Politischer Stargast in Markt Schwaben

Schröder: So offen spricht er heute über das Kanzler-Sein

Ex-Kanzler Gerhard Schröder (li.) in Markt Schwaben mit Hans-Jochen Vogel.

Markt Schwaben – Ein Kanzler, der am Zaun rüttelt und seine Eitelkeit einräumt: Die „Schwabener Sonntagsbegegnungen“ im Landkreis Ebersberg erleben am Sonntag einen Glanzpunkt. Debattiert wird über die Frage, was Politiker antreibt.

Auf dem Pult vor Hans-Jochen Vogel liegt ein grauer Lappen, ein Stück Papier wie aus einer anderen Welt. Der 88-Jährige nimmt den Zettel sanft in die rechte Hand, hält ihn nach oben. Es ist sein Aufnahmeantrag in die SPD, gestellt und bewilligt am 1. Dezember 1950 in einem Parteibüro in München-Nord. Das Dokument markiert das Ende seiner Suche nach einer politischen Heimat.

Vogel steht hier vor 300 Besuchern, um seinen Weg in die Politik zu erklären, jenseits der Plattitüden, mit denen Wahlkämpfer ihre hehre Motivation für den Dienst am Gemeinwohl sonst gern besingen. Neben ihm, das zweite Pult fest mit den Händen umklammernd, steht Ex-Kanzler Gerhard Schröder, auch schon 70. Die beiden Sozialdemokraten treten als Stargäste der „Schwabener Sonntagsbegegnungen“ auf. Das ist eine ungewöhnlich tiefgehende Dialogreihe im Landkreis Ebersberg, die der ehemalige Markt Schwabener SPD-Bürgermeister Bernhard Winter seit 1992 beharrlich organisiert.

Was die Motivation zum Gang in die Politik war, ist keine tagesaktuelle Frage – aber doch brennend angesichts sinkender Wahlbeteiligung und der Ablehnung, die Berufspolitikern immer stärker entgegenschlägt. Der Altkanzler, der einst am Zaun des Kanzleramts rüttelte („Ich will hier rein!“), und Vogel, der die Städte München und Berlin regierte und ein Jahrzehnt Bundesminister war, sind gute, selten auftretende Protagonisten dafür. Sich wechselseitig schätzen lernten sie übrigens erst spät.

Vogel nachdenklich: "Ja, ich war bei der Hitlerjugend"

Vogel gibt einen nachdenklichen Grundton vor. „Ja, ich war bei der Hitlerjugend“, sagt er, Scharführer. Sein Vater sei 1932 der NSDAP beigetreten. Vogel, Jahrgang 1922, bekennt: „Der Gedanke, dass man seinem Staat Widerstand leisten muss, sogar während des Krieges, war nicht in meiner Vorstellungskraft.“ Die Barbarei des Nazi-Regimes erschloss sich ihm erst in der kurzen Kriegsgefangenschaft und nach 1945. Während seines Studiums und der Rechtsferendarzeit in Miesbach und München ging er zu Parteiveranstaltungen, verglich und suchte. Es war die Grundlage für seinen Werdegang als Berufspolitiker. „Warum? Weil ich mich mitverantwortlich gefühlt habe, dass aus dem furchtbaren Geschehen Konsequenzen gezogen werden.“

Gebannt, ohne flapsige Zwischenrufe, lauscht ein Pult weiter Schröder. Er ist Jahrgang 1944, sein Weg in die gleiche Partei und an ihre Spitze könnte unterschiedlicher kaum sein. 1963 trat er ein, das erste Parteibuch hat er verloren, und fand erst in der SPD Argumente für seine Überzeugungen. „Das Warum hat sich mir erst erschlossen, als ich bei den Jungsozialisten und der SPD war. Da habe ich ein Fundament gefunden.“ Zuvor war Schröder durch Veranstaltungen verschiedener Parteien geirrt, meldete sich überall zu Wort und habe „versucht, meine Argumentation zu schärfen. Ich muss ziemlich viel Stuss erzählt haben am Mikrofon.“ Er habe sich dennoch nicht aufhalten lassen.

Die Politik als Beruf wählte der Rechtsanwalt 1980 mit der Wahl in den Bundestag. Als Schröder über diese Zeit erzählt, erleben die Sonntagsgespräche einen brillanten Moment. Schröder will gerade relativierend anheben, es gebe ja da das Gerücht, er habe mal am Zaun des Kanzleramts gerüttelt – da ruft aus dem Publikum die frühere Bundesministerin Renate Schmidt dazwischen: „Ich war dabei!“ Und: „Wir waren deutlich nüchterner als Du.“ Nein – dementieren kann er da nicht mehr, statt dessen öffnet er sich weit.

Die öffentliche Aufmerksamkeit schmeichelt Schröder

Ja, sagt Schröder über seine Zeit als junger Abgeordneter: „Ich wollte eigentlich immer Bundeskanzler werden. In dem Moment, als ich in den Bundestag kam, war das Ziel immer da.“ Schröder erzählt, wie die Politik ihm aus einfachen Verhältnissen die Chance zum Aufstieg gab. Wie er sich an die öffentliche Aufmerksamkeit gewöhnte, es als etwas Besonderes empfand, „wenn man unterscheidbar ist“. „Es spielt auch Geltungsbedürfnis und Eitelkeit einer Rolle. Es is’ so. Jedenfalls bei mir.“ Und ausgeschieden aus der Politik sei er, der 2005 abgewählt wurde, nicht freiwillig. Es sei ja nicht so, scherzt er, „dass ich 2005 von Innen am Zaun gerüttelt und gesagt hätte: Ich will hier raus.“

Christian Deutschländer

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