1. tz
  2. Politik

Michel Friedman klagt bei Plasberg an: Deutschland ist für Putins Aggression „mitverantwortlich“

Erstellt:

Kommentare

Dr. Michel Friedman (CDU) - Jurist, Publizist und Fernsehmoderator - zu Gast bei „Hart aber fair“ (ARD).
Dr. Michel Friedman (CDU) - Jurist, Publizist und Fernsehmoderator - zu Gast bei „Hart aber fair“ (ARD). © Screenshot ARD Mediathek

Die russische Invasion in der Ukraine verschlechtert das Russlandbild in Deutschland. Stereotypes Denken, Verwunderung, aber auch Ablehnung nehmen zu. Welche Folgen hat das? 

Berlin – In der westlichen Welt wird Wladimir Putin seit seiner Invasion in der Ukraine immer öfters als „Putler“ mit Adolf Hitler verglichen – in Russland stieg die Zustimmung zum Präsidenten zuletzt laut offiziellen Umfragen auf 82 Prozent. Frank Plasberg spürt in seinem „Hart aber fair“-Talk der für den Westen unverständlich Popularität des russischen Despoten nach. Seine Frage: „Putins Krieg oder Krieg der Russen: Wie weiterleben mit diesen Nachbarn?“. Erstmals nach langer Zeit findet der ARD-Talk wieder mit Publikum statt.

Die russischstämmige Pädagogin Narina Karitzky, die in Bonn eine Schule betreibt, hält es für falsch, allein Putin die Verantwortung für den Krieg zuzuschreiben: „Es ist Russlands Krieg“, meint sie. Sie selbst „schäme“ sich für ihr Land, spreche in der Öffentlichkeit nicht gern Russisch und würde derzeit auch nicht in ihre Heimat zurückkehren wollen. Doch auch hierzulande gebe es eine russische Minderheit, der es teilweise schwerfalle, anzunehmen, was in der Ukraine passiert. Auch in Deutschland greife teils die russische Propaganda, die der russischen Bevölkerung vorgebe, wie sie zu denken und wie zu argumentieren habe. Nicht jedem gelinge es, sich davon zu emanzipieren.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

Der ehemalige FDF-Innenminister Gerhart Baums, dessen Mutter in Moskau geboren wurde und der Freundschaften zu vielen russischen Oppositionellen – unter anderem zu Alexej Nawalny – pflegt, widerspricht. Die Russen „insgesamt in Haftung“ zu nehmen, sei falsch. Aufgebracht argumentiert er später, es sei verfehlt, zu denken, „es sei eine typisch russische Art“ oder gar einem „russischen Charakter zuzuordnen“, einen gewalttätigen Krieg zu führen, Frauen zu vergewaltigen und Kinder zu töten und verweist in dem Zusammenhang auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs: „Das haben auch Deutsche getan.“

Marina Weisband kritisiert naive Sicht auf Russland der letzten acht Jahre

Publizist Michel Friedman warnt ebenfalls davor, von „russischer Mentalität“ zu sprechen, die gebe es genauso wenig wie eine französische oder deutsche Mentalität. Außerdem bringe es Russen in Deutschland in eine „Bringschuld“, diese müssten sich inzwischen erklären, wo sie in Bezug auf die russische Politik stünden. Friedman empfiehlt: „Das sollten wir nicht zu sehr strapazieren.“

Der Historiker Stefan Creuzberger betont, dass man in einer „Diktatur“ wie in Russland, in der abweichende Meinungen mit zum Teil 15 Jahren Haft bestraft würden, nicht von freier Meinung sprechen könne. Die Menschen in Russland könnten „nur ,Ja’ sagen“, wer nichts sage, sei bereits „verdächtig“. Wie unter Stalin würden sogar alte Menschen drangsaliert, noch auf der „Straße verhaftet“, weil sie stummen Protest ausgeübt, eine „weiße Blume“ hochgehalten hätten.

Die Publizistin Marina Weisband weist darauf hin, wie stark Russland die Einflussnahme „die letzten acht Jahre“ auch auf die Deutschen gelungen sei, die eine „über alle Maßen naive“ Sicht auf Russland gehabt hätten. Weisband erinnert daran, dass der Krieg in der Ukraine bereits 2014 begonnen habe, trotzdem habe man „Nord Stream 2 zugelassen, Gasspeicher verkauft“. Sie sei noch immer verwundert über die Aussage vieler in Bezug auf den Einmarsch in der Ukraine: „Also das habe ich nicht kommen sehen.“

Michel Friedman: „Bis vor Kurzem wollten wir mit dem Ukraine-Konflikt nichts zu tun haben“

Friedman bekommt Beifall vom Publikum, als er Weisband bestätigt, dass sich Putin „kaum verändert“ habe, sondern lediglich „unsere Betroffenheit“ - bis vor Kurzem wollten wir „nichts damit zu tun haben“. Für Friedman besteht kein Zweifel, dass die Deutschen „mitverantwortlich“ dafür sind, „dass ein aggressiver nationalistischer Diktator sich in seiner imperialen und imperialistischen Kriegsbewegung ausgebreitet hat“.

Friedman sieht als Schuldige „allen voran“ Merkel „und die SPD“. Putin als alleinigen Aggressor auszumachen, sei auch eine Strategie, so Friedman, um sich zu „entlasten“. In Wahrheit stecke hinter der aktuellen Lage sehr viel mehr als „nur die eine Person“. Dass wir Russland immer wieder verstehen wollen, erkenne man auch daran, „wie wenig Demonstrationen gegen Russland stattfinden“, sagt Friedman und behauptet: „Wenn dasselbe die Amerikaner gemacht hätten, wäre die Hölle los.“

Ein Einspieler zeigt den Ausschluss von russischen Künstlern, Sportlern und Filmschaffenden von Festivals oder Sportveranstaltungen. Friedman empfiehlt eine Unterscheidung zwischen Individuum und Repräsentanten Russlands oder sogar Putin-Freunden. Baum stimmt dem zu: „Wir brauchen keinen radikalen Erlass.“

Gerhart Baum warnt vor Putin: Getrieben von der Vorstellung eines großen Russlands

Politik-Altmeister Baum äußert seine Zukunftsbefürchtungen ohne Umschweife. Die Schuldigen macht Baum in den „Russlandverstehern“ aus, die jahrelang genervt und die Nato als eine feindliche Organisation dargestellt haben. Er gesteht auf Nachfrage Plasbergs seine momentanen Ängste angesichts der europäischen Sicherheitslage ein: Noch nie habe er sich so nah an einem Atomkrieg gefühlt. Der Versuch, den russischen Präsidenten zu kontrollieren, sei obsolet: „Putin entscheidet über den Einsatz von Atomwaffen allein.“

Der Ukraine sagt Baum eine Teilung voraus. Putin werde danach „weitergehen“, getrieben von der Vorstellung: „Ich muss ein großes Russland aufbauen.“ Baum ist sicher, mit Putin sei „kein Frieden zu machen“. Friedman warnt dagegen davor, sich Angst machen zu lassen vor einem „dritten Weltkrieg“ und einem „Atomkrieg“, das sei „außerordentlich falsch“. Er kritisiert Kanzler Olaf Scholz (SPD): „Der Kanzler lässt sich erpressen“, wenn er dem russischen Narrativ Folge leiste. Baum ist das zu waghalsig und er gesteht seine „Sorge“ vor dem Einsatz von „taktischen Atomwaffen“: „Das liegt in der Luft.“

Zum Thema „Putler“ - eine Wortschöpfung aus „Putin“ und „Hitler“, die eine mutmaßliche Parallele der beiden umstrittenen Staatsmänner verdeutlicht - wird der Historiker Heinrich August Winkler zitiert, der findet: „Nicht nur die Taten“, Hitlers und Putins „ähneln sich, auch die Worte“. Ob die „Hemmungslosigkeit“ Putins dieselbe sei wie bei Hitler, will Plasberg von Friedman wissen. Der zeigt sich von dem Vergleich wenig angesprochen: Putins Taten ließen sich auch ohne Hitler als „barbarische Tötungen an Zivilisten und unschuldigen Menschen“ einordnen. Friedman warnt vor einer zunehmenden tendenziell antisemitischen Haltung im öffentlichen Auftreten russischer Politiker.

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

An manchen Stellen schrammte die Sendung haarscharf an rassistischer Argumentation vorbei, bekam dann aber noch die Kurve. Auch wenn immer wieder klargestellt und geradegebogen, Hitler-Vergleiche abgelehnt und vor Vorverurteilungen gewarnt wurden, wirkte die Thematik befremdlich. Wünschenswert wären auch mehr aktuelle Bezüge und Beispiele gewesen, über die es sich gelohnt hätte, direkt zu diskutieren. So aber waberte die Diskussion im luftleeren Raum und zwang die Redner in die Moralapostel-Rolle. (Verena Schulemann)

Auch interessant

Kommentare