Ägypten-Korrespondent im tz-Interview

"Hoffentlich kein Bürgerkrieg!"

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Proteste in Kairo am Sonntag

München/Kairo - Ein Ende des blutigen Machtkampfs in Ägypten ist nicht in Sicht. Wir haben unseren ORF-Kollegen Karim El-Gawhary in Ägypten um eine Analyse der chaotischen Situation gebeten.

Die vom Militär eingesetzte Führung geht weiter mit eiserner Faust gegen die Islamisten vor: Sicherheitskräfte räumten am Samstag die von Hunderten Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi besetzte Al-Fath-Moschee im Zen-trum von Kairo. 385 Menschen wurden festgenommen. Die Muslimbrüder lassen von ihren Protesten nicht ab. Allen Appellen aus dem Ausland zum Trotz kommt das Land nicht aus der Gewaltspirale heraus. Seit Mittwoch wurden nach offiziellen Angaben landesweit mehr als 750 Menschen getötet. Eine Einmischung aus dem Westen verbitten sich die Machthaber in Kairo. Wir haben unseren ORF-Kollegen Karim El-Gawhary in Ägypten um eine Analyse der chaotischen Situation gebeten.

Wissen Sie, wer am Samstag bei der Moschee-Räumung mit der Gewalt angefangen hat?

Karim El-Gawhary: Nein. Es wird alles immer unübersichtlicher. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Zivilisten, die mit Waffen durch die Gegend laufen.

Hätte das Ausland die Absetzung Mursis gleich als Militärputsch bezeichnen sollen?

El-Gawhary: Das war wohl eine Karte, die man im Ausland behalten wollte, um bei den Vermittlungsbemühungen Druck auf die Militärführung auszuüben.

Hat nicht geklappt.

El-Gawhary: Stimmt, aber die Amerikaner haben jetzt durchsickern lassen, dass die Verhandlungen relativ weit gediehen waren, was die vertrauensbildenden Maßnahmen angeht. Am Ende wurde ein Friedensabkommen von Regierungsseite bzw. dem Militärchef aber abgelehnt. Es lag jedenfalls nicht an den Muslimbrüdern.

Wieso geht das Militär so rücksichtslos vor – auch ohne Rücksicht aufs eigene Image?

El-Gawhary: Man fragt sich ja: Was wollen sie eigentlich erreichen? Die Gefahr ist doch groß, dass die politisch-islamische Bewegung radikalisiert wird – das kann aber genau das Kalkül sein! Mit einer radikalisierten, bewaffneten Bewegung kann ein Sicherheitsapparat ganz anders umgehen, man kann sie gesellschaftlich besser isolieren und international weiter dämonisieren.

Schon jetzt gibt es aber Solidaritätskundgebungen in vielen Ländern.

El-Gawhary: Momentan wird dem Militär die Linie „Wir bekämpfen den Terror“ international so nicht abgekauft. Seit Samstag läuft eine spürbare PR-Offensive des Militärs, die sich besonders an die westlichen Journalisten richtet.

War die gewaltsame Räumung der Islamisten-Camps ein Fehler?

El-Gawhary: Wenn ich die Muslimbrüder radikalisieren und ausschalten möchte, hatte das doch eine gewisse Logik.

Gehört dazu die Prüfung eines Verbots der Muslimbruderschaft?

El-Gawhary: Damit hätte man juristisch was gegen sie in der Hand. Wenn die Vereinigung verboten ist, ist die Mitgliedschaft ein kriminelles Vergehen, man kann ihre Guthaben einfrieren. Wenn ich mehrere Millionen Leute kriminalisiere, kann der Schuss allerdings auch nach hinten losgehen.

Dutzende christlicher Einrichtungen wurden zerstört. Soll auch damit die Gefährlichkeit der Muslimbrüder bewiesen werden?

El-Gawhary: Die Muslimbrüder können eigentlich kein Interesse haben, Kirchen niederzubrennen und eine eventuelle Unterstützung aus dem Ausland zu verlieren. Das würde als Motiv keinen Sinn machen – trotzdem kann es sein, dass auf einer unteren Ebene Muslimbrüder zündeln. Zweitens könnten die noch radikaleren Salafisten dahinterstecken – oder drittens die Staatssicherheit. Bei Mubarak war es immer so: Wenn das Regime aus irgendeinem Grund in der Ecke stand, brannte irgendwo eine Kirche. Als Ablenkungsmanöver.

Hat die Staatssicherheit noch etwas mit Mubarak persönlich zu tun?

El-Gawhary: Es sind haargenau die gleichen Leute, und sie haben auch die gleichen Methoden. Es geht nicht mehr um den Mann Mubarak, sondern um das System. Die Polizei ist voll rehabilitiert, ohne die geringste Reform. Dieser ganze Apparat sieht natürlich seine Chance gekommen.

Sind der Stopp von Waffenlieferungen an Ägypten und die Absage des gemeinsamen Manövers durch die USA die richtigen Maßnahmen?

El-Gawhary: Die Absage des Manövers tut dem Militär weh. Den ultimativen Hebel bieten solche Maßnahmen aber nicht: Die USA zahlen 1,3 Milliarden Dollar zivile und Militärhilfe. Das ist nichts im Vergleich mit Saudi-Arabien, Kuwait und den Emiraten, die allein nach dem Putsch zwölf Milliarden Dollar überwiesen haben.

Was hat Mursi als Präsident falsch gemacht?

El-Gawhary: Unheimlich viel. Wer eine Wahl knapp gewonnen hat, kann keine Politik machen, die die anderen völlig ignoriert. Jetzt machen die anderen den gleichen Fehler, mit dem Militär im Rücken. Das ist die ägyptische Grund-Demokratie-Krankheit – den anderen politisch zu ignorieren.

Wie ist die Atmosphäre in Kairo?

El-Gawhary: Die Stimmung ist wahnsinnig aufgeheizt. Derzeit ist eine politische Lösung fast unmöglich.

Welche Auswirkungen hat die Entwicklung in Ägypten auf die Region?

El-Gawhary: Große. Was sich in Ägypten abspielt, hat nicht nur Bedeutung für 90 Millionen Ägypter, sondern für die Zukunft der arabischen Welt. Ägypten hatte immer Vorbildcharakter.

Gibt es Bürgerkrieg?

El-Gawhary: Bisher hat Ägypten immer allen Vorhersagen gespottet. Nach dem Sturz Mubaraks hieß es euphorisch: Unsere Zukunft wird demokratisch ausgehandelt. Dann hat das Militär die Macht übernommen, wir befürchteten eine Militärdiktatur. Dann gab es Wahlen, die von den Islamisten gewonnen wurden, man erwartete einen islamistischen Staat. Dann fing diese Polarisierung an, die mit dem Putsch ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Jetzt reden alle von Bürgerkrieg. Am Ende sah es immer anders aus, als das, was man sich vorgestellt hatte. Ich hoffe nur, dass das Bürgerkriegsszenario nicht eintritt!

Interview: B. Wimmer

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