Redakteur berichtet vor Ort

tz-Report aus Idomeni: Die Hilfe kommt an

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Ein Flüchtling läuft ein Gleisbett entlang.

Idomeni - tz-Redakteur Johannes Welte reiste für mehrere Tage nach Idomeni, um vor Ort zu recherchieren. Sein Bericht aus dem Camp gibt Einblick in das Leben der Flüchtlinge.

Es sind Bilder wie aus einem Endzeitfilm, das Flüchtlingslager im griechischen Idomeni direkt am mazedonischen Stacheldraht zeigt: hier ist Europa zu Ende, bevor es überhaupt richtig begonnen hat - zumindest für 13.000 Menschen, die aus ihrer zerstören Heimat in Syrien, im Irak oder Afghanistan geflohen sind. Und dort ist die Apokalypse für die Menschen vor Ort schon abgebrochen.

Reporter Johannes Welte (2. v. l.) mit Flüchtlingen.

tz-Reporter Johannes Welte hat am Steuer eines LKW einen Hilfstransport der Münchner Flüchtlingsorganisation Bellevue di Monaco nach Idomeni begleitet. Nachdem die Helfer schon am Freitag einen Teil der Medikamente, Nahrungsmittel, zelte, Kleider usw. in einem von der griechischen Armee geführten Camp sowie an einem Umschlagplatz eines unabhängigen Helferkreises entladen hatten, ging es am Samstag in das große Elendscamp.

Der Bericht des tz-Redakteurs

Es scheint heute für die rund Menschen im Camp von Idomeni ein Tag des Durchatmens. Es hat 20 Stunden nicht geregnet, wenngleich schon wieder dunkle Wolken aufziehen.

Es liegt eine riesige Dunstflocke beißenden Rauches in der Luft. Tausende kleine Lagerfeuer flackern zwischen den Zelten in kleinen Kuhlen im Lehmboden. Jeder Strauch in der Gegend muss hier seine Äste lassen, auch wenn die Bauern Holzscheite verschenken.

Es stehen an der Straße Busse bereit, die die Menschen nach Athen und Umgebung bringen sollen. Offenbar haben die Behörden dort Lager aufgestellt.

Es sollen tatsächlich schon mehrere tausend Flüchtlinge aus Idomeni weggefahren sein.

Flüchtlinge stehen an einer Ausgabestelle an.

Das erzählt Tamas Szuts ein freiwilliger Helfer aus Ungarn, der mit mir in einem verbeulten Hyundai mit griechischem Kennzeichen ins Lager fährt. Auf dem Rücksitz und im Kofferraum Schachteln voller Schuhe und Regenjacken, die wir am Vortag im Lager der Freiwilligen Helfer aus dem LKW gepackt hatten. "Wenn man mit einem Lkw ins Lager fährt, gibt es solche Tumulte, dass es Verletzte gibt", erklärt mir Tamas. Die Sachen werden also Häppchenweise zu den Bedürftigsten ans Zelt gebracht, bevorzugt nachts in schwarzen Plastiksäcken.

Wir sehen viele viele Kinder, sie husten und spielen im Dreck.

Sie belagern unser Auto und betteln nach Schuhen und essen. Man sieht, wie sich ihr seit Tagen aufgeweichtes Schuhwerk auflöst.

Die Kinder fragen uns auf Englisch, wo wir her kommen. Germany? Oh Germany! Open the border! Wir versuchen, ihnen zu erklären, dass die Mazedonier die Grenze geschlossen haben.

An einer Essensausgabe, die die Ärzte ohne Grenzen aufgebaut haben, stehen die Leute geduldig Schlange.

Ein schwedisches Ärzteteam, das an unserer abladestation Medikamente aufgenommen hat, halt am Wegesrand. Es bildet sich sofort er eine Schlange.

Mir tut zwar nach einer halben Stunde wegen des Rauches die Lunge weh, es scheint an win Wunder zu grenzen, wie geduldig die Menschen doch sind. Ich glaube, es sind die Hunderten Freiwilligen Helfer, die die Hoffnung bringen.

Kinder im Flüchtlingscamp.

Bayerns ASB-Chef und SPD-Landtagsabgeordneter Hans-Ulrich Pfaffmann, der ebenfalls einen LKW fährt, schimpft: "Es ist eine Schande für Europa, was da in Idomeni passiert. Die Lage hier soll offenbar die Leute davon abhalten, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Ohne die Freiwilligen wäre die Lage hier noch viel verzweifelter. Und vielen Spender ermöglichen das erst. Man kann ihnen nicht genug danken."

Nachdem wir gesehen haben, was mit unseren Spenden passiert, treten wir den Heimweg an. Kaum, dass wir gestartet sind, fängt es wieder zu regnen an, und es schüttet während der ganzen Fahrt bis zum Hafen wie aus Eimern.

Ein schlichter etwas herunter gekommener Barackenbau an der Schnellstraße. Eine Tankstelle, ein Bistro und eine Halle, an der man noch den Schriftzug „Playboy“ erkennt. Das ist die Logistikzentrale einer Gruppe freiwilliger Helfer, die sich hier spontan zusammen gefunden hat. Hier werden die Hilfsgüter unabhängiger Helfer wie der unsrige ausgeladen und die Güter mit einem ständigen Autoshuttle ins Idomenicamp gebracht. Die helfer sind aus Ungarn, Spanien, der Slowakei, Deutschland, Schweden, Großbritannien Griechenland etc. Während die Mazedonier ein paar Kilometer weiter einen Zaun gebaut haben, gibt es hier keine Grenzen.

Helfer Tamas Szuts aus Budapest

"Ich fahre im Pendelverkehr mit dem Auto die Sachen von unserem Warenlager ins Camp. Dort habe ich Flüchtlinge, die das weiter Verteiler. Unsere Politiker Orban oder Seehofer sollten sich das hier anschauen. Leute aller Länder helfen hier. Die Menschen sind schlauer, als die Politiker."

Helfer Gordan Velev (36) vom ASB Serbien

"Diese ganze Situation hier ist ein einziges humanitäres Desaster. Es wird bald wieder regnen und dann auch nicht warm werden, dann werden sich Seuchen verbreiten und Menschen sterben. Die internationale Gemeinschaft muss sofort und unbedingt etwas unternehmen. Die örtlichen Behörden sind bei allen Bemühungen überfordert."

Helferin Lea Wimsen (20)

"Ich studiere in Marburg Medizin und habe mir das ganze Semester freigenommen, um den Flüchtlingen zu helfen. Ich bin seit zehn Tagen hier. Ich habe auch schon in Kroatien den Geflüchteten geholfen, in Serbien, in der Türkei und im Libanon. Es sind überall sich selbst organisierende Gruppen. Das klappt wunderbar. Die Freiwilligen müssen hier den Menschen helfen. Das offizielle Europa tut viel zu wenig."

Helferin Lea Jirovská (30), Kindererzieherin aus Budweis

"Ich helfe jetzt hier eine Woche mit. Wir sind vom Czech Team, einer unabhängigen Hilfsaktion. Wir haben in Tschechien Ferien. Wir finden, dass die Situation hier katastrophal ist und dass wir helfen müssen. Dass wir hier unsere Freizeit nutzen, ist doch selbstverständlich."

Flüchtling Ahmad Rafed (52)

"Ich komme aus Fallujah, auch viele Leute aus Ramadi sind hier. Wir mussten vor den verrückten Leuten des IS fliehen. Jetzt sitzen wir hier, in der Heimat bedroht der IS unser Leben, das hier ist aber auch kein Leben. Wieso dürfen die Güterzüge hier durch fahren und die Menschen nicht?"

Flüchtlinge Safwan (32), Yussuf (6 Monate) und Ola Meadinn (28) aus Dersod, Syrien

"Ich habe als Röntgenassistent im Krankenhaus gearbeitet. Zu Hause ist alles zerstört. Wir möchten wieder neu anfangen, ich will arbeiten, um meine Familie zu ernähren. Wenn wir jetzt nicht mehr nach Mazedonien kommen, müssen wir es über Albanien oder Italien versuchen. Wir wollen nach Deutschland, will es ein gutes Land ist und es dort Arbeit gibt und Medizin, wenn man krank wird."

Musafir Yazid (52)

Wir sind Yesiden aus dem Sindschargebirge im Nordirak. Der IS hat uns dort vertrieben. Viele Freunde und Leute aus der Familie wurden umgebracht. In der Türkei gibt es keine Arbeit und kein Geld, wir wollen nach Deutschland, euch geht es doch so gut dort. Warum dürfen wir hier nicht weiter?"

Johannes Welte

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