Aleppo?", fragt der Ökonom und beantwortet die Frage gleich selbst: "Nein, die Qualifikation der Flüchtlinge ist nicht besonders groß – jedenfalls schlechter als die der Zuwanderer aus den EU-Staaten."

Sinn rechnet vor: "In Afghanistan sind 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten, in Syrien 15 Prozent." Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hätten 22 Prozent der Flüchtlinge keinen Schulabschluss. Diese geringqualifizierten Zuwanderer würden nun in das unterste Segment des Arbeitsmarkts drängen. Dort bestimme aber der Mindestlohn die Zahl der Jobs. Sinn: "Da ist der Arbeitsmarkt nicht viel anders als der Apfelmarkt. Wenn das Angebot steigt, der Preis aber stabil bleibt, dann bildet sich ein Überhang." Sein Credo: "Mehr Jobs gibt es nur, wenn der Mindestlohn fällt."

Sozialsysteme: Auf Dauer fehlen den deutschen Sozialsystemen die Beitragszahler. "Wir brauchen Einwanderung wegen des demografischen Defizits", erklärt ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Allerdings setzt er auf gezielte Zuwanderung geregelt nach dem kanadischen Vorbild. Das Wirtschaftsministerium hat errechnet, dass die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter von 53 Millionen um sechs Millionen bis 2030 fallen wird. "Selbst bei einer Zuwanderung von 200.000 Menschen pro Jahr würden uns in 20 Jahren noch Millionen Beitragszahler fehlen, um die Renten der Babyboomer zu bezahlen", rechnet der Ökonom vor. Dann stehen immer mehr Rentnern immer weniger Beitragszahler gegenüber.

Grenzkontrollen verteuern Transporte: Ifo-Chef Sinn ist sicher: "Das Schengen-Abkommen ist kaputt, die offenen Grenzen funktionieren nicht mehr – das liegt vor allem daran, dass Deutschland die Regeln gebrochen hat." Der Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung, Karlheinz Schmidt, meint, dass das die Gütertransporte teurer macht: Die Fahrer stünden an den Grenzübergängen stundenlang im Stau oder müssten Umwege fahren. Dadurch würden mehr Laster als bisher notwendig. "Sollte das andauern, wird das letztendlich auf die Beförderungspreise und damit auf die Verbraucher durchschlagen", so Schmidt.

KR/MK

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