Deutschland nur solides Mittelfeld

„Pisa hat mit Bildung sehr wenig zu tun“

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Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband.

München - Beim weltweiten Vergleichstest Pisa 2015 haben deutsche Schüler durchschnittlich abgeschnitten. Ein Experte erklärt, warum Pisa aber wenig mit Bildung zu tun hat.

Das deutsche Bildungssystem hat beim weltweiten Schulvergleichstest Pisa 2015 einen kleinen Rückschlag erlitten. Die rund 10.000 teilnehmenden 15-jährigen Schüler erzielten in Naturwissenschaften und Mathematik schlechtere Ergebnisse als drei und sechs Jahre zuvor, blieben aber mit ihren Leistungen im oberen Drittel der internationalen Rangliste. Im Testbereich Lesekompetenz ging es bei der Punktzahl leicht aufwärts, wie am Dienstag die für Pisa zuständige Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mitteilte. Wir sprachen mit Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Wie ordnen Sie das Ergebnis der aktuellen Pisa-Studie ein?

Josef Kraus: Es ist gut, das sich die Testergebnisse konsolidiert haben. Aber ich kann Pisa nicht mehr hören. Das bringt keinen Erkenntnismehrwert mehr.

Warum?

Kraus: Pisa hat mit Bildung sehr wenig zu tun. Wir brauchen eine Bildungsdebatte und keine Pisa-Debatte. Da wird nur ein minimaler Ausschnitt aus dem Unterrichtsgeschehen abgebildet – weite Bereiche werden außen vor gelassen. Und das ist nur ein Kritikpunkt.

Was kritisieren Sie noch?

Kraus: Die Studie ist sehr kostspielig. Wir geben für die Beteiligung alle drei Jahre Millionen aus, die ich für überflüssig halte. Wenn schon so viel getestet werden soll, dann muss das auch so angelegt werden, dass wir innerdeutsche Vergleiche machen können, wie es zuletzt 2009 und seitdem nicht mehr gemacht wurde.

Weshalb?

Kraus: Weil die Bildungsminister der Bundesländer, die schlecht abgeschnitten hatten, den Vergleich nicht mehr wollten. Dabei wäre ein solcher interessanter als einer mit Singapur oder mit Korea.

Ist ein Vergleich mit asiatischen Staaten überhaupt möglich?

Kraus: Japanische Lehrer haben berichtet, dass sie sich sehr wohl überlegen, welche Schulen in den Test mit einbezogen werden. Hauptschulen in sozialen Brennpunkten würden mit Sicherheit nicht mit in die Studie gelangen. Deshalb hinken auch die Vergleiche mit anderen Ländern, wie auch zum Beispiel mit Finnland, die nur einen Zehntel des Migrantenanteils haben, den wir in Deutschland vorfinden.

Welche Stellschrauben müssen gedreht werden?

Kraus: Es muss wieder hin zum innerdeutschen Vergleich gehen. Wir müssen der Frage nachgehen: Wer kann es besser? Die Erkenntnisse, dass es in Ländern wie Thüringen, Bayern oder Baden-Württemberg besser läuft, sind ja da. Die sind bei Neuntklässlern teilweise eineinhalb Jahre voraus.

Lässt sich durch Pisa auf ein Versäumnis von Seiten der Lehrer zurückschließen?

Kraus: Nein. Pisa sagt über die Unterrichtsmethodik überhaupt nichts aus.

Was läuft dann schief?

Kraus: Mein großes Problem sind die Absenkung der Ansprüche und die gleichzeitige Inflation von guten Noten. Wir müssen den Schülern wieder mehr zutrauen. Mit dieser Erleichterungspädagogik betrügt man sich ja nur selbst. Das wäre viel wichtiger als irgendein Platz in einer Studie.

Ihr Lösungsvorschlag?

Kraus: Bildung muss inhaltlich wieder debattiert werden. Außerdem muss der Anspruch nach oben geschraubt werden – ehrliche und realistische Noten verteilen. Wichtig ist zudem eine individuelle Fördermöglichkeit für Spitzenschüler und schwache Schüler. Das sollte Priorität haben. Diese ganze Testeritis hat uns nur in die Irre geführt.

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