Grüne: Trittin mausert sich zum starken Mann

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Jürgen Trittin steigt bei den Grünen immer mehr zum starken Mann auf.

Berlin - Die Grünen bieten ein neues Bild. Alle paar Stunden tritt Jürgen Trittin vor eine grüne Wand und berichtet über Pläne, Ziele und die Debatten seiner in Klausur befindlichen Fraktion - und zwar allein.

Die Grünen bieten ein neues Bild. Alle paar Stunden tritt Jürgen Trittin vor eine grüne Wand und berichtet über Pläne, Ziele und die Debatten seiner in Klausur befindlichen Fraktion - und zwar allein. Anders als sonst bei solchen Gelegenheiten fehlt seine Co-Fraktionschefin Renate Künast. Soll man sich an den einen starken Mann in erster Reihe schon mal gewöhnen?

Die Erklärung ist schlicht, dass Künast trotz Fraktionsklausur in Berlin gut zwei Wochen vor der Wahl in der Hauptstadt keine Gelegenheit für den Wahlkampf verpassen möchte. Schließlich will sie Regierungschef Klaus Wowereit ablösen. Doch vom Umfragehoch um die 30 Prozent sind die Grünen seit Beginn von Künasts Wahlkampf um rund zehn Punkte zurückgefallenen. Landen sie noch hinter der nun etwas über 20 Prozent liegenden CDU, erwartet man in der Partei Turbulenzen noch am Wahlabend. Doch die Grünen geben die Hoffnung nicht auf - knapp die Hälfte der Wähler ist laut Umfragen noch unentschlossen.

Trittin zeigt sich zwar zerknirscht, dass er die Fraktionsklausur nun allein leiten muss: “Ich leide auch darunter.“ Er sehne sich nach der Doppelspitze zurück. Doch scheint ihm die herausgehobene Position auch nicht wirklich viel auszumachen.

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So nutzt der Parteilinke die Gelegenheit, um trotz aller Offenheit der Grünen in Koalitionsfragen schon einmal Pflöcke einzuschlagen. “Wir streben an, im Jahr 2013 oder früher diese Koalition rückstandsfrei abzulösen“, ätzt er selbstbewusst gegen das dauerkriselnde schwarz-gelbe Bündnis. “Da böte sich eine Koalition mit der Sozialdemokratie in einem solchen Fall an.“

Und die Debatte, ob Trittin nun lieber Außen- oder Finanzminister werden möchte, hat der Fraktionschef selbst befeuert. Öffentlich räsonierte er über die wachsende Bedeutung des Finanzressorts. Nun gibt er mit einem kleinen diebischen Lächeln zu Protokoll: “An solchen Spekulationen beteiligen wir uns nicht.“

Doch was will eine grüne Regierungspartei? Trittin weist die Bedenken der Realo-Frauen Kerstin Andreae und Christine Scheel gegen eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent zwar indirekt, aber doch deutlich zurück - obwohl die ebenfalls in Rede stehende Variante von 45 Prozent offiziell noch nicht vom Tisch ist.

Vieles hängt nun an Fritz Kuhn. Er leitet eine Arbeitsgruppe, die die vorrangigen Projekte für den Wahlkampf in Zeiten der Schuldenkrise bestimmen soll. Hinter verschlossenen Türen schrieb der Oberrealo den Abgeordneten ins Stammbuch, man möge doch jetzt nicht über Steuersätze, sondern über das Gesamtkonzept diskutieren.

Cem Özdemir kündigt an, die heiklen Debatten über große grüne Ziele und knappe Kassen energisch weiterzuführen. “Nächster Zwischenschritt ist unser kommender Bundesparteitag im November, bei dem wir über (...) finanzpolitische Eckpunkte für grünes Handeln entscheiden werden“, sagt der Parteichef. Bis dahin wissen die Grünen auch, ob Trittin weiter eine starke Co-Fraktionschefin Künast an seiner Seite hat. Die turnusgemäße Neuwahl des Fraktionsvorstands haben die Grünen auf den Oktober nach der Berlin-Wahl gelegt.

dpa

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