Bombenalarm am Gymnasium Tutzing - Polizei durchsucht Gebäude

Bombenalarm am Gymnasium Tutzing - Polizei durchsucht Gebäude

Jeder Deutsche zahlt 1459 Euro für die Griechen

München/Athen - Wie viel haben wir schon ins „Fass ohne Boden“ Griechenland geworfen? Die tz versucht Klarheit ins Euro-­Dickicht zu bringen.

Europäische Zentralbank, die Rettungsschirme EFSF und ESM, der Internationale Währungsfonds: Im Wust der Hilfen für Griechenland wird verschleiert, wie viel der deutsche Steuerzahler nun wirklich für die Griechenland-Hilfe zahlen muss. CSU-Chef Horst Seehofer forderte am Wochenende: „Die Gesamthaftung Deutschlands bei der Euro-Rettung in Höhe von 211 Milliarden Euro darf nicht erhöht werden. Das ist die rote Linie.“ Und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble meinte: „Griechenland darf kein Fass ohne Boden sein. Deswegen müssen die Griechen endlich den Boden einziehen. Dann können wir auch etwas reintun.“ Aber wie viel müssen wir noch „reintun“?

Und wie viel haben wir schon ins „Fass ohne Boden“ geworfen? Die tz versucht Klarheit ins Euro-­Dickicht zu bringen:

Rettungsschirm EFSF: Beim zeitlich begrenzten Rettungsschirm bürgt Deutschland mit 211 Milliarden Euro, das Gesamtvolumen liegt bei mehr als 700 Milliarden. Direkt an Griechenland fließen sollen 30,1 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt – für den Schuldenverzicht, den der Bundestag aber noch absegnen muss (voraussichtlich am 27. Februar).

Rettungsfonds ESM: Wenn im Juli der dauerhafte Rettungsfonds ESM seine Arbeit aufnimmt, geht es nicht mehr nur um Bürgschaften, sondern um Bares: Rund 22 Milliarden Euro der Bareinlage in Höhe von 80 Milliarden Euro kommen vom deutschen Steuerzahler. Ursprünglich sollte der Betrag über fünf Jahre verteilt fließen. Wegen der sich immer extremer zuspitzenden Probleme in Griechenland, aber auch in Portugal, ist nun denkbar, dass der volle Milliardenbetrag schon 2012 eingezahlt werden muss.

Zinsen: Für die ESM-Bareinlage muss Finanzminister Wolfgang Schäuble einen Nachtragshaushalt beantragen. Das heißt: zusätzliche Schulden, für die zusätzliche Zinsen gezahlt werden müssen. Auch bei den aktuellen Niedrigzinsen kostet die Bareinlage dauerhaft mehrere Hundert Millionen Euro pro Jahr.

Europäische Zentralbank: Die EZB legt nicht offen, wie viele faule Griechenland-Anleihen sie aufgekauft hat – Bayern LB-Chefvolkswirt Dr. Jürgen Pfister geht im Gespräch mit der tz von Anleihen im Wert von 45 bis 50 Milliarden Euro aus. Allerdings musste die EZB am Markt nicht mehr den vollen Preis, sondern im Schnitt nur 70 Prozent des Nominalwerts bezahlen. Deutschland hält 27 Prozent des EZB-Anteils. Das Münchner ifo-Institut errechnete, dass dadurch auf den deutschen Steuerzahler bis zu 13 Milliarden Euro an Belastungen zukommen könnten.

IWF-Kredite: Im Rahmen des aktuellen Rettungsprogramms hat der Internationale Währungsfonds gemeinsam mit den Euro-Staaten über 70 Milliarden Euro an Krediten überwiesen – 15 Milliarden davon kommen aus Deutschland, die bei einer Griechenland-Totalpleite abgeschrieben werden müssten.

Target-2-System: Dies ist das bei Nicht-Ökonomen weitgehend unbekannte Zahlungssystem zwischen den Notenbanken. Wenn ein griechischer Unternehmer eine Maschine bei einer deutschen Firma auf Kredit kauft, bekommt er das Geld von der griechischen Zentralbank, der deutsche Lieferant bekommt den Betrag aber von der deutschen Bundesbank überwiesen. Normalerweise überweist dann die griechische Zentralbank via EZB das Geld an die deutsche Zentralbank. Doch derzeit häuft die griechische Zentralbank immer mehr Schulden bei EZB und deutscher Notenbank an. Der Ökonom Frank Westermann von der Uni Osnabrück rechnete gegenüber Spiegel online aus, dass im schlimmsten Fall einer Total-Pleite und/oder eines Euro-Austritts 27 Milliarden Euro Verluste für die Notenbank und damit für die deutschen Steuerzahler entstehen würden. Andere Experten gehen sogar von 30,1 Milliarden Euro Miesen aus. „Die großen Risiken im Target-System sind meiner Meinung nach der Grund, dass Griechenland von den Euro-Ländern nicht fallengelassen wird“, so Westermann weiter.

Risiken bei öffentlichen Banken und staatlichen Bad Banks: Bei einer Totalpleite Griechenlands müssten deutsche Banken wie die ohnehin schon am Staatstropf hängende HypoReal­Estate (HRE) ihre griechischen Staatsanleihen und privaten Kredite endgültig abschreiben. Dabei geht es um 12,5 bis 14 Milliarden Euro – Verluste, die einigen Banken das Genick brechen könnten, sodass sie vom Staat gerettet werden müssen. In Frankreich sind die Banken sogar mit 35 Milliarden Euro bei den Hellenen engagiert.

Fazit: Sollte das schlimmste Szenario wahr werden und Griechenland keinen Cent all dieser Schulden zurückzahlen, müsste Deutschland also rund 119,6 Milliarden Euro abschreiben (einschließlich der Lasten der Privatbanken) – das wären für jeden der rund 82 Millionen Bundesbürger rund 1459 Euro. Noch gigantischer ist aber die Summe, die das ifo-Institut errechnete, falls nicht nur Griechenland kollabiert, sondern auch Irland, Portugal, Spanien und Italien zahlungsunfähig würden: 643 Milliarden Euro müsste dann der deutsche Steuerzahler schultern – 7841 Euro pro Kopf, vom Baby bis zum Greis. Zum Vergleich: Die derzeitige Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland liegt bei 24 870 Euro.

Klaus Rimpel

EFSM, EFSF oder ESM: Das bedeuten die Kürzel der Finanzkrise

EFSM, EFSF oder ESM: Das bedeuten die Kürzel der Finanzkrise

Rubriklistenbild: © dpa

Auch interessant

Meistgelesen

Ticker zum Terror in Manchester: Kinder unter den Toten
Ticker zum Terror in Manchester: Kinder unter den Toten
22 Tote in Manchester: Das sind die ersten Reaktionen
22 Tote in Manchester: Das sind die ersten Reaktionen
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
Impeachment-Verfahren: Steht die Amtsenthebung Trumps bevor?
Impeachment-Verfahren: Steht die Amtsenthebung Trumps bevor?

Kommentare