70 Jahre altes Poster offenbart Bruch

Grönemeyer attackiert CSU: Seehofer schweigt

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Herbert Grönemeyer mit dem Plakat. Der Musiker bedauert, dass diese Werte verloren gegangen seien.

München - Musiker Herbert Grönemeyer (59) hat am Sonntag beim Dankeschön-Konzert für die Flüchtlingshelfer ein CSU-Plakat aus dem Jahr 1946 in die Luft gehalten. Seehofer will das nicht kommentieren.

Das ist mal eine Konzert-Kritik:"Vertriebene, Eure Not ist unsere Sorge“ ist darauf zu lesen – sowie das Versprechen: „Gemeinsam schaffen wir‘s!“ Grönemeyer wetterte: Diese Werte seien bei der CSU verloren gegangen. In christlichem Namen verbreite die Partei heute „Unsinn“.

Zwischen „Vertriebene willkommen“ und „Grenzkontrollen eingeführt“ liegen fast 70 Jahre.

Das Plakat stammt aus dem ersten bayerischen Landtagswahlkampf nach dem Krieg, in dem auch über die Verfassung abgestimmt wurde, sagt tz-Experte Professor Carsten Reinemann vom Institut für Medienforschung der LMU: „Die CSU versuchte mit dem Plakat, gezielt die Heimatvertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten anzusprechen.“ Etwa zwei Millionen waren bis 1946 nach Bayern gekommen und stellten nun eine große Wählergruppe. „Unterbringung und Versorgung führten zunächst zu erheblichen Problemen, langfristig profitierte Bayern aber, und die Integration gelang.“

Auf dem Plakat setzt sich die CSU auch für Flüchtlingswahlkreise ein. „Die Flüchtlinge sollten zu eigenen Wahlkreisen zusammengefasst werden, um ihnen eine Vertretung in den Parlamenten zu sichern“, sagt Reinemann. „Der Vorschlag scheiterte letztlich, weil die Gegner vermuteten, dass er Neu- und Altbürger nicht verbinden, sondern die Trennung verstärken würde.“

Die Kritik von Grönemeyer zielt natürlich auf CSU-Chef Horst Seehofer ab. Die Landesleitung will sich dazu nicht äußern. „Wir werden das nicht kommentieren“, teilt die Pressestelle auf Anfrage mit.

Die Münchner CSU indes ist nicht begeistert, dass sie bei einem Konzert für Helfer derart angegangen wird. Stadtrat Richard Quaas: „Wenn für so etwas öffentliche Gelder ausgegeben werden, ist das auch eine programmatische Aussage.“ 150 000 Euro hatte die Stadt beigesteuert – mitgetragen von der CSU! Fraktions-Chef Hans Podiuk: „„Es ist eigenartig, wenn ein Dank für die Helfer zu einer Partei-Veranstaltung wird.“

Konzert-Initiator Till Hofmann meinte zur tz: „Es ging konkret um Politiker, die Zäune fordern.“ Er kenne auch in Kreisen der CSU Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen würden. „Aber es ist eben schon ein Unterschied, ob man wertkonservativ ist oder an den rechten Rand abdriftet.“

Sascha Karowski

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