Dietmar Holzapfel im tz-Interview

Yes zur Homo-Ehe: Das sagt ein Münchner Vorreiter

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Dietmar Holzapfel, hier im Jubiläumsjahr der Deutschen Eiche 2014.

München - Die Iren haben sich mit überwältigender Mehrheit für die völlige Gleichstellung homosexueller Paare ausgesprochen. Die tz sprach darüber mit Dietmar Holzapfel.

Die Iren haben abgestimmt, und sie haben sich mit überwältigender Mehrheit – 62 Prozent! – für die völlige Gleichstellung homosexueller Paare ausgesprochen. Mir ihrem klaren Votum haben die Wähler ausgerechnet das erzkatholische Irland zu einem der fortschrittlichsten Länder gemacht: Sie erteilen jeglicher Privilegierung der Hetero-Ehe eine Absage. Deutschland befindet sich mit seinen Regeln im Hintertreffen (geplante Änderungen siehe rechts). Schwule und Lesben hierzulande hatten es in der Vergangenheit nicht leicht – darüber konnten farbenfrohe Christopher Street Days nicht hinwegtäuschen. Die tz sprach mit Dietmar Holzapfel (58), Wirt der Deutschen Eiche und langjähriger Kämpfer für die Gleichberechtigung, über seine Erfahrungen, die Partnerschaft mit Sepp Sattler (61) und was noch fehlt zur Gleichstellung.

Herr Holzapfel, Sie gelten als Vorreiter für Schwulenrechte in München. Was sagen Sie zum Irland-Ergebnis? 

Dietmar Holzapfel: Ich finde es natürlich wunderbar, aber überraschen tut es mich gar nicht mal so sehr. Wir kommen ja viel rum in der Welt und haben beobachtet, dass sich die Bevölkerung gerade in sehr katholisch geprägten Ländern nichts mehr von der Kirche vorschreiben lässt – vielleicht auch wegen der zahlreichen Skandale in der Kirche. In den USA gibt es die Homo-Ehe in vielen Bundesstaaten, obwohl dort konservative Politiker dagegen wüten.

Wie haben Sie selbst die Veränderung der letzten Jahrzehnte wahrgenommen?

Holzapfel: Es ist in Deutschland viel passiert, aber nicht genug. Ich bin mit meinem Partner Seppi jetzt seit 37 Jahren zusammen. Am Anfang hätte ich mich nie geoutet. Ich kann mich gut erinnern, dass in meiner Jugend der Film Die Konsequenz von Wolfgang Petersen im Fernsehen gezeigt werden sollte – eine Gelegenheit, mit meinen Eltern darüber reden, wie ich hoffte. Dann hat sich Bayern aus dem ARD-Programm ausgeklinkt! Als ich mich 1978 geoutet habe, war meine Mutter aber sehr verständnisvoll.

Was hat hierzulande zur doch größeren Toleranz geführt?

Holzapfel: Zum einen war es die Krankheit Aids, die die Menschen gezwungen hat, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zum anderen die Diskussion um die eingetragene Partnerschaft. Da haben viele erst gesehen, in welcher ungesicherten rechtlichen Situation gleichgeschlechtliche Paare leben: dass man im Krankenhaus nicht mal Auskunft über den Partner bekommt oder auch was die Erbschaft angeht. Wir haben öffentlich für die Eingetragene Lebenspartnerschaft demonstriert – auch als der damalige Ministerpräsident Stoiber beim Bundesverfassungsgericht dagegen klagte.

Was fehlt in Deutschland heute noch zur wirklichen Gleichstellung?

Holzapfel: Rechtlich gesehen wäre vor allem das Adoptionsrecht wichtig. Insgesamt würde eine unmissverständliche Gleichstellung durch das Gesetz auch dafür sorgen, dass die Vorurteile gegenüber Schwulen und Lesben endlich verschwinden. Trotz aller oberflächlichen Toleranz spürt man diese unterschwellig schon noch häufig. Ich merke das bei den Gruppenführungen in unserem Lokal Deutsche Eiche.

Kennen Sie gleichgeschlechtliche Paare, die Kinder haben?

Holzapfel: Selbstverständlich. Die wachsen total normal auf und haben keine Probleme. Dass sie diskriminiert würden, habe ich auch noch nie gehört. Im Grunde beschleunigen solche Familien die Gleichberechtigung solcher Lebenssituationen. Sie werden zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit.

Sehen Sie Anzeichen, dass die Politik in Bayern umdenkt? 

Holzapfel: Das ist sogar in der CSU zu beobachten, etwa in München bei Bürgermeister Josef Schmid. Der kurzen Mitregierungszeit der FDP haben es Homo-Paare zu verdanken, dass sie seit 2009 auch im Standesamt heiraten dürfen. Zuvor war das ja nur beim Notar möglich. Sepp und ich durften 2002 nur im Taufkirchner Rathaus heiraten, weil uns der damalige Bürgermeister das Standesamt zur Verfügung gestellt hat.

Interview: Barbara Wimmer 

 

2002: Homo-Hochzeit im Rathaus nur ausnahmsweise

2002 haben sich Dietmar Holzapfel und Sepp Sattler in Taufkirchen „verpartnert“ – wie es ziemlich unromantisch hieß. Umso rührseliger war die Zeremonie, die ihnen der damalige Bürgermeister Hartmann Räther (SPD) im Rathaus ermöglichte. Der Notar, der damals noch unbedingt den rechtlichen Akt vollziehen musste, war der SPD-Landtagsabgeordnete Peter-Paul Gantzer, und er habe mit seiner Rede Sepp Sattler zum Weinen gebracht. Die ganze Gesellschaft sei höchst bewegt gewesen. Daran erinnert sich Holzapfel heute noch, ebenso an den Reisregen, für den Schauspielerin Erni Singerl zuständig war.

Das plant Deutschland

„Ein großartiges Signal“ sei das irische Votum, freut sich Katrin Göring-Eckardt, Fraktionschefin der Grünen. Tatsächlich wird das Berliner Kabinett bereits am Mittwoch über einen Gesetzentwurf von Justizminister Heiko Maas (SPD) beraten – um eine komplette Gleichstellung geht es im Entwurf aber nicht. Man werde „in 23 verschiedenen Gesetzen und Verordnungen die Vorschriften für die Ehe auf die Lebenspartnerschaft ausdehnen“, so Maas, der keine realistische Chance sieht, in der Koalition mit der CDU/CSU derzeit eine vollständige Gleichstellung homosexueller Paare zu erreichen.

Vorgesehen sind jetzt z. B. Erleichterungen im Zivil- und Verfahrensrecht. Künftig sollen homosexuelle Paare etwa die Möglichkeit haben, eine Bescheinigung zu beantragen, wenn sie im Ausland eine Partnerschaft auf Lebenszeit begründen wollen. „Unzureichend und unambitioniert“, kritisierte der Grüne Volker Beck. Der Gesetzentwurf setze noch nicht einmal die Vorgabe des Koalitionsvertrags um, wonach rechtliche Regelungen, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften schlechterstellen, beseitigt werden sollen. „Etwa 150 Regelungen in 54 Gesetzen und Verordnungen unterscheiden noch zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft.“ Vor allem bei der Steuer und der Adoption gibt es noch große Unterschiede.

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