Polit-Duell am Gillamoos - Ausgerechnet dieser Tag

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FDP-Generalsekretär Christian Lindner (r.) und der bayerische Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch ( FDP)

Abensberg - Es ist das Polit-Spektakel der Kraftmeier und Urbayern. Ausgerechnet nach einer bitteren Niederlage und mitten im Umfragetief muss FDP-General Christian Lindner auf dem Gillamoos auftreten. Er trifft auf Desinteresse und Frust – aber kontert mit Biss.

Jetzt singen sie auch noch drüben im Nachbarzelt. Ein Prosit der Gemütlichkeit wabert durch die Wand, und noch eins, Gläser klirren. Christian Lindner sitzt auf der Bierbank, beide Hände um den Maßkrug geschlungen, die Körperhaltung sieht nicht aus, als sei er von irgendeiner Gemütlichkeit ergriffen. Wie auch? Gleich muss er auf das Podium aus drei genagelten Holzpaletten steigen, im Bierdunst die jüngsten fünf, sechs Wahldebakel erklären. Im Saal warten außerdem ein paar frustrierte Parteifreunde. Sie wollen ihm mitteilen, dass er ein Bubi ist und Guido Westerwelles Königsmörder. Ein Prosit der Gemütlichkeit.

Ausgerechnet Gillamoos, ausgerechnet dieser Tag. Mit einer krachenden Watschn ist die FDP am Vorabend aus dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern geflogen, zweikommairgendwas Prozent. Schlimmer geht’s nimmer, und das heißt was in der liberalen Dauerkrise. „F.D.P. – Fast Drei Prozent“, witzeln sie in den Nachbarzelten.

Der Generalsekretär müsste jetzt eigentlich beim turnusgemäßen Wundenlecken des Parteivorstands in Berlin sein statt auf der niederbayerischen Bierbank. Dass er wirklich aus der Limousine gefedert ist, mit einem fröhlichen „Tach zusammen“ durch den Nieselregen zum Zelt stapfte, erstaunte insgeheim selbst die Veranstalter. Tenor: Ein Weichei kann dieser Lindner nicht sein, obwohl Nordrhein-Westfale.

Ein Marsch noch von der Kapelle, sie nennen sich die „Höllentaler“ – auch irgendwie bezeichnend für die Lage der FDP. Dann streckt sich Lindner, stellt sich auf die drei Paletten und sagt ansatzlos: „Gerade heute heißt es: Nicht wegducken. Steh auf, wenn Du ein Liberaler bist.“ Der Saal stutzt. Noch steht keiner auf, aber wenigstens ist die Linie damit klar: Kämpfen statt jammern.

Es ist ja nicht leicht, am Gillamoos den richtigen Ton zu finden. Rhetorisches Rumpeln wird erwartet, Selbstbewusstsein bis hin zur Kraftmeierei. Im Vorjahr verstörte FDP-Redner Philipp Rösler das Zelt mit einer selbstironischen Satire-Rede. Zehn Monate lang habe die Bundesregierung nichts getan, witzelte er zum Beispiel: „Das waren genau die zehn Monate, die die Wirtschaft gebraucht hat, um sich zu erholen.“ Ein paar Späßchen machte Rösler zudem über Angela Merkel („Barbiepuppe“) und ihr Verhältnis zu Westerwelle („Zickenterror“). Es hat Rösler nicht geschadet, der Mann ist heute Parteichef. Aber noch immer wird in der FDP gerätselt, welcher Übermittlungsfehler ihn veranlasste, statt einer Bierzeltrede einen Kabarettauftritt hinzulegen.

Lindner scherzt nicht. Dazu ist die Lage zu ernst. Seine Vorredner haben vom „Totenglöckchen der FDP“ erzählt und tapfer verkündet: „Des kenn’ma schon“, die Partei werde wieder aufstehen. Lindner versucht, den Anhängern Mut zuzusprechen, ein Thema zu geben. Es geht um nicht weniger als den Markenkern der FDP.

Lindner fokussiert die Rede auf die Schuldenkrise, wettert so rüde über die ungebremsten Finanzmärkte, dass man kurz meinen möchte, er habe das rote Manuskript aus dem Nachbarzelt erwischt. Dann aber skizziert er, was er von der FDP erwartet: Für die soziale Marktwirtschaft zu kämpfen, für Schranken durch die Politik: „Wir brauchen eine wehrhafte Marktwirtschaft.“ Erkennbar will er die FDP weg vom kühl-technokratischen Lobby-Image führen, hin zur Partei der Verantwortung. Kernfelder: Euro, Wirtschaft, Arbeitsplätze.

Wie dringend notwendig es ist, der von Personalquerelen und Umfrageabstürzen gequälten FDP Leben und Einigkeit einzuhauchen, zeigt sich schon im Mikrokosmos Gillamoos. Ein heterogenes Völkchen sammelt sich im hölzernen Weinzelt. Schaulustige sind da, wie nach einem Unfall, die der FDP beim Leiden zuschauen wollen. Plaudernde Passanten, denen CDU-Mann McAllister nebenan zu langweilig ist. Ein paar Jungliberale, die Lindner schnuckelig finden. Aber auch einige mit dickem Hals.

Rechts vor seiner Bretterbühne darf Lindner auf Karl Schützmeier blicken: Gemeinderat, erfahrenes FDP-Mitglied und stocksauer. „Lehrbuam! Diese Boys, diese Boygroup da“, faucht er. „Von hinten erdolcht“ hätten die Röslers und Lindners den armen Westerwelle. Mit dem alten Parteichef würde man jetzt besser dastehen. Schützmeier reckt sein „Königsmörder“-Transparent in die Kameras. Ein anderer Langgedienter, Peter-Gerhard Diel, die goldene 30-Jahre-Mitglied-Medaille über der gelben Strickjacke baumelnd, belehrt den Generalsekretär über Stilformen in der Politik: „Des macht ma net!“

Lindner geht nicht darauf ein. In einem Halbsatz vermeldet er das Ende der Personalspekulationen, klammert das Thema fortan aus. Dann schaltet er um auf Attacke: Gegen die Gaslobbyisten Schröder und Fischer, gegen die Haushaltspolitik der SPD – „die Sozialdemokraten sind die letzten Griechen Europas“. Er kann ja Bierzelt, er ist ein guter Redner, wenn auch auf außerbayerischem Niveau: „Wir haben auch so’n Volksfest“, berichtet er aus seiner Heimat, „das heißt Kirmes“.

Ein paar Kniffe baut er ein in seine Rede. Den Namen Künast spuckt Lindner fast in den Saal, wie bestellt kommt aus einer Ecke ein „Buuuh“. Das klappt auch im Steuer-Teil der Rede. „Wer zahlt den Spitzensteuersatz?“, ruft er, prompt hallt es von der Bar zurück: „Wir Idioten!“

Das reicht nicht für donnernden Beifall, aber für anerkennenden Applaus. Sogar Schützmeier ist einigermaßen befriedet. Wenn Lindner jetzt auch umsetze, was er sage, brummt er ihn am Ende an, könne es ja wieder aufwärtsgehen. Der General nimmt den Rempler mit knappem militärischen Gruß entgegen, Hand an der Schläfe. In diesem Fall ist das vielleicht angemessener als ein Prosit der Gemütlichkeit.

Christian Deutschländer

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