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Dramatischer Appell einer Jesidin (11) aus München

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Sorgt sich um ihre Großeltern: Die elfjährige Hozan Seliem.

München - Die elfjährige Tochter des Münchner Jesiden-Vorsitzenden, Hozan Seliem, erzählt unter Tränen, wie sehr sie unter den schrecklichen Bildern aus dem Nordirak leidet.

Rund 4000 Jesiden leben in München – und sie hoffen, ihre bis zu 500.000 Glaubensbrüder, die im Nord­irak auf der Flucht vor den Extremisten des Islamischen Staates (IS) sind, in den Westen, nach Europa oder in die USA, holen zu können. „Ein Über­leben ist für uns im Nord­irak nicht mehr möglich“, sagt Bahjat Seliem, Vorstand der Ezidischen Akademie Bayern. „Wenn die IS besiegt ist, kommen wieder andere, die uns töten wollen“, so der Jeside bei einer vom bayerischen Integrationsbeauftragten Martin Neumeyer angesetzten Pressekonferenz.

Die Jesiden sprechen von bislang 73 „großen Katastro­phen“ ihrer Religionsgemeinschaft – derzeit erleiden sie die 74. Verfolgung ihrer fast 4000-jährigen Geschichte. „Wir wurden schon immer verfolgt, von Kurden wie von Arabern“, so Bahjat Seliem. „Wir sind nicht gegen den Islam, wir missionieren nicht – ich weiß nicht, warum sie uns hassen.“

Die elfjährige Tochter des Münchner Jesiden-Vorsitzenden, Hozan Seliem, erzählt unter Tränen, wie sehr sie unter den schrecklichen Bildern aus dem Nordirak leidet (siehe unten).

Nach so vielen schrecklichen Erfahrungen "haben wir keine Heimat mehr"

„Es ist so schlimm, zuschauen zu müssen, wie unsere Verwandten und Freunde abgeschlachtet, zerstückelt oder bei lebendigem Leibe begraben werden“, so Bilal Shaheen, eine 22-jährige Medizinstudentin, die mit 15 aus dem Irak nach München kam. Schon immer seien die Jesiden von Kurden wie von den Arabern verachtet, auf offener Straße angespuckt worden. Auch unter Saddam Hussein bekamen sie nur drittklassige Jobs – Akademiker wie der Ingenieur Seliem hätten keine andere Chance, als aus dem Irak wegzugehen, wenn sie in ihrem Beruf arbeiten wollen. Aus Angst vor Verfolgung hätten sich die Jesiden über die Jahrhunderte in die unwirtlichsten Gebiete des Irak und Syriens zurückgezogen: „Wir leben dort, wo es 45 Grad Hitze gibt und wo man nichts anbauen kann.“ Aber auch das schütze sie nicht, so Bilal Shaheen.

Als die IS-Gotteskrieger über die Jesiden herfielen, seien sie von den sunnitischen oder schiitischen Nachbarn, mit denen sie jahrelang gelebt hatten, verraten worden. Auch den Kurden trauten die Jesiden nicht, so die 22-Jährige. „Nachdem wir so viele schreckliche Erfahrungen durchleiden mussten, haben wir keine Heimat mehr. Auch in einem stabilen Kurdistan würden wir nicht leben wollen.“

Die Hilfsaktion für die jesidischen und christlichen Flüchtlinge im Nordirak läuft derweil auf Hochtouren: Mitte der Woche sollen Transportmaschinen der Bundeswehr weitere 100 Tonnen humanitäre Güter aus Deutschland in die Krisenregion bringen. In der kommenden Woche könnte die Bundeswehr dann erstmals auch defensive Rüstungsgüter wie Schutzfahrzeuge und Nachtsichtgeräte in die Region bringen, so das Verteidigungsministerium. Die Kurden eroberten gestern den von der IS besetzten Mossul-Staudamm zurück. Wer diesen Staudamm kontrolliert, kann weiten Teilen des Landes den Strom und das Wasser abdrehen.

Klaus Rimpel

So traurig, nichts tun zu können!

„Ich will nicht mehr ins Facebook schauen, weil ich das Schreckliche, was ich dort sehen muss, nicht länger ertragen kann. Wir haben seit Tagen keinen Kontakt mehr zu meinen Großeltern. Wir wissen nur, dass sie fliehen mussten, ohne irgend etwas mitnehmen zu können – ohne Wasser, ohne Nahrung. Es ist so traurig, zuschauen zu müssen und nichts dagegen tun zu können! 3000 Kinder sollen schon verhungert und verdurstet sein. Frauen werden einfach eingefangen und an diese islamistischen Männer verkauft. Wir Jesiden in München weinen genauso wie die Menschen im Nordirak …

Hozan Seliem (11), jesidische Schülerin aus München

tz-Stichwort "Jesiden"

Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Ihre Muttersprache ist das nordkurdische Kurmanji. Weltweit hat die Religionsgemeinschaft rund 800.000 Mitglieder. Sie entstand nach den Überlieferungen um 2000 vor Christus und versteht sich als Ursprungsreligion der Kurden. Allerdings traten viele Kurden später zum Islam über.

Etwa 600.000 Jesiden leben im nördlichen Irak. Ferner gibt es sie in Nordsyrien, dem Nordwestiran und in der südöstlichen Türkei. In Deutschland leben derzeit bis zu 80.000 Jesiden.

Der jesidische Glaube vereint Elemente verschiedener nahöstlicher Religionen, vor allem aus dem Islam, aber auch aus dem Christentum. Das religiöse Zentrum ist Lalisch, eine Stadt im Nordirak nahe Mossul. Im Jesidentum gibt es keine verbindliche religiöse Schrift, der Glaube wird über Lieder und mündlich verbreitet. Sie beten zu dem „einzigen, allmächtigen und allwissenden“ Gott und verehren sieben Engel, darunter den Engel Pfau. Jesiden glauben nicht an ein Paradies oder eine Hölle, sondern an Seelenwanderung und Wiedergeburt.

Sie haben ein weltliches und ein religiöses Oberhaupt („Baba Sheikh“). Jeside ist nur, wer von jesidischen Eltern abstammt. Wenn ein Mitglied der jesidischen Religion einen Andersgläubigen heiratet, gilt das als Austritt aus der Religions­gemeinschaft.

tz

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