Josef Kraus im tz-Interview

Lehrerverbandspräsident fordert: "Stoppt Pisa!"

+
Deutsche 15-Jährige schneiden bei Pisa besser ab als früher. Josef Kraus (r.) fordert einen Stopp der Pisa-Tests.

München - Trotz der Steigerung der deutschen Schüler bei den Pisa-Tests, meint Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands: Stoppt Pisa und gebt das Geld lieber für Brennpunkt-Schulen aus!

13 Jahre nach dem „Pisa-Schock“ haben Deutschlands Schüler im internationalen Vergleich stark aufgeholt. Beim ersten internationalen OECD-Bildungsvergleich im Jahr 2000 schnitten die deutschen Schüler noch miserabel ab. Doch jetzt liegen die Leistungen der 15-Jährigen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften erstmals deutlich über dem Durchschnitt der teilnehmenden Staaten. Vor allem die leistungsschwachen Schüler verbesserten sich. Doch trotz dieses Erfolgs meint Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Schulleiter am Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg: Stoppt Pisa und gebt das Geld lieber für Brennpunkt-schulen aus!

Deutschland hat sich gegenüber 2003 beim Pisa-Test um elf auf 514 Punkte verbessert. Dürfen sich die Kultusminister also darüber freuen, dass der Schulunterricht in Mathe besser geworden ist?

Josef Kraus: Ich freue mich vor allem für unsere Schüler über dieses Ergebnis. Man hat sie ja in den letzten Jahren so dargestellt, als seien sie weltweit die Hinterletzten. Aber dieses positive Ergebnis ist kein Grund für die Kultusminister, die Hände in den Schoß zu legen.

Die Pisa-Leistungsvergleiche haben immer so ein bisschen was von Fußball-WM – nach dem Motto: Wir Deutschen sind besser als die Franzosen. Was hat das Bildungssystem von dieser Vergleichbarkeit?

Kraus: Dass wir seit dem ersten Pisa-Test vor 13 Jahren Bildung intensiver diskutieren, ist gut. Aber dass das dann so aufgeregt, hysterisch und ideologisch gefärbt diskutiert worden ist, halte ich für problematisch. Es scheint ein typisch deutscher Charakterzug zu sein, dass wir entweder wie im Fußball ganz oben sind, oder Weltmeister im Negativen sind – und so haben etliche die Pisa-Ergebnisse schlechtergeredet als sie waren. Trotz des jetzt vergleichsweise guten Abschneidens bleibt bei mir die Skepsis, ob wir nicht unser Bildungsverständnis in den letzten zwölf Jahren zu sehr auf OECD-Test­standards ausgerichtet haben.

Es passt ja nicht so ganz mit dem positiven Pisa-Ergebnis zusammen, dass Unis und Ausbilder darüber klagen, dass die Schulabsolventen immer schlechter werden ...

Kraus: Wir haben im bayerischen Gymnasium die Stundenzahl reduziert, das Fach Mathematik gibt es zum Teil nur noch dreistündig. Und dann fehlt es an Studenten, die wie vor dem Umbau zum G8 Leistungskurs Mathematik hatten. Die Schüler sind ja nicht dümmer geworden, aber heute gibt es eben nur noch eine Art vereinheitlichte Grundkurs-Mathematik.

Bei aller Skepsis gegenüber Pisa: Es scheint, dass sich asiatische Schüler mit Mathematik leichter tun als Deutsche. Woran liegt das?

Kraus: In Ländern wie Hongkong oder Korea gibt es ein Bildungssystem, das unglaublich auf Drill ausgerichtet ist. Man nimmt dort die Tests viel ernster als bei uns. Professoren aus Korea haben mir erzählt, dass dort vor den Tests die Nationalhymne gesungen wird! Weil es so wichtig genommen wird, die eigene Nation möglichst gut dastehen zu lassen, wird das Ergebnis wohl auch durch die Auswahl der Schulen und Schüler beeinflusst.

Pisa bestätigt das Klischee, dass Buben besser in Mathe sind als Mädchen. Zeigen das auch Ihre Erfahrungen aus dem Schulalltag? 

Kraus: Ja, genauso wie die Mädchen in Deutsch und den Sprachen besser sind als die Buben. Aber an unserer Schule haben wir inzwischen mehr weibliche als männliche Mathe- und Physiklehrer – und das übt eine durchaus positiv infizierende Wirkung auf Mädchen aus, sich für solche Fächer zu interessieren.

Wie hat sich der Schulalltag seit dem „Pisa-Schock“ verändert?

Kraus: Es wird seither getestet, getestet und noch einmal getestet! Zudem wird auch der Lehrplan immer mehr ausgerichtet auf das, was messbar ist. Manchmal hat man den Eindruck, Bildung ist das, was Pisa misst. Bildung ist aber viel breiter angelegt! Pisa untersucht weder das sprachliche Ausdrucksvermögen, noch literarisches, historisches oder geografisches Wissen. Jeder Pisa-Test kostet dem Staat vier Millionen Euro! Deshalb schlage ich vor: Stoppt Pisa, gebt die Millionen lieber sozialen Brennpunktschulen!

Interview: Klaus Rimpel

auch interessant

Meistgelesen

Trump liebt Deutschland - und warnt BMW
Trump liebt Deutschland - und warnt BMW
US-Presse sagt Donald Trump den Kampf an
US-Presse sagt Donald Trump den Kampf an
Kontrollen in Kölner Silvesternacht: Geheim-Bericht mit neuer Brisanz
Kontrollen in Kölner Silvesternacht: Geheim-Bericht mit neuer Brisanz
Verfassungsgericht hat entschieden: NPD wird nicht verboten
Verfassungsgericht hat entschieden: NPD wird nicht verboten

Kommentare