Autor ordnet Flüchtlingskrise historisch ein

Franz Alt: "In zehn Jahren werden wir Merkel dankbar sein"

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München - Mit seinem neuen Buch  „Flüchtling. Jesus, der Dalai Lama und andere Vertriebene“ will Franz Alt Mut machen. Die tz sprach mit dem Autor über die Probleme der Integration.

Der Buchautor und Religionsexperte Franz Alt will mit seinem neuen Buch „Flüchtling. Jesus, der Dalai Lama und andere Vertriebene“ Mut machen: „Die historische Erfahrung zeigt, dass offene Gesellschaften wirtschaftlich viel erfolgreicher sind als solche, die sich abschotten. Wer auch morgen Wohlstand will, muss Flüchtlinge integrieren.“ Am Beispiel berühmter Flüchtlinge und Auswanderer wie seinem Freund, dem Dalai Lama, Papst Franziskus, aber auch an Stars wie der Russlanddeutschen Helene Fischer oder dem Deutschrumänen Peter Maffay zeigt Alt: „Gelingende Integration ist eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht: ökonomisch und sozial, aber auch kulturell und spirituell. In den USA sind ein Drittel aller Patente von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die einen Migrationshintergrund haben, erarbeitet worden.“ Zum Beispiel Apple-Gründer Steve Jobs, dessen Vater als bettelarmer Student aus Syrien gekommen war. Die tz sprach mit Franz Alt über die Probleme der Integration.

Die Flüchtlings-Debatte läuft sehr aufgeheizt. Glauben Sie wirklich, dass Sie mit dem Verweis auf berühmte Flüchtlinge der Geschichte wie den Dalai Lama oder gar Jesus einen Pegida-Anhänger überzeugen können?

Franz Alt: Pegida ist ein schwieriges Pflaster, aber ich glaube schon, dass viele Leute nachdenklich werden. Mit dem Hinweis auf diese beiden prominenten Flüchtlinge will ich nur deutlich machen, dass das Flüchtlingsproblem kein speziell deutsches Problem des Jahres 2016, sondern ein Stück Menschheits­geschichte ist.

Aber es gab in der Geschichte auch die Völkerwanderung, die zur Zerstörung des Römischen Weltreichs führte. Gibt es aus historischer Sicht nicht auch berechtigten Anlass zur Sorge, dass Staaten durch Flüchtlinge überfordert werden können?

Das Römische Weltreich ist weniger an den einwandernden Germanen als an den Römern selbst gescheitert. Ich glaube, der historische Blick ist notwendig, um zu relativieren. Ich würde die jetzigen Flüchtlingsbewegungen noch nicht als Völkerwanderung bezeichnen – aber es ist eine aktuelle Krise, an der wir nicht unschuldig sind! Wir liefern die Waffen für die Kriege, vor denen die Menschen jetzt fliehen. Wer verantwortlich ist für den Klimawandel, darf sich über Klimaflüchtlinge nicht wundern. In Afrika sind 18 Millionen Klimaflüchtlinge unterwegs. Die Probleme kommen jetzt zu Fuß zu uns.

Schaffen wir das?

Die Generation meiner Eltern hat es nach 1945, als es dem Land sehr schlecht ging, geschafft, zwölf Millionen Ost-Flüchtlinge zu integrieren. Und wir tun so, als würde bei einer Million schon die Welt zusammenbrechen. Wir sind zu ängstlich geworden! Ein Teil unseres Wirtschaftswunders ist diesen Flüchtlingen und den Gastarbeitern zu verdanken, die damals auch mit großen Ängsten empfangen wurden. In zehn Jahren werden wir Angela Merkel für ihre humane und christliche Flüchtlings­politik danken, weil sie so das nächste deutsche Wirtschaftswunder vorbereitet hat. Die historische Erfahrung zeigt, dass offene Gesellschaften wirtschaftlich viel erfolgreicher sind als solche, die sich abschotten. In den USA sind ein Drittel aller Patente von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die einen Migrationshintergrund haben, erarbeitet worden.

Aber es kommen ja nicht lauter Ingenieure! Was ist mit all den Analphabeten oder schlecht ausgebildeten Flüchtlingen? Überfordern die in dieser großen Zahl nicht unsere Gesellschaft?

Es ist klar, dass dafür die Integration gelingen muss. Sie müssen die Sprache lernen, müssen ausgebildet werden. Es sind ja nicht die Unfähigsten, die sich auf den Weg machen. Wer das durchsteht, will etwas erreichen – die kommen sicher nicht, um hier zu faulenzen. Wir sind 83 Millionen Menschen in Deutschland, wenn wir jetzt um ein oder maximal drei Prozent mehr werden, werden wir das doch schaffen, die zu integrieren.

Alt: Den Muslimen steht eine Reformation bevor

Sie erinnern in Ihrem Buch an die gelungene Integration beispielsweise der Boat People aus Vietnam, die in den 70er-Jahren zu uns kamen. Jetzt sagen viele: Gut, Vietnamesen lassen sich integrieren – aber der Islam ist das Problem! Was erwidern Sie da?

Der Islam ist auch für mich zum Teil ein Problem. Wenn ich mir den Lebenslauf von Mohammed ansehe, muss ich sagen: Der Mohammed von Mekka ist einer, der sich mit Religion befasst hat und wie Jesus von Nazareth viele schöne Sachen gesagt hat. Aber der spätere Mohammed von Medina war ein Politiker und Feldherr, der auch schlimme, gewalttätige Sachen gemacht hat. Da werden wir sicher Probleme bekommen mit den Muslimen, die sich auf diesen Gewalt-Mohammed beziehen. Natürlich steht den Muslimen noch eine Reformation bevor, natürlich brauchen die mehr Liberalität innerhalb des Islam. Aber da ist schon etwas in Bewegung geraten, gerade dank der vielen moslemischen Frauen, die in Europa leben und hier neue Freiheiten kennengelernt haben. Nachdem ich mein Buch über den Aramäischen Jesus geschrieben habe, wo ich auch auf Übersetzungsfehler im Neuen Testament hingewiesen hatte, meldeten sich bei mir islamische Theologen, die sagen: Dieselben Probleme haben wir mit dem Koran! Die berühmte Geschichte mit den 72 Jungfrauen beispielsweise ist völlig falsch übersetzt. Im Neuen Testament steht leider an drei Stellen, Jesus habe dazu aufgerufen, Schwerter zu kaufen – kompletter Unsinn, gemeint waren Brotzeitmesser, die damals jeder Reisende dabei haben musste.

Sie haben das Buch Kanzlerin Merkel gewidmet, weil sie mit ihrer Flüchtlingspolitik die CDU an das C im Namen erinnert habe. Aber Afghanistan zum sicheren Drittstaat zu erklären oder den Familiennachzug einzuschränken, ist ja auch nicht gerade christlich, oder?

Ich stimme Angela Merkel nicht in jedem Punkt zu. Aber die Kanzlerin ist in viele Rücksichtnahmen eingebunden. Das ist Realpolitik. Aber ihre Grund­intention ist doch eine ganz andere als die von Horst Seehofer. Als ehemaliges CDU-Mitglied freue ich mich darüber, dass wenigstens eine der beiden C-Parteien sich noch an ihr C erinnert. Ich bin mal wegen des C in die CDU eingetreten – und dann später wegen des C ausgetreten, wegen der Atompolitik, die nach meiner Meinung mit dem Christentum nicht vereinbar war. Also bitte: mehr Merkel und weniger Seehofer in der CDU/CSU.

Alts Beispiele für Migranten, die ihre neue Heimat bereichert haben

Helene Fischer

Franz Alt stellt in seinem neuen Buch „Flüchtling“ zahlreiche Beispiele für Migranten und Flüchtlinge vor, die eine bemerkenswerte Karriere hingelegt haben. Über unsere derzeit erfolgreichste Schlagersängerin Helene Fischer, die 1984 als Jelena Petrowna Fish­er in der alten Sowjetunion geboren ist, schreibt Alt: „Jelena Fisher ist inzwischen so deutsch, dass sie wahrscheinlich nur selten gefragt wird: Wo kommen Sie her?“ Peter Maffay (2. v. re.) wurde 1950 als Peter Alexander Makkay in Rumänien als Kind einer siebenbürgisch-sächsischen Mutter und eines ungarndeutschen Vaters geboren. „Ich kenne die Angst, in ein fremdes Land zu gehen und die Sprache nicht zu können“, so Maffay. Die Großeltern von Papst Franziskus flohen 1928 vor der Wirtschaftskrise in Italien, um in Argentinien ihr Glück zu suchen. Der syrische Vater von Apple-Gründer Steve Jobs (2. v. li.) war 1979 aus der Sowjetunion emigriert – sein Sohn hat eine halbe Million Jobs in den USA geschaffen.

Interview: Klaus Rimpel

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