Gauck: Der neue Herr in diesem Schloss

Berlin - Joachim Gauck (72) ist der künftige Herr im Schloss Bellevue, daran besteht kein Zweifel. Vor der offiziellen Wahl stellt die tz das neue Staatsoberhaupt vor.

Joachim Gauck

Der 72-Jährige wurde diesmal nicht nur von den oppositionellen Fraktionen SPD und Grüne aufs Schild gehoben, sondern darf sich auf eine sehr breite Mehrheit in der Bundesversammlung freuen. Die Linke, die mit Beate Klarsfeld eine eigene Kandidatin ins Rennen schickt, hofft auf einige Stimmen aus dem Lager der Gauck-Parteien. Insgesamt treten am Sonntag um 12.15 Uhr 1240 Wahlmänner und -frauen an.

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Die letzte öffentliche Handlung als „Bürger“ war für Gauck eine Veranstaltung des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“, der vom früheren SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel ins Leben gerufen worden war. Den Vorsitz gab Gauck nach neun Jahren ab, für die Sache werde er sich auch als Bundespräsident einsetzen, versprach er.

Die tz stellt das neue Staatsoberhaupt vor.

Kindheit an der See

Joachim Gauck, geboren 1940, ist das älteste von vier Kindern eines Kapitäns und Offiziers der Kriegsmarine und der Bürofachfrau Olga („Olly“). Vater Joachim wurde 1951 in ein sibirisches Arbeitslager gesteckt, erst 1955 kehrte er zurück. Die Familie lastete das spurlose Verschwinden ihres Oberhaupts dem SED-Regime an. „Das Schicksal unseres Vaters wurde zur Erziehungskeule“, schreibt Gauck in seiner Autobiografie Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Auch die kleinste Form der Fraternisierung mit dem System war verboten.

Die Heimat DDR

Gauck dachte nie ernsthaft an ein „Rübermachen“ in den Westen, obwohl er sich im anderen Teil Deutschlands ganz gut auskannte. „Westluft roch anders als Ostluft“. Vor dem Mauerbau siedelten viele Freunde und Verwandte in den Westen über, Gaucks Schwester Sabine, seine Tante Marianne mit Kindern. „Die Guten, dachte ich, seien nicht auf der Flucht, die Guten stünden an der Front.“ 1987 gingen auch seine Söhne Christian und Martin, die sich seit Jahren um Ausreiseanträge bemüht hatten, mit ihren Frauen und Kindern. Ein traumatisches Erlebnis für die Eltern, Tränen darüber vergießt Gauck aber erst viel später – er braucht sogar eine Therapie.

Gauck und „Hansi“

Zuerst verband Gauck und seine Gerhild „Hansi“ eine Schülerliebe. Schon mit 19 heiratete er die Freundin, gegen den Willen der Eltern. Zuerst lebte jeder weiter bei seinen Eltern, dann bekamen sie ein Kellerzimmer. Hansi arbeitete, während ihr junger Gatte studierte. Er schreibt: „Wir waren arm und reich, denn wir beschenkten uns beständig mit Zutrauen und schließlich einer großen romantischen Liebe.“ Die beiden haben zwei Töchter und zwei Söhne. 1991 trennen sich Joachim und Hansi Gauck; sie sind aber bis heute verheiratet.

Der Pastor

Gaucks Onkel war Domprediger, und da sein Neffe unter DDR-Bedingungen seinen Traumberuf als Journalist nicht ergreifen konnte, überredete er ihn zum Theologiestudium (1958-1969 in Rostock). Pastor wollte Gauck aber nicht werden, dazu entschied er sich erst während seines Vikariats.

Die Staatsicherheit

Die Stasi, deren Aufzeichnungen Gauck nach der Wende minutiös aufarbeiten ließ, hatte Gauck seit 1974 unter Beobachtung. Stasi-Offiziere empfahlen die „Einleitung von gezielten Zersetzungsmaßnahmen.“ Als Gauck 1990 Sonderbeauftragter für die Stasi-Unterlagen wurde, hatte er zunächst nur drei Mitarbeiter. Er übernahm in der „Gauck-Behörde“ weitere ehemalige Angestellte, „auf die man aufgrund ihrer Spezialkenntnisse nicht verzichten konnte“ und welche, „die sich kooperativ und freundlich gegen Bürgerrechtler verhalten hatten.“ Erst in jüngster Zeit wurde Gauck deshalb kritisiert.

Der Bürgerrechtler

Im Oktober 1989 hatte der Bürgerprotest in der DDR den Norden erreicht. Gauck leitete die Gottesdienste, von denen die Massenproteste in Mecklenburg-Vorpommern ausgingen. Seit Gaucks Nominierung zum Präsidentenkandidaten erheben sich wieder Stimmen, die Gauck vorwerfen, er sei erst spät auf „den fahrenden Zug aufgesprungen“. Aus dem Neuen Forum verlautet, er sei keiner der Aktivisten, die das Forum gegründet haben.

Lebensgefährtin

Seit zwölf Jahren ist Daniela Schadt (52) die Frau an Gaucks Seite. Sie war bis jetzt Politikredakteurin bei der Nürnberger Zeitung, will aber nach ihrem Umzug nach Berlin ihren Job an den Nagel hängen. Die Diskussion über den Trauschein, die vom CSU-Abgeordneten Norbert Geis angefacht wurde, verstehen weder sie noch Gaucks offizielle Ehefrau Hansi. Man verstehe sich gut in der ganzen Familie.

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Politische Haltung

Der 72-Jährige bezeichnet sich selbst als „linken, liberalen Konservativen“. Kritisiert wurde Gauck in jüngster Zeit u. a., weil er die „Occupy“-Bewegung als „albern“ bezeichnet habe und weil er Thilo Sarrazin „Mut“ attestierte. Die monierten Äußerungen sind aber aus dem Zusammenhang gerissen und lesen sich im richtigen Kontext weit weniger extrem. Linke Kreise bemängeln, dass Gauck kein Herz für sozial Schwache zeige, sondern sich auf das Thema Freiheit konzentriere.

Barbara Wimmer

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Rubriklistenbild: © dapd

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