Die geheime Unterwelt

Gazastreifen: Warum um die Tunnels gekämpft wird

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Ortstermin in einem der von den Israelis entdeckten Tunnels.

Tel Aviv - Hauptziel des israelischen Einmarsches in Gaza, bei dem schon rund 1460 Palästinenser und 61 Israelis getötet wurden, ist die Zerstörung des Tunnel-Systems der Hamas. Die tz erklärt die geheime Unterwelt.

Diese unterirdischen Verbindungen nach draußen sind die „Lebensadern“ für die Bewohner des von allen Seiten weitgehend blockierten Gebiets. Alle Güter und Materialien, die Israel und Ägypten aus Sicherheitsgründen nicht hineinlassen, finden so trotzdem ihren Weg ins Palästinenserland. Für Israel ist das Tunnel-Labyrinth eine stete tödliche Bedrohung. Die tz erklärt die geheime Unterwelt – und wie das israelische Militär dagegen ankämpft.

Welchen Zwecken dienen die Tunnels im Gazastreifen? 

Die Palästinenser haben drei Arten von Tunnel gebaut: Die ersten dienten dem Schmuggel – von lebenswichtigen Produkten, Lebensmitteln, Kleidung und Hygieneartikeln, aber auch von Waffen. Des Weiteren gibt es Tunnelsysteme im Inneren des Landes, die als Fluchtwege und Bunker für Kämpfer und hohe Hamas-Funktionäre genutzt werden. Nach israelischen Informationen versteckt sich die gesamte Führung seit Beginn der Auseinandersetzungen dort. Die für Israel gefährlichsten Tunnel sind die „Terror-Tunnel“.

Warum sind sie so gefährlich? 

Durch die angeblich 45 Röhren nach Israel können Attentäter direkt auf das Gebiet des verhassten Staates gelangen und nach einem Anschlag einfach wieder verschwinden. 2006 wurde der Soldat Gilad Schalit auf diese Art entführt und jahrelang gefangen gehalten.

Wie viele Tunnel gibt es?

Die genaue Zahl ist unbekannt, nicht nur weil die israelische Armee in den letzten Tagen wieder einige zerstört hat. Insgesamt sollen es rund 1000 Gänge sein. Die meisten sind etwa einen Kilometer lang. Die Durchmesser sind sehr unterschiedlich: Manche sind schmal und niedrig, in anderen können Pkw, ja sogar Lastwagen fahren. Die Ausstattung reicht von sehr primitiv bis recht solide– mit Betonwänden, Lastenaufzügen, Stromversorgung und Lüftung. Inzwischen verlaufen die Tunnel sogar auf mehreren Etagen.

Wie wurden sie gebaut?

Tausende Palästinenser haben durch den Tunnelbau einen der raren Jobs gefunden, und er ist sogar gut bezahlt. Das Geld dafür soll aus Katar, aber auch aus dem Iran kommen. Zum Höhepunkt der Blockade waren 15 000 Menschen unterirdisch mit Graben beschäftigt. Auch Kinder werden unter die Erde geschickt, 160 sollen dabei ihr Leben verloren haben. Opfer werden als Märtyrer gefeiert.

Ist der ganze Gazastreifen gleichermaßen durchzogen? 

Das dichteste Netzwerk besteht an der Grenze zu Ägypten. Auf diesem Weg werden Waren, Geld, Waffen und Waffenbausteine geschmuggelt.

Wie konnten die Gänge unter den Augen Israels entstehen?

Die Eingänge der Tunnels befinden sich meist innerhalb von Häusern. Die unterirdischen Arbeiten in einer Tiefe von bis 18 Metern lassen sich von Satelliten schwer erkennen. In Israel wird derzeit allerdings auch die mangelhafte Überwachung durch die Geheimdienste heftig kritisiert.

Mit welchen Mitteln spüren die Israelis die Tunnel auf?

Agenten suchen aus der Luft nach Aushub und Menschen, die auffällig in Kellern verschwinden. Da etliche Tunnel von der Hamas mit Sprengstoff präpariert wurden, schickt die Armee zuerst von israelischen Forschern entwickelte „Schlangenroboter“ mit Kameras hinein. Diese Roboter wurden eigentlich für die Hilfe bei Erdbeben und anderen Naturkatastrophen entwickelt.

BW/KR

Keine Waffenruhe – Soldat entführt

Feuerpause, Durchatmen, vielleicht sogar Verhandlungen für einen langfristigen Frieden? Nur kurz dauerte Freitagfrüh der eigentlich auf drei Tage angelegte Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas. Dann wurde bekannt, dass militante Palästinenser die vorübergehende Ruhe dazu genutzt hatten, einen israelischen Soldaten im Gazastreifen zu verschleppen.

„Terroristen griffen israelische Streitkräfte an, die an einem Tunnel im Einsatz waren,“ meldete der israelische Militärsprecher Peter Lerner die Entführung. Die Nachricht löste neue heftige Kämpfe aus. Laut palästinensischem Gesundheitsministerium wurden bei israelischen Angriffen 35 Palästinenser getötet und mehr als 100 verletzt. Militante aus dem Gazastreifen feuerten mindestens acht Geschosse auf Israel ab. Drei wurden abgefangen, die anderen landeten auf freiem Feld.

Israel erklärte die in der Nacht ausgerufene Waffenruhe angesichts der neuen Situation für gescheitert. Der israelische Militärrepräsentant General Joav Mordechai habe UN-Vermittler Robert Serry darüber informiert. „Israel wird die Aggression der Hamas und anderer Terrororganisationen im Gazastreifen mit harten Maßnahmen beantworten“, so Mordechai. In einer Erklärung der UN-Vermittler heißt es zur mutmaßlichen Verantwortung der palästinensischen Seite, man könne die Berichte nicht bestätigen. „Sollten sie sich aber bewahrheiten, würde dies eine schwere Verletzung des humanitären Waffenstillstands darstellen.“

BW

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