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Corona in Indien: Impf-Wettlauf gegen die dritte Welle und Wut auf London - „Riecht nach Rassismus“

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Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens injiziert einem Mann während einer Impfaktion auf einem Markt aus dem Auto heraus einen Impfstoff gegen das Coronavirus.
Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens injiziert einem Mann während einer Impfaktion auf einem Markt aus dem Auto heraus einen Impfstoff gegen das Coronavirus. © Ajit Solanki/dpa

660 Millionen Menschen wurden in Indien gegen Corona erstgeimpft. Während andere nach Normalität suchen, herrscht jedoch ein internationaler Impfstreit.

Aus Mumbai, Natalie Mayroth

Mumbai - Auf Mumbais Straßenmärkten wie im Vorort Bandra drängen sich die Menschen. Die öffentlichen Orte sind, wenn der Monsunregen nachlässt, so voll wie vor der Pandemie. Der Lärm und das Gehupe sind zurück. In diesen Tagen sollen nun auch die Schulen im Bundesstaat das erste Mal seit dem Ausbruch der Pandemie wieder öffnen. Um die Bevölkerung vor dem Virus zu schützen, setzt die Stadtverwaltung auf verschiedene Kampagnen - wie einen Impftag für Frauen, Lehrer und Schüler.

Immerhin sind 660 Millionen Menschen in Indien gegen Covid-19 erstgeimpft und ein Viertel der Erwachsenen doppelt (248 Millionen). Ein Anreiz dafür ist, dass beispielsweise in Mumbai Menschen ohne Doppelimpfung nicht mit dem Vorstadtzug fahren dürfen oder Haushälterinnen sonst um ihre Anstellung bangen.

Kamal Pilly, Ende vierzig, ist längst geimpft. Sie arbeitet jeden Tag in mehreren Häusern in Bandra. In einer der Wohnungen gab es auch zwei Coronafälle. Nichts Ungewöhnliches in Mumbai. Die Stadt war schwer von der zweiten Welle betroffen. Offiziell wurden 16.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 verzeichnet. Im Moment liegen die Zahl der täglichen Coronatoten unter zehn Personen.

Indien und Großbritannien in der Corona-Krise: Kampf um Impfstoffzertifikate

Unterdessen tobt ein internationaler Impfstreit. „Das riecht nach Rassismus“, kommentierte kürzlich der indische Politiker Jairam Ramesh (INC). Denn laut einem Reisehinweis des Vereinigten Königreichs müssen In­der, die mit dem Covid-19-Vakzin Covishield immunisiert* wurden, für zehn Tage Quarantäne. Das sind knapp 90 Prozent aller geimpften im Land. Zunächst wollte Großbritannien den in Indien* hergestellten AstraZeneca-Impfstoff gar nicht anerkennen. Der zweite wichtige indische Impfstoff, Covaxin, ist bisher weder von der EU noch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt.

Der hohe indische Beamte Harsh Shringla warnte noch vor Gegenmaßnahmen für Briten, die nach Indien reisen. Nach heftiger Kritik ruderte Großbritannien zurück. Das Problem sei nicht Covishield, sondern Indiens Impfstoffzertifikat, hieß es. Deutschland, wie auch andere EU-Staaten dagegen hatten das Vakzin längst in ihre Listen aufgenommen.

Adar Poonawalla, der Geschäftsführer des ­Serum Institute of India (SII), in dem der Impfstoff gegen den Erreger SARS-CoV-2 hergestellt wird, beteiligte sich bereits an einem Spendenaufruf für indische Studierende im Ausland. Sie sollen so finanziell bei den hohen Reisekosten durch die Quarantäne-Auflagen und Covid-19-Tests unterstützt werden.

Corona: Impfstreit zwischen Indien und Großbritannien - Covishield nun anerkannt, der Ärger bleibt

Auch wenn die britische Regierung ihre Reisehinweise nun geändert hat, bleibt der Ärger erstmal. Etwa darüber, dass man „ein handgeschriebenes amerikanisches Impfzertifikat akzeptiert, welches man bei Ebay kaufen kann, aber kein robustes COWIN-Zertifikat mit QR-Code aus Indien“, wie sich der Politiker Omar Abdullah beschwert. Anderseits gab es zahlreiche Meldungen über Unregelmäßigkeiten beim Impfen in Indien, aber auch Berichte über falsche Impfzertifikate in Großbritannien wie es im Guardian nachzulesen ist.

Die Anerkennung von Covishield sorgt dennoch für Aufatmen: Der Covid-19-Impfstoff des weltgrößte Herstellers SII wurde bereits in zahlreichen Ländern verabreicht, einschließlich Großbritannien, Brasilien, Mexiko und Kanada. Doch SII steht mit Millionen Impfdosen für an die Covax-Allianz**, die einkommensschwache Ländern mit Impfstoffen versorgen soll, im Verzug. 66 Millionen Corona-Impfdosen haben Indien bereits verlassen. Nachdem die Coronainfektionen in Indien rasant stiegen, stoppte die indische Regierung im April die Ausfuhr. Im Oktober soll es mit dem Export weitergehen.

„Unsere Bestände sind ausreichend, und das Tempo der Impfungen nimmt rasch zu, sodass Raum für Exporte bleibt“, teilte Indiens Gesundheitsminister mit. Die Impfung der eigenen Bürger habe aber weiter Priorität. Eine Entscheidung, die während des USA-Besuchs des indischen Premiers Narendra Modi (BJP) fiel. Von der WHO gab es Lob. Nun hoffen Länder wie Nepal auf weitere Belieferung.

Corona-Pandemie in Indien: Warnung vor der dritten Welle

Zwar wurden Millionen von Menschen in Indien geimpft, doch viele warten noch auf die zweite Dosis. Auch hier wird über eine dritte Impfung für gefährdete Gruppen diskutiert, doch die Immunisierung möglichst vieler Menschen steht zunächst im Fokus. Gerade normalisiert sich die Lage in Indien weiter. Erstmals seit einem halben Jahr ist die Zahl der aktiven Covid-19-Fälle unter die Marke von 300.000 gesunken. Allerdings wird seit Monaten vor einer neuen Welle gewarnt. Laut Prognosen könnte sie im westindischen Mumbai im Dezember oder Januar stattfinden.

Um Schlimmeres zu verhindern, will sich die Stadt einen Vorrat an medizinischem Sauerstoff anlegen und seine Corona-Feldkrankenhäuser aufrüsten. Es könnte die Ruhe vor dem Sturm sein, denn gerade finden zahlreiche Feiertage statt, auf die viele Menschen im vergangenen Jahr verzichten mussten. Ihnen ist die Coronamüdigkeit anzusehen.

Haushälterin Kamal ist mit ihren Sorgen schon wieder woanders: Bei den Vorbereitungen für die nächsten Feierlichkeiten (zu Navaratri, zu Ehren der Göttin Durga) und den Mücken, die in der Regenzeit lauern und Denguefieber wie Malaria übertragen können. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

**Von den zwei Milliarden durch Covax zu verteilenden Impfdosen wurden bisher erst gut 310 Millionen Dosen von AstraZeneca (inklusive Covishield), Johnson & Johnson, Moderna und BioNTech umverteilt. Deutschland hat 8 Millionen Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs beigesteuert.

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