Vorbild, Kämpfer und lebhafter Demokrat

Trauer um Hans-Jochen Vogel: Abschied von Münchens Übervater

SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel.
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Der große Sozialdemokrat und Alt-OB Hans-Jochen Vogel stirbt im Alter von 94 Jahren.

Hans-Jochen Vogel war der Architekt des modernen Münchens: Olympische Spiele, U- und S-Bahn und Fußgängerzone – kein Oberbürgermeister hat der Stadt nach dem Krieg so sehr seinen Stempel aufgedrückt. Eine Würdigung.

  • Der große Sozialdemokrat und Alt-OB Hans-Jochen Vogel stirbt im Alter von 94 Jahren.
  • Der SPD-Politiker prägte München über Jahrzehnte.
  • Politiker und Prominente trauern.

München - Er war ein leidenschaftlicher Kämpfer für Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Vom Scheitel bis zur Sohle. Und bis zum Schluss. Am Sonntag ist Münchens Alt-OB Hans-Jochen Vogel für immer eingeschlafen. Im Alter von 94 Jahren. Seine Parkinson-Erkrankung hatte ihm zuletzt immer stärker zugesetzt.

Hans-Jochen Vogel lebte seit 2006 mit seiner Frau Liselotte (92) im Seniorenheim Augustinum. Wer Vogel erreichen wollte, der brauchte aus heutiger Sicht viel Geduld – bis zu seinem Tod verschmähte er Handy und Computer, wie Merkur.de* berichtet. Aber noch bis ins hohe Alter bezog er Stellung zur Tagespolitik. Neben dem Thema soziale Gerechtigkeit bewegte ihn der drohende Zerfall Europas. Stets warnte er vor einem Aufflackern des Nationalismus.

Hans-Jochen Vogel war Architekt des modernen Münchens

Hans-Jochen Vogel war der Architekt des modernen Münchens: Olympische Spiele, U- und S-Bahn, Fußgängerzone – kein Oberbürgermeister hat der Stadt nach dem Krieg so sehr seinen Stempel aufgedrückt. Mit 34 Jahren wurde der 1926 in Göttingen geborene Professoren-Sohn Oberbürgermeister in München – und damit jüngstes Stadtoberhaupt einer deutschen Großstadt.

Bis 1972 blieb er OB der Landeshauptstadt. Wegen heftiger Auseinandersetzungen mit der SPD-Linken warf er das Handtuch und ging in die Bundespolitik. Von 1972 bis 1974 wirkte er als Bundesbauminister, danach bis 1981 als Justizminister. 1981 wurde er Regierender Bürgermeister von Berlin. Als Kanzlerkandidat der SPD unterlag er 1983 Helmut Kohl (CDU). Von 1987 bis 1991 war Vogel Nachfolger Willy Brandts als Parteivorsitzender der SPD. Vogel war eine stets streitbare Stimme der deutschen Sozialdemokratie, einer der ganz Großen seiner Partei.

Ein Mann für Olympia: Vogel holte die Spiele von 1972 nach München.

Prägend aber blieb seine Zeit als Münchner OB, als Übervater der Stadt. Es ist eine außergewöhnliche Karriere: München staunt im Jahre 1960, wie weit der junge Einser-Jurist den konservativen Josef Müller, genannt der „Ochsensepp“, hinter sich lässt: 64,3 Prozent fährt Vogel ein. Der etwas penible junge Mann mit der markanten Brille ist Münchens Versprechen für die Zukunft. Mit großer Disziplin und enormem Fleiß stürzt er sich in seine Aufgabe, die Arbeitstage dauern bis spät in die Nacht. Ungeduldig ist der Neue, antreibend und fordernd, was nicht allen Beamten seines Hauses schmeckt. Es dauert nicht lange, bis Vogel der Ruf vorauseilt, einen „autoritären Führungsstil“ zu pflegen. Aber wahrscheinlich braucht München damals genau das: einen jungen, neuen Stil mit viel Energie.

„Eine Gesellschaft muss dafür auch einmal die Kraft aufbringen“ - Hans-Jochen Vogel über die Kosten des Olympia-Zeltdachs

Unter Vogels Ägide zwischen 1960 und 1972 wird viel bewegt. Die Stadt wächst in diesem Zeitraum um 300.000 Einwohner auf 1,34 Millionen. Vogel selbst hat in seinem Buch „Die Amtskette“ seine Bilanz in Zahlen ausgedrückt: In seiner Amtszeit entstand ein Schienenschnellverkehrssystem von 420 Kilometern Ausdehnung, 175.000 Wohnungen wurden geschaffen, 1770 Schulräume und über 2800 Krankenhausbetten sowie 400 Kilometer Straßen gebaut. München erlebte einen Boom – auch wenn man das damals natürlich noch nicht so genannt hat. Und als Krönung bereitete Vogel den Weg für den Bau des S- und U-Bahn-Netzes sowie für die Olympischen Spiele. Bis zu seinem Lebensende setzte sich der Sozialdemokrat dafür ein, dass der Olympiapark samt seiner Sportstätten und dem Stadion als Herzstück zum Weltkulturerbe erklärt wird.

Keiner hat München so geprägt wie Hans-Jochen Vogel. Der Ex-SPD-Chef und Alt-OB ist im Alter von 94 Jahren verstorben (Archivfoto).

Im November 2019 hat Hans-Jochen Vogel, über den eine zwiespältige Trauerbekundung verfasst wurde, einen seiner letzten öffentlichen Auftritte. Im Luitpoldsalon stellt der betagte Politiker sein Buch „Mehr Gerechtigkeit“ vor. Es ist ein Spätwerk, eine Art Vermächtnis an die Politik der Gegenwart. Ein Postulat für eine neue, gerechtere Bodenordnung, um dem Wahnsinn explodierender Mieten entgegenzuwirken. Am Ende dieses Abends erhebt sich der ganze Saal. Hans-Jochen Vogel erhält lang anhaltenden Applaus. Der 93-Jährige breitet die Arme aus und senkt langsam beide Hände. Ganz so, als ob er signalisieren wollte: Jetzt ist aber genug mit den Ovationen.

Man wird Hans-Jochen Vogel, den Grandseigneur der deutschen Sozialdemokratie, vermissen.

OB Reiter: „Er war ein großer Visionär“

„Die Nachricht von Hans-Jochen Vogels Tod erfüllt mich mit großer Trauer. Mit ihm verliert München, verliert Deutschland einen großen Sozialdemokraten, einen scharfen Analytiker und leidenschaftlichen Politiker. Als Oberbürgermeister hat er München in eine neue Zeit geführt. Es war ein großes Glück, dass er die Olympischen Spiele 1972 nach München holte. Ohne die visionäre Politik von Hans-Jochen Vogel wäre München nicht schon 25 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zu der weltoffenen, internationalen und liebenswürdigen Stadt, wie wir sie kennen, geworden. Hans-Jochen Vogel war ein überzeugter Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, ein großer Denker und Visionär. Er wird mir, uns allen sehr fehlen.“

Alt-OB Christian Ude: „Ein Granitfels und großer Reformer“ 

Alt-OB Christian Ude (72) kannte Hans-Jochen Vogel seit 60 Jahren. „Er war der Granitfels einer schwankenden Politik. Der große Reformer und Mister Olympia, der die Spiele nach München geholt hat.“ Vogel sei auch Autoritäts­figur gewesen, an der sich die Studenten gerieben hätten. „1968 haben wir unseren Frieden geschlossen, seitdem ist er für mich das kommunalpolitische Vorbild. Und er wurde ein immer besserer und engerer Freund, bis ich in drei Ämtern sein Nachfolger wurde.“ Als Münchens OB, Präsident des Städtetages und SPD-Spitzenkandidat.

SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel erinnerte sich in einem *Merkur-Interview an das Kriegsende im Jahr 1945. Er sagt: „Ich wusste, dass mich jederzeit ein tödlicher Schuss treffen könnte.“*Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

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