Jürgen Todenhöfer

Er besuchte den IS: tz-Interview zu Gehirnwäsche und Gefahren

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Diese Szene fotografierte Jürgen Todenhöfers Sohn Frederic, der ihn auf seiner Reise in die Welt des IS begleitete.

München - Publizist Jürgen Todenhöfer (74) bereiste den "Islamischen Staat". Im tz-Interview spricht er über die Gehirnwäsche.

Update vom 17. November 2015: Vor einem Jahr war Autor Jürgen Todenhöfer im IS-Kalifat. Die tz sprach nach den Anschlägen von Paris mit dem Ex-CDU-Abgeordneten darüber, wie der Islamische Staat besiegt werden könnte. Lesen sie das IS-Interview mit Jürgen Todenhöfer.

Täglich erreichen uns Nachrichten aus dem Irak und Syrien, die die das bisherige Versagen des Kampfes gegen die Terrormiliz Islamischer Staat deutlich machen. In Deutschland tourt Publizist Jürgen Todenhöfer (74) durch die Städte, um für seine Strategie zu werben – die der Überzeugung.

Es ist ein halbes Jahr vergangen, seit Sie den „Islamischen Staat“ bereisten. Ihr Buch ist auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste. Wie erleben Sie die Resonanz? 

Jürgen Todenhöfer, Publizist: Riesig. Die Lesungen sind mit jungen Leuten überfüllt. Durchschnittsalter 25 Jahre. Das ist ermutigend. Den größten Beifall bekomme ich von muslimischen Jugendlichen, wenn ich sage, dass der Islam mit IS nichts zu tun hat. 99,9 Prozent der deutschen Muslime verachten den IS. Sie sind unsere wichtigsten Verbündeten.

Sie haben im April einen Appell an deutsche Dschihadisten gerichtet, sich vom mörderischen Anti-Islam des IS loszusagen. Hat er gefruchtet? 

Todenhöfer: Wenn ich nur einen einzigen Möchtegern-Dschihadisten von seinem Irrweg abbringe, hat sich’s gelohnt. Ideologien kann man nicht erschießen. Man muss sie widerlegen. Der IS handelt gegen klare Anweisungen des Koran. Das muss man immer wieder darlegen. Von den 7000 deutschen Salafisten sind laut IS maximal 20 Prozent Sympathisanten des IS. Die meist keine Ahnung vom Koran haben, weil sie bis vor kurzem Christen waren.

Aber man muss doch etwas gegen sie unternehmen!

Todenhöfer: Natürlich. Die größte Gefahr sind jedoch die Gehirnwäscher im Westen. Das ist ein großes Extremisten-Netzwerk, mit einem Vertreter in jeder Stadt, denen unsere Sicherheitsdienste zu viel Raum lassen. Obwohl sie sie kennen. Diese Verführer reden jungen Leuten ein, sie würden im „Islamischen Staat“eine historische Rolle spielen. Dort finde die seit 1400 Jahren angekündigte letzte Schlacht zwischen Gut und Böse statt. Diese Gehirnwäscher haben es geschafft, dass 20 junge Menschen aus Solingen, dutzende Hamburger, Bremer sowie 40 Fünfzehn- bis 23-Jährige begeistert in den Krieg gezogen sind. Es ist deprimierend zu sehen, wie leicht es ist, einen Hebel im Kopf ursprünglich sympathischer junger Menschen umzulegen.

Wo steht der Westen heute im Kampf gegen den IS? 

Todenhöfer: Zur Zeit läuft der Kampf nicht gut. Natürlich kann man Terror nicht von heute auf morgen besiegen. Der IS ist 2003 – damals noch unter anderem Namen – als Reaktion auf Bushs Krieg gegen den Irak gegründet worden. Von dem Schlächter Zarkawi. Der IS ist Bushs Baby. Zur Zeit des 11. September gab es nur ein paar 100 internationale Terroristen, die sich im Hindukusch versteckten. Jetzt sind es weltweit über 100 000, von denen die erfolgreichste Gruppe, der IS, sogar einen eigenen Staat gegründet hat! So groß wie Großbritannien. Die bisherige Bomben-Strategie war also, wie die Zahlen zeigen, ein Terrorzuchtprogramm.

Was wäre die richtige Strategie? 

Todenhöfer: Westliche Bomben bestimmt nicht. Nur die sunnitischen Iraker können den IS besiegen. Der IS, der 40 bis 50.000 Kämpfer hat, wird im Irak von den 35 Prozent Sunniten insgeheim geduldet. Weil die irakischen Sunniten in den 12 Jahren nach der US-Invasion erst von den Amerikanern und dann von der schiitischen Regierung Maliki massiv diskriminiert wurden. Nur wenn die sunnitische Volksgruppe gleichberechtigt ins politische Leben des Irak integriert wird, wird sie dem IS die rote Karte zeigen. Das hat sie 2007 schon einmal getan.

Das lange umkämpfte Kobane wurde vom IS aufgegeben, doch er hat große Gebiete eingenommen. Wird der IS falsch eingeschätzt?

Todenhöfer: Kobane wurde verlassen, weil die Stadt platt gebombt war. Die IS-Kämpfer konnten sich nirgends mehr verstecken. Das wurde vom Westen als Niederlage des IS angesehen. Den IS hat das nicht interessiert. Das ist wie im Vietnamkrieg. Man verliert ein Tal und gewinnt zwei neue. Tikrit hat der IS fast freiwillig aufgegeben. Kurz danach hat er das viel größere Ramadi eingenommen – mit 200 Mann! Während eine Sandsturms. Gegen von den USA trainierte 6000 irakische Soldaten.

Woraufhin der US-Verteidigungsminister die irakischen Soldaten als Feiglinge bezeichnet hat.

Todenhöfer: Der IS verbreitet durch seine brutale Kopfabschneide-Strategie gezielt Furcht und Schrecken. Ein Soldat akzeptiert im Krieg vielleicht den Tod durch die Kugel. Aber dass er gefangen wird, tagelang gefoltert wird und ihm dann, oft mit einem stumpfen Messer, der Kopf abgeschnitten wird – das ist selbst für den tapfersten Soldaten der blanke Horror. Auch US-Bodentruppen würden da Reißaus nehmen.

Muss der Westen nun den syrischen Diktator Assad unterstützen? 

Todenhöfer: Als Demokrat bin ich Gegner jeder Diktatur. Auch in Syrien. Schlimmer noch als Diktatur ist jedoch Anarchie. Das sagt inzwischen selbst Robert Kaplan, Ex-Berater des früheren US-Verteidigungsministers Gates, und einst glühender Befürworter des Überfalls auf den Irak. In Syrien stolpern unsere Weltstrategen auf dieselbe Anarchie zu. Inzwischen wird ernsthaft diskutiert, dass Saudi-Arabien, die Türkei und die Golfstaaten mit Zustimmung der USA die Al Qaida-Filiale Dschabhat al-Nusra noch stärker unterstützen sollen. Um durch den Sturz Assads endlich die schiitische Achse Iran, Irak, Syrien zu zerbrechen. Wie wollen wir den IS-Terrorismus auch moralisch überwinden, wenn unsere Verbündeten mit Al Qaida-Terroristen zusammen arbeiten?

Interview: Barbara Wimmer

Todenhöfer liest am Mittwoch, 10. Juni, um 19.30 Uhr in der Münchner Muffathalle. Vorverkauf: München Ticket (089/54 81 81 81) CTS /eventim (01806-570000)

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