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Hildegard Hamm-Brücher ist tot: Die Stationen ihres Lebens

Hildegard Hamm-Brücher
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1923: Die zweijährige Hildegard, Tochter von Paul und Lilly Brücher, in Berlin-Dahlem.
Hildegard Hamm-Brücher
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Ostern 1933: Die „Brücher-Waisen“: Ditmar (v.l.), Hildegard, Mechtild, Ernst.
Hildegard Hamm-Brücher
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1959: Bundespräsident Theodor Heuss hatte die Ex-Journalistin Brücher 1948 in die Politik gedrängt.
Hildegard Hamm-Brücher Kanzler Helmut Schmidt
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1977: Als Staatsministerin im Auswärtigern Amt mit Kanzler Helmut Schmidt, den sie zeitlebens sehr verehrte.
Hildegard Hamm-Brücher gestorben
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1978: Hildegard Hamm-Brücher mit Hans-Dietrich Genscher, Werner Maihöfer und Wolfgang Mischnick.
Hildegard Hamm-Brücher gestorben
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2016: Am Mittwoch, 7. Dezember starb Hildegard Hamm-Brücher in München.

München - Hildegard Hamm-Brücher ist tot. Die „freischaffende Liberale“ starb im Alter von 95 Jahren.

Nun ist ihre Stimme verstummt. Diese Stimme, die in ihren letzten Jahren oft besorgniserregend schwach geklungen hat, aber immer Kluges und Treffendes zu sagen hatte. Hildegard Hamm-Brüchers Worte werden fortan fehlen: Am Mittwoch ist die Wahlmünchnerin im Alter von 95 Jahren gestorben. Wer immer sie, schon vor vielen Jahren, als Erster als „Grande Dame der deutschen Politik“ bezeichnet hat, hat die überragende Bedeutung dieser Frau erkannt. Bis zum Schluss füllte sie diesen informellen Ehrentitel mit Bravour aus, allen gesundheitlichen Problemen zum Trotz.

Ihr Kampf für Freiheit und Gleichheit auf vielen politischen Ebenen ist beispiellos: von der Zeit als jüngstes und erstes weibliches Mitglied des Münchner Stadtrats (1948) bis zuletzt als selbstdeklarierte „freischaffende Liberale“ nach ihrem Austritt aus der FDP 2002. Und eine Lady war sie wahrlich immer, ihrem Erscheinungsbild taten weder Stock noch Rollator Abbruch: Das Kostüm elegant, das Haar sorgfältig frisiert oder unter einem modischen Hut. Im Alter eine fragile Frau, zu der man aufschaute.

Eines der Themen, für die sie sich engagierte, war ein würdiges Altern für alle. Sie selbst verbinde mit dem Gedanken an den Tod Gelassenheit. „Das hat für mich nichts Beängstigendes“, sagte sie, bekannte aber doch: „Ich hoffe nur, dass das Sterben nicht zur Qual wird.“

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) würdigte die Verstorbene als den „Inbegriff der gelebten Bürgergesellschaft“. Als sie 1995 von OB Christian Ude (SPD) „zum ersten weiblichen Ehrenbürger“ ernannt wurde, überschüttete der sie mit lobenden Adjektiven: „geradlinig, standfest, prinzipientreu, glaubwürdig.“ Und mit einem unglaublichen Durchhaltevermögen ausgestattet – ist hinzuzufügen. Eine Dame mit Werten.

„Mädle, Sie müsset in die Politik.“

Als die tz vor dem 90. Geburtstag zum verabredeten Interviewtermin in Harlaching erschien, öffnete sie erst nach besorgten Anrufen die Tür: Die Jubilarin hatte – nach einer Feierlichkeit am Abend vorher – verschlafen. Ein Tässchen Kaffee reichte, schon saß sie hellwach auf dem Sofa. Mitten in unserem Gespräch rief der Deutschlandfunk an. Auch hier ging es um die außerordentliche politische Karriere, für die der FDP-Vorsitzende Theodor Heuss 1946 den Grundstein legte. „Fräulein Brücher“ interviewte ihn als Journalistin. Danach sagte der spätere Bundespräsident den folgenschweren Satz: „Mädle, Sie müsset in die Politik.“

Während ich den Erzählungen lauschte, die sicher ungeschnitten über den Äther gingen, durfte ich in Familienalben blättern. Hildegard als Kleinkind in Berlin, mit den Geschwistern nach dem Tod der Eltern. Die vergilbten Fotos lassen wenig ahnen von den frühen Tragödien. Die „Brücher-Waisen“ hatten ein neues Heim bei ihrer Oma in Dresden gefunden, doch die wird bald als Jüdin eingestuft und nimmt sich vor der Deportation das Leben.

Auf diese Erlebnisse und den frühen Tod ihrer „Altersgefährtin“ Sophie Scholl führte Hamm-Brücher ihre eigene Kämpfernatur zurück „Sophies mutige Worte vor dem Volksgericht – ,Einer muss den Anfang machen‘ – waren immer mein Lebensmotto.“

In ihrem Tatendrang ließ sie sich ungern bremsen: Als sie sich kurz vor dem Neunzigsten beim Radeln einen Oberschenkelhalsbruch zuzog, trainierte sie „wie für Olympia“. Unbedingt wollte sie die erste Verleihung ihres Bürgerpreises Gegen das Vergessen – für Demokratie krückenlos absolvieren. Für diesen Preis hatte sie 20 Jahre lang „Honorare, Preisgelder und auch mal eine Steuerrückzahlung gespart.“ Einen Ehrenpreis bekam Hans-Jochen Vogel (SPD), dem es wie ihr am Herzen liegt, dass sich „die unmenschliche Zeit“ des Nationalsozialismus nicht wiederholt. Vogel wiederum rühmte sie als „profilierteste parlamentarische Einzelkämpferin“.

Nun darf sie ruhen.

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