25.000 fliehen vor Terror

Arabien-Experte im tz-Interview: Darum ist der IS so gefährlich

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Dem Islamischen Staat (IS) haben sich inzwischen Schätzungen zufolge zwischen 100.000 und 200.000 Dschihadisten angeschlossen.

München - Wie stark ist der IS? Wie gehen die arabischen Staaten mit der Gefahr um? Was tut der Westen? Im tz-Gespräch analysiert der Arabien-Experte Professor Günter Meyer die Lage.

Wieder einmal löst der Vormarsch des Islamischen Staates im Irak Angst und Schrecken aus. Bei Ramadi im Westirak treiben die Terrormilizen 25.000 verzweifelte Flüchtlinge vor sich her. Wie stark ist der IS? Wie gehen die arabischen Staaten mit der Gefahr um? Was tut der Westen? Im tz-Gespräch analysiert Prof. Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt der Universität Mainz, die Lage.

Der IS schien angeschlagen, finanziell und militärisch. Jetzt gibt es wieder Angriffe und Erfolge? Woher kommt die neue Kraft?

Prof. Meyer: Vor allem durch den Zustrom nach Syrien und in den Irak von Dschihadisten aus der ganzen Welt. Der ist ungebrochen. Und gleichzeitig expandiert der IS auch im Ausland.

Was heißt das?

Prof. Meyer: Es gibt Berichte aus mehreren Dutzend Ländern, dass sich dschihadistische Gruppen dem IS angeschlossen haben. Gruppierungen, die ursprünglich zu Al Kaida gehörten.

Wie reagieren die arabischen Länder darauf?

Prof. Günter Meyer, Experte für den Vorderen Orient

Prof. Meyer: Die Ideologie des IS wird von den übrigen arabischen Herrschern als Bedrohung angesehen und abgelehnt. Aber das konkrete Vorgehen, etwa bei der wichtigsten Regionalmacht – das ist Saudi Arabien – ist so, dass man eben kein primäres Interesse daran hat, den IS zu vernichten. Davon würde nämlich die schiitische Regierung im Irak profitieren – und die ist wiederum verbündet mit dem Iran. Ähnlich sieht das die Türkei, die in Syrien vor allem auf einen Sturz von Assad setzt und kein Interesse daran hat, dass die vom IS angegriffenen Kurden zu stark werden.

Inzwischen wird von 100.000 bis 200.000 IS-Kämpfern ausgegangen

Welche Rolle spielt der Westen?

Prof. Meyer: Hier geht’s vor allem um die USA, die sich aber in der Zwickmühle befinden. Im Irak gehen sie gemeinsam mit der schiitischen Führung gegen den IS vor.

… und sitzen damit in einem Boot mit dem Iran.

Prof. Meyer: Auf der anderen Seite führt die US-Regierung mit dem Iran Nuklearverhandlungen und darf damit nicht die Saudis, die Vereinigten Arabischen Emirate verprellen.

Was tun die USA konkret?

Prof. Meyer: Sie stellen jetzt rund eine halbe Milliarde Dollar zur Verfügung, um syrische Soldaten auszubilden und mit modernen Waffen gegen den IS einzusetzen.

Geht diese Strategie auf?

Prof. Meyer: Das ist fraglich. Denn frühere Erfahrungen haben gezeigt, dass diese Soldaten reihenweise übergelaufen sind - weil der IS wesentlich mehr zahlt als die Freie Syrische Armee.

Was passiert, wenn Assad gestürzt wird?

Prof. Meyer: Es wird ein Machtvakuum in Syrien entstehen, das von den islamistischen Milizen und dem IS gefüllt wird.

Wie viele Kämpfer hat der IS?

Prof. Meyer: Die Schätzungen gehen weit auseinander. Ende letzten Jahres gab der CIA eine Zahl von 20.000 bis 31.500 an. Die irakische Regierung geht von mehr als 100.000 Kämpfern aus, und der kurdische Stabschef spricht sogar von 200.000 Dschihadisten.

IS verkauft antike Fundstücke mitunter auch auf dem internationalen Markt

Was passiert in den eroberten Gebieten? 

Prof. Meyer: Für Nichtmuslime, selbst für die schiitische Bevölkerung und alle Sunniten, die mit dem irakischen Regime zusammengearbeitet haben, ist das Schlimmste zu befürchten ... Flucht ist die einzige Chance. Wer sich nicht strikt an die Ideologe und die religiösen Vorschriften des IS hält, muss damit rechnen, dass er massakriert wird.

Frauen sollen versklavt werden … 

Prof. Meyer: Das findet statt. Wir haben das bei den Jesiden gesehen, weil diese nicht als Muslime angesehen werden. Das geschieht unter Umständen auch bei Schiiten.

Kultur wird vernichtet ...

Prof. Meyer: Die eine Seite ist: Alles was nicht islamisch ist und andere Religionen verherrlicht, ist zu zerstören. Auf der anderen Seite – das haben wir in Nimrud gesehen – werden spektakulär vor den Kameras bedeutende archäologische Funde und Statuen zerstört. Allerdings ist auch ein erheblicher Teil der Fundstücke vom IS sichergestellt und auf dem internationalen Antiquitätenmarkt angeboten worden.

Zur Finanzierung der Kämpfe?

Prof. Meyer: Ja, inzwischen soll es um Kulturgüter im Wert von rund sechs Milliarden Euro, die nach Eroberungen des IS in Syrien und im Irak im Kunsthandel angelangt sind.

"Al Kaida ist out" - Darum ist der Islamische Staat so gefährlich

Woher bekommt der IS sonst sein Geld? Angeblich aus Katar?

Prof. Meyer: Sicher nicht von Seiten der Regierung. Katar unterstützt andere Gruppen, vor allem die Muslim-Bruderschaft. Ansonsten sieht man in Katar sicher, dass man selbst auch bedroht ist, aber das schließt nicht aus, dass es nach wie vor reiche private Sponsoren besonders in Saudi-Arabien gibt, die den IS unterstützen.

Ist der IS die neue Al Kaida?

Prof. Meyer: Schlimmer. Al Kaida ist out. Was hat Al Kaida nach dem 11. September noch aufzuweisen? Nichts. Der IS hat geschafft, einen Staat aufzubauen, ein Territorium zu beherrschen – und dadurch weltweit Sympathisanten zu gewinnen , die an der Errichtung eines wahren islamischen Staates – der Schaffung einer wahrhaft großen Sache – mitwirken wollen. Das begeistert muslimische Jugendliche, insbesondere wenn sie sich in ihren Herkunftsländern als benachteiligt und diskriminiert empfinden.

WdP

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