Irak: Lagebeschreibung der tz

Bomben, Pakete, Proteste: Reicht das?

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Ein US-Soldat bereitet eine Hilfslieferung vor.

München - Wie lange werden die Amerikaner im Irak helfen? Was haben die Luftangriffe bisher bewirkt? Welche Rolle spielt die Regierung in Bagdad? Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen.

Noch immer sind hunderttausende Angehörige religiöser Minderheiten im Nord­irak auf der Flucht vor den Dschihadisten. Die meisten der Jesiden und Christen lagern weiterhin in den Sindschar-Bergen. 20 000 Jesiden konnten sich mit Hilfe kurdischer Kräfte ins Autonome Kurdengebiet retten. Den zwei Bombenangriffen der USA auf IS-Stellungen am Freitag folgten am Samstag vier weitere. Dutzende Kämpfer der IS-Milizen sollen getötet worden sein. Amerikanische und britische Militärmaschinen warfen bereits mehrere Lieferungen Lebensmittel und Wasser dort ab, wo die Vertriebenen hilflos lagern. Tausende der mehr als 60 000 Jesiden in Deutschland riefen am Samstag bei Demonstrationen in Frankfurt und Bielefeld verzweifelt zum Beistand für ihre Glaubensbrüder auf. Doch wodurch sind die gnadenlosen Kämpfer des Islamischen Staates (IS) überhaupt noch aufzuhalten? Eine Lagebeschreibung der tz.

Wie lange werden die Amerikaner im Irak helfen?

Präsident Barack Obama stimmte die amerikanische Öffentlichkeit darauf ein, dass das „ein Langzeitprojekt“ sei. Auf keinen Fall aber will er noch einmal Bodentruppen in den Irak schicken – erst Ende 2011hatte er ja die letzten Soldaten abgezogen. Der aktuelle Einsatz diene auch dem Schutz von US-Bürgern, verteidigt Obama sein Eingreifen. In Erbil gibt es ein US-Generalkonsulat, das von amerikanischen Soldaten bewacht wird.

Was haben die Luftangriffe bisher bewirkt?

Nach Angaben aus der Autonomieregion Kurdistan sind mindestens 20 Dschihadisten getötet worden. Am Samstag wurden 55 weitere Personen bei der Bombardierung in der Chasir-Region nördlich von Mossul und Erbil verletzt. Die irakische Luftwaffe traf bei drei Angriffen 28 IS-Kämpfer. Allerdings wird auch vor einer unerwünschten Folge der direkten Konfrontation der IS-Miliz mit den USA gewarnt: Sie könnte die Dschihadisten aufwerten und ihnen weiteren Zulauf verschaffen.

Gehen die IS-„Gotteskrieger“ gegen Christen und Jesiden gleichermaßen hart vor?

In ihrem islamischen „Kalifat“ wollen die Extremisten keine „Ungläubigen“ dulden. Es gibt Aussagen, Jesiden müssten konvertieren, andernfalls würden sie geköpft. Keine leere Drohung: Ein Familienvater wurde vor den Augen seiner Familie enthauptet. Christen wird offenbar zumindest das Recht zur Flucht zugestanden. Bisher suchten mehr als 300 000 irakische Christen im kurdischen Gebiet oder in Jordanien Zuflucht, sagt Matthias Kropp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Der Fluchtweg Richtung Syrien werde von IS-Milizen abgeschnitten. Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland versuchen, durch ihre Hilfswerke Diakonie-Katastrophenhilfe und Caritas International zu helfen. Aber auch deren Partner vor Ort seien massiv von der IS bedroht oder überfallen worden.

Ist die IS nur im Norden des Irak unterwegs?

Nein. Sie hat aktuell auch Einheiten, die im Süden des Irak und in Richtung Iran auf dem Vormarsch sind. Andere Truppen haben Ortschaften in der ölreichen syrischen Provinz Dair as-Saur von Rebellengruppen abgerungen.

Welche Rolle spielt die Regierung in Bagdad?

Nach Meinung westlicher Experten eine große. Schiitische Regierungen hätten Sunniten seit Jahren systematisch diskriminiert und so ihre Radikalisierung gefördert. Auch gemäßigte Stämme schließen sich deshalb nun der IS an. Der Irak brauche dringend eine Regierung, von der sich alle Menschen repräsentiert fühlten, damit sie zusammen den Terrorismus bekämpfen könnten, sagte der französische Außenminister Laurent Fabius gestern bei einem Besuch in Bagdads. Der Schiite Nuri Al-Maliki, seit 2006 im Amt und bei der Wahl siegreich, will jedoch unbedingt Ministerpräsident bleiben. Eine Abstimmung im Parlament ist gestern erneut an den Blöcken gescheitert.

Was fordern die kämpfenden Kurden? 

Kurdenpräsident Massud Barsani bat am Sonntag „unsere Freunde“ inständig um Waffenlieferungen. Barsani betonte, dass die Verbündeten nicht für die Kurden kämpfen müssten. „Wir werden unseren eigenen Krieg führen.“

Wie reagiert Berlin? 

Waffenlieferungen sind nicht im Gespräch. Die Bundesregierung hat aber seit Freitag die Ausgaben für humanitäre Hilfe um 4,5 Millionen Euro aufgestockt. Vielen Bürgern reicht das nicht. „Die bisherigen Anstrengungen des Auswärtigen Amtes müssen deutlich ausgeweitet werden,“ forderte gestern ein Bündnis aus Politik, Menschenrechtlern, Religionsgemeinschaften und Künstlern.

BW

 

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