tz-Interview mit Christine Haderthauer

Was tun Sie gegen den Pflegenotstand?

+
Christine Haderthauer (50) ist seit Ende Oktober 2008 bayerische Sozialministerin.

München - Bricht unser Pflegesystem bald in sich zusammen? Die tz traf Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) zum Interview und sprach mit ihr über Missstände, Heimkontrolle und die Zukunft der Alten.

Tatsache ist: Der Mangel an Pflegekräften im Land wird immer schlimmer, die Belastungen fürs Personal werden immer größer – und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt: Derzeit sind alleine im Freistaat knapp 330 000 Menschen auf tägliche Versorgung angewiesen. Experten fordern daher schon lange, dass endlich mehr Geld in die ­Pflege gepumpt wird. Doch wer ist ­zuständig? Wer muss endlich reagieren? Die tz sprach mit Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) über Missstände, Heim­kontrollen und die Zukunft der Alten:

Frau Ministerin, der Pflegenotstand wird immer schlimmer. Heime jagen sich gegenseitig die qualifizierten Kräfte ab, Pfleger versorgen nachts bis zu 40 Bewohner alleine. Was muss sich schnellstens ändern?

Christine Haderthauer: Es besteht kein Anlass für solche Horrorszenarien. Angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft müssen wir aber jetzt die richtigen Weichen stellen. Wir haben im Bund mit der Stärkung von Menschen mit Demenz und der stärkeren Unterstützung pflegender Angehöriger bereits wichtige Verbesserungen auf den Weg gebracht. Weitere Schritte müssen folgen. Um einem Mangel an Pflegekräften vorzubeugen, laufen derzeit die Verhandlungen zwischen den Ländern und dem Bund für eine Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive, die kurz vor dem Abschluss stehen.

Die Kassen sagen, die Verantwortung für die Missstände liege bei der Politik. Die Politik sagt, die Kassen müssten reagieren. Wer muss nun handeln?

Haderthauer: Den Schwarzen Peter hin- und herzuschieben, hilft niemandem. Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen. Aber die Pflegekassen sind nun mal unabhängig von der Politik als Selbstverwaltung organisiert. Bei den Pflegesatz-Verhandlungen haben Kassen und Träger ihrer Verantwortung gerecht zu werden und dafür zu sorgen, dass die Gelder in Form von guter Pflege auch bei den Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen ankommen.

Die Noten für Heime im Internet liegen nun fast vollständig vor. Wie sind diese denn zu bewerten?

Haderthauer: Der Pflege-TÜV des MDK spiegelt die wahre Situation in den Einrichtungen nicht wider, da schlechte Noten etwa bei der Pflege mit guten Noten beim Freizeitangebot ausgeglichen werden können. In Bayern setzen wir mit unserer Heimaufsicht deswegen auf die Prüfung der Ergebnisqualität, die bei den Pflege­bedürftigen tatsächlich ankommt.

Oft kommen skandalöse Zustände in Heimen erst durch Angehörige oder Medien ans Licht. Brauchen wir nicht mehr Heimkontrollen und wesentlich härtere Strafen für Vergehen?

Haderthauer: Nichts wird so oft kontrolliert wie Pflegeheime. Um Missstände aufzudecken, haben der MDK und unsere Heimaufsicht ein umfangreiches Instrumentarium bis zur Heimschließung zur Verfügung, das sie eigenverantwortlich je nach Einzelfall anwenden. Dass Fehler im Pflegebereich zu Tage kommen, ist ein Indiz für umfassende Prüfungen. Auch der Bayerische Pflegebeauftragte, den ich eingesetzt habe und an den sich Betroffene anonym wenden können, leistet seinen Beitrag, damit über Missstände nicht der Mantel des Schweigens gelegt wird.

Experten sind sich einig: Der Pflegeberuf muss schnellstens aufgewertet werden, besonders finanziell. Stellt sich die Frage: Wo soll das Geld herkommen?

Haderthauer: Die Attraktivität des Pflegeberufs hängt eng mit der Entlohnung zusammen, wo in erster Linie die Einrichtungsträger als Arbeitgeber in der Pflicht sind. Aber auch die überbordende Bürokratie, die durch überzogene Dokumentationspflichten der Kassen entstanden ist und den Pflegekräften wertvolle Zeit für die Pflege raubt, ist ein Hemmschuh. Letztlich wird sich aber nur etwas ändern, wenn die Gesellschaft den pflegenden und sozialen Berufen allgemein mehr Wertschätzung entgegenbringt. Solange es Angehörige gibt, die nicht das beste, sondern das billigste Heim auswählen, wird sich wenig ändern.

Was muss in Zukunft geschehen, damit Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen, besser entlastet werden?

Haderthauer: Die Stärkung der Angehörigen ist extrem wichtig, denn sie leisten rund zwei Drittel der Pflege. In Bayern fördern wir daher zahlreiche Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige, wie etwa die Fachstellen der Kommunen, die ­umfangreiche Beratung leisten, sowie Modellprojekte, die Angehörige mit Tagespflege- und anderen Hilfsangeboten entlasten. Die zuletzt auf Bundesebene auf den Weg gebrachten Verbesserungen waren ein weiterer wichtiger Schritt. Wir dürfen jetzt aber nicht stehen bleiben. Ich setze mich dafür ein, dass Zeiten der Pflege bei der Berechnung der Rente besser bewertet werden und die Kosten für im Haushalt beschäftigte Pflegekräfte vollständig steuerlich absetzbar sind.

Schon in gut 15 Jahren ist jeder Dritte über 60 Jahre alt. Wird das Thema Alter und Pflege bald zur Existenzfrage für uns alle?

Haderthauer: Das Thema ist bereits jetzt eine brennende Frage. Wir müssen heute die Weichen stellen und die Entscheidungen treffen, die uns allen ein menschenwürdiges Altern ermöglichen.

Armin Geier

Auch interessant

Meistgelesen

AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung
Serdar Somuncu gegen den IS: „Was muss das für ein elender Gott sein“
Serdar Somuncu gegen den IS: „Was muss das für ein elender Gott sein“
Besuch von Konzert: Guardiola bangte um Frau und Kinder
Besuch von Konzert: Guardiola bangte um Frau und Kinder

Kommentare