Historiker über "Mein Kampf"

"Wir müssen uns damit auseinandersetzen"

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Erwartet eine Aufarbeitung von "Mein Kampf": Der Historiker Sven Felix Kellerhoff hat sich mit dem Buch bereits auseinandergesetzt.

München - Wie sollen wir mit der erneuten Veröffentlichung von "Mein Kampf" umgehen? Ein Historiker warnt vor der falschen Herangehensweise und fürchtet um die Zukunft der Demokratie.

Über die erneute Veröffentlichung von Adolfs Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" diskutiert Deutschland. Die tz hat sich mit dem Historiker, Publizisten und Journalisten Sven Felix Kellerhoff über das Buch und die Folgen der erneuten Publizierung unterhalten.

Herr Kellerhoff, Sie haben ein Buch über "Mein Kampf" geschrieben! Ist es auch richtig, diese Hetzschrift zu veröffentlichen?

Sven Felix Kellerhoff: Es kommt darauf an, wie man es veröffentlicht.

Sie meinen kommentiert oder unkommentiert?

Kellerhoff: Ja. Eine kommentierte Edition ist absolut notwendig - die Betonung liegt aber auf wissenschaftlich und seriös kommentiert natürlich! Nicht jeder Nazi soll sich das Buch nehmen und drei Fußnoten darunter klatschen dürfen.

Wie sah der Umgang mit "Mein Kampf" bisher aus?

Kellerhoff: Das Buch war nicht verboten. Mein Kampf war für Wissenschaftler immer zugängig, eigentlich für jeden, der in eine Bibliothek gegangen ist. Zumal es in Zeiten des Internets eh überall verfügbar ist. Ein paar Klicks, und schon findet man das Buch im Netz. Und es durfte immer auch antiquarisch gehandelt werden. Nur der Nachdruck war untersagt. In den vergangenen Jahrzehnten wurde es versäumt, einen korrekten Umgang mit "Mein Kampf" zu etablieren. Stattdessen wurde nur tabuisiert.

Und wie muss ein korrekter Umgang aussehen?

Kellerhoff: In dem Moment, in dem die Leute nur den Titel kennen und ansonsten das Gefühl haben, das Buch sei verboten, wächst dem Ganzen ein immenser Reiz zu. Folglich geht es bei einer wissenschaftlich korrekten Auseinandersetzung um die Entmystifizierung von "Mein Kampf". Grundsätzlich ist Tabuisierung immer schlechter als Aufklärung.

Das Motto muss also lauten: verstehen statt verbieten?

Kellerhoff: Auf jeden Fall! Wir müssen Hitler und die Mechanismen seines Denkens und seines Erfolges verstehen, um für ähnliche Phänomene gewappnet zu sein. Prinzipiell wiederholt sich Geschichte nicht, aber wir können aus der Geschichte des Nationalsozialismus lernen, wie attraktiv einfache Lösungen sind. Und da sind wir auch sofort in der Gegenwart!

Erklären Sie bitte!

Kellerhoff: Schauen Sie sich zum Beispiel Pegida an. Ich habe für meine Vorträge Pegida-Zitate herausgesucht und sie mit Zitaten aus "Mein Kampf" verglichen. Natürlich ist das nicht genau dasselbe, aber ich möchte damit die Sensibilität schärfen und auch davor warnen, sich auf ähnliche Argumentationen einzulassen. Der Reiz der Radikalität ist immer da. Es ist ganz einfach zu sagen "Der ist Schuld", aber das vergiftet die Gesellschaft. Und das ist momentan auch ganz deutlich zu sehen.

Wie stark ist Ihre Angst vor einem Rechtsruck in Deutschland?

Kellerhoff: Lassen Sie da mal jemanden kommen, der diese Vorstellungen vertritt und auch noch charismatisch rüber kommt - was natürlich nicht zu hoffen ist. Dann muss ich ganz ehrlich sagen, habe ich schon ein bisschen Angst um unsere Demokratie. Ich halte sie nicht für sturmfest. Deshalb ist mein Plädoyer: Lasst uns an "Mein Kampf" lernen, welche Gefahr von der Faszination der einfachen Lösung ausgeht.

Was antworten Sie denjenigen, die sagen, man darf das Buch nicht veröffentlichen?

Kellerhoff: Es kann ja gar nicht verhindert werden. Der Bundesgerichtshof hat ja schon 1979 festgestellt, dass es nicht verfassungsfeindlich ist, da es vorkonstitutionell, also vor dem Grundgesetzt entstanden ist.

Aber es ist dennoch volksverhetzend!

Kellerhoff: Ja, natürlich ist es das, und das weiß ja auch jeder. Dennoch bin ich mir nicht sicher, wie Richter entscheiden werden, wenn jemand das Buch in einer unkommentierten Neuauflage herausbringen möchte. Ich glaube nicht, dass man ein deutsches Gericht dazu bekommt - vor allem aufgrund des Vorhandenseins der diversen Möglichkeiten, das Buch im Internet zu bekommen - einen eventuellen unkommentierten Neudruck als volksverhetzend zu untersagen.

Ein zweischneidiges Schwert also?

Kellerhoff: Ja! Das Buch ist zigfach im Internet zum Download verfügbar. Und nur weil der Server in den USA oder sonst wo steht, soll das dann nicht strafrechtlich verfolgt werden, aber ein eventueller unkommentierter Neudruck? Ich glaube nicht, dass unser Rechtssystem das mitmacht. Bei der Veröffentlichung der Hitler-Reden vor einigen Jahren - auch vom Institut für Zeitgeschichte und weitaus weniger kommentiert - gab es ja auch keinen Streit. Und da steht im Endeffekt das Gleiche drin. Deshalb muss es jetzt heißen: "Mein Kampf" ist da und wir müssen uns damit einfach auseinandersetzen. Punkt!

Interview: Dominik Laska

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