Umstrittener Waffeneinsatz

Krawalle in Idomeni: Flüchtlingslager „auf Messers Schneide“

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Flucht vor dem Tränengas: Zwei Männer brechen den Versuch ab, die Grenze nach Mazedonien zu überwinden.

München - Nach den Krawallen am Flüchtlingslager Idomeni attackiert die griechische Politik den Nachbarn Mazedonien. Doch auch vermeintliche Flüchtlingshelfer geraten ins Zwielicht.

Als Christine Kamm (Grüne) am Sonntagmittag im Camp Idomeni ankam, war die Schießerei schon im Gang. Blutende und flüchtende Menschen, weinende Kinder, manchen hätten ihre Mütter zum Schutz Windeln über die Augen geklebt, berichtet die Augsburger Landtagsabgeordnete. Der Wind habe Tränengas durchs ganze Lager getragen. Die Reaktion des mazedonischen Militärs sei „absolut unverhältnismäßig“ gewesen, kritisiert Kamm.

Hunderte Flüchtlinge hatten in dem Lager in Griechenland versucht, den Grenzzaun nach Mazedonien zu überwinden. Dabei warfen einige Steine. Die mazedonische Polizei reagierte mit Tränengas und Gummigeschossen. Verletzt wurden mindestens 23 mazedonische Polizisten und 300 Migranten, teilten Behörden gestern mit. Offenbar wurden auch drei Kinder von Gummigeschossen getroffen. Kamm war zufällig vor Ort, um sich ein Bild zu machen.

Auch griechische Politiker üben nun scharfe Kritik an Mazedonien. „Mit solchem Verhalten gegen Flüchtlinge hat das Nachbarland weder Platz in der EU noch in der Nato“, wettert Staatspräsident Pavlopoulos. Regierungschef Tsipras nennt den Einsatz von Gummigeschossen gestern eine „Schande für die europäische Kultur“. Der Minister für Bürgerschutz, Toskas, warnt vor einer Radikalisierung wütender Migranten. Leute, die man heute schlage, „könnten die Dschihadisten von morgen“ sein. Das griechische Außenministerium legte Beschwerde bei der mazedonischen Regierung ein. Christine Kamm berichtet, sie habe einen mazedonischen Hubschrauber über dem Lager auf griechischer Seite gesehen.

Lage in Idomeni spitzt sich seit Wochen zu

Die Lage in Idomeni spitzt sich schon seit Wochen zu. Im Februar hatte Mazedonien die Grenze mit einem Stacheldrahtzaun abgeriegelt – und damit die Fluchtroute dicht gemacht. Wohl auch deshalb hat die Zahl der Flüchtlinge, die aus der Türkei nach Griechenland kommen, drastisch abgenommen: Innerhalb von 24 Stunden hätten zuletzt nur noch 18 Migranten übergesetzt, hieß es gestern.

Allerdings sind 52 000 Menschen in Griechenland quasi gestrandet. Im „wild“ errichteten Camp Idomeni lagern rund 11 000 Menschen und hoffen auf die Weiterreise nach Norden. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR sind darunter 4000 Kinder. Sie leben in kleinen, zugigen Zelten. Wenn es regnet, wird aus dem Acker, auf dem das Camp errichtet ist, eine Matschlandschaft. Die Lage sei „auf Messers Schneide“, warnt der Bürgermeister der Region, Christos Goudenoudis. Bis Ende des Monats müsse das Camp geräumt werden. Ansonsten drohten noch schlimmere Ausschreitungen.

UNHCR-Sprecher rät Flüchtlingen in andere Lager zu gehen

„Wir raten den Flüchtlingen, in andere Einrichtungen umzuziehen“, sagt ein UNHCR-Sprecher. Dort sei die Lage besser als in Idomeni. Zudem könne man auch nur in den regulären Einrichtungen Asyl beantragen. Es sei nun mal politische Realität, dass die Grenze geschlossen bleibe.

Die Flüchtlinge harren trotzdem aus. Offenbar werden sie dabei auch immer wieder von auswärtigen Aktivisten bestärkt. Im Lager arbeiten etliche Freiwillige, ohne die die Versorgung nur schwer möglich wäre. Offenbar verwischt aber bei einigen Hilfe und politischer Protest gegen Europas Asylpolitik. Vor dem Marsch auf den Grenzzaun ging ein Flugblatt um. Die Zeit, „um die Grenze nach Mazedonien zu überqueren“ sei Sonntag, 9 Uhr, heißt es darin. Ein Aufruf von Aktivisten zum Protest?

Ähnlich war es offenbar schon vor einigen Wochen gewesen. Ein Flyer hatte Flüchtlinge dazu aufgerufen, die Grenze durch einen Fluss zu überqueren. 2000 Menschen versuchten es, drei ertranken. Die anderen brachte die mazedonische Polizei einfach wieder zurück. Unterzeichnet war der Flyer mit „Kommando Norbert Blüm“ – nach dem früheren Bundesarbeitsminister, der das Lager zuvor besucht hatte. Beim UNHCR hat man dazu laut dem Sprecher eine klare Haltung: „Wir lehnen jede Aktion ab, die auf dem Rücken der Menschen vor Ort Politik betreibt.“

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