Kampfvotum? „Ach.“ Maut? „Ach.“ Merkel? „Ach.“

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Gastrednerin: Angela Merkel bei ihrer Rede vor den CSU-Delegierten in Nürnberg

Nürnberg - In einer Redeschlacht kämpft die CSU um ihre Europa-Politik. Die EU-freundliche Kanzlerin besucht den Parteitag, Seehofer und seine komplette Führung flehen fast um ein Ja zum Leitantrag. Doch Peter Gauweiler haut dazwischen.

Zehn Minuten hat die Kanzlerin geredet, dann merkt sie, dass es nicht läuft. „Völlige Erstarrung eingetreten“, brummt Angela Merkel den CSU-Parteitag an. „Bisschen mehr Beifall“, verlangt sie. Ein paar Sekunden lang klatschen die Delegierten freundlich.

Nein, nicht Erstarrung, der Saal will auch nicht unhöflich sein. Es ist nur einfach so, dass Merkel nicht im Mittelpunkt steht bei diesem Parteitag. Sie mag Hauptrednerin am Freitagabend sein, Ehrengast, zu ihrem Einzug donnert aus den Boxen der „Bongo Song“ – aber auf die Pauke hauen diesmal andere. Die CSU hat sich versammelt in der Nürnberger Messehalle, um intern was zu regeln.

Es geht um den Kompass. Wie viel Europa will die bayerische Staatspartei akzeptieren, wie viel Euro-Rettung kann sie den Wählern noch zumuten? Und wer soll diesen Kurs prägen? „Zwei schöne Tage im Kreise unserer Lieben“, flötet Parteichef Horst Seehofer draußen vor der Halle.

Man kennt ihn ja: Je gelassener der Vorsitzende tut, desto heftiger rumort es bei seinen Lieben. Und er schauspielert sehr diesmal. „Ich lese immer, ich sei angespannt“, sagt er und rudert theatralisch mit den Armen. „Ach“, sagt er dann heiter. Das sagt er fortan häufig. Kampfabstimmung um seine Stellvertreter? „Ach.“ Maut? „Ach.“ Merkel? „Ach.“ Mehr wisse er leider nicht, erklärt er fröhlich: „Dann können wir ja jetzt arbeiten.“

Es wäre nicht seine CSU, wenn nicht schon vorgearbeitet worden wäre. Vor allem für die Kampfabstimmung heute, am zweiten Tag des Treffens. Seit Tagen kämpfen Parteigranden hinter den Kulissen in einer endlosen Reihe an Telefonaten für ihre Kandidaten. Peter Ramsauer und Peter Gauweiler prallen in der Wahl aufeinander. Der Bundesverkehrsminister gegen den gefühlten Strauß-Enkel – dieses Spektakel und nicht Merkel überstrahlt den ganzen Parteitag.

Bilder vom CSU-Parteitag in Nürnberg

Bilder vom CSU-Parteitag in Nürnberg

Selbstverständlich ist die Parteispitze strikt neutral. Der Hierarchie ist es halt geschuldet, dass Ramsauer in der ersten Reihe Mitte einen Ehrenplatz hat. Dass den kompletten Teil vorne auf der Seite des Rednerpults der riesige Block der Ramsauer-Unterstützer aus Oberbayern einnimmt. Dass die Saalkamera dauernd auf ihn draufhält. Dass Gauweiler keinen Platz vorne hat, sondern mit seinen Münchner Delegierten irgendwo bei Reihe sieben bis neun sitzt. Er findet seinen Stuhl nach kurzem Suchen sogar. Von dort hinten kann er beobachten, wie vorne Seehofer seinem Vize Ramsauer nach ein paar Minuten Gespräch aufmunternd auf die Schulter klopft.

Es ist ja schon lustig, den beiden Kontrahenten beim Reingehen zuzusehen. Schwer erkältet, eingehüllt in einer Mentholbonbon-Wolke, stapft Gauweiler ins Foyer der Messehalle. „Die CSU war schon mal in besserer Lage“, schallt es leise aus der Wolke. Als sich Ramsauer der Mentholwolke nähert und ihres Mittelpunkts gewahr wird, schlägt er wie ein Kaninchen einen Haken. Ramsauer schlüpft zwischen zwei Kamerateams hindurch und meidet ein gemeinsames Foto. „Ramses, zieh die Rüstung an“, jubelt ihm CSU-Vorständler Siegfried Balleis zu. „Schade“, murmelt Gauweiler.

Die große Euro-Debatte, die den Freitag prägt, dominieren die Pro-Europäer. Einer nach dem anderen wirbt für den Leitantrag der Partei. Die Dramaturgie ist clever. General Alexander Dobrindt heizt ein, ruft Bayern zum großen Vetospieler in der EU aus. „Liebe Italiener“, donnert Europagruppen-Chef Markus Ferber in den Saal, „jetzt ist Schluss mit Party!“ Weil relativ wenig Italiener im Saal sind, sorgt das für Stimmung.

Als Nächstes darf die Chefin der wettstreitenden Peters ans Mikro, die CSU-Landesgruppenvorsitzende im Bundestag. Gerda Hasselfeldts Einlassung bleibt, was ihr sonst eher selten gelingt, in Erinnerung. Sie verortet den CSU-Kurs als „Kontinuität der Politik von Strauß“. Gauweiler empfindet das diametral anders. Hasselfeldt setzt einen zweiten Nadelstich. Intensiv dankt sie denjenigen Abgeordneten, die nicht dauernd „in den Medien waren“. Eine lange Pause macht sie, damit jeder den Zaunpfahl-Wink versteht.

Und, ach, auch Seehofer selbst geht früh ans Pult. Er betont über eine halbe Stunde den Pro-Kurs der CSU: „Wir ertragen Europa nicht nur, wir wollen Europa.“ An dieser Grundhaltung dürfe es keine Zweifel geben, bittet er die Delegierten staatsmännisch. Moderat geht er auf die „roten Linien“ ein, auf die Bedingungen der CSU zur Euro-Rettung. „Wir können nicht das Parlament beteiligen bei der letzten Ortsumgehung in Niederbayern, aber bei der Euro-Rettung nicht.“ Nicht „Nullverschuldung bei uns und Totalverschuldung bei anderen in Europa“, sagt er.

Die Taktik ist klar: Seehofers Pro-Truppe will Europa-Kritiker und -Fans bei sich integrieren. Das reicht, um den mühsam intern abgestimmten Leitantrag einstimmig durchzusetzen. Inhalt: Chronische Schuldensünder sollen den Euro abgeben; die CSU bleibt aber beim grundsätzlichen Ja zur europäischen Einigung.

Für Seehofer ist das ein Erfolg. Aber für Teil II heute, für die Kampfabstimmung, gilt nur: Nix is gewiss.

Das wird in dem Moment klar, als Gauweiler ans Rednerpult geht, als es mucksmäuschenstill wird im Saal. Als die Aussteller von draußen in die Halle schleichen, sich auf die Zehenspitzen stellen. Kein Bongo-Song. Gauweiler trommelt selber. Vielleicht ruiniert er sich für ein paar Wochen die erkältete Stimme mit diesem Auftritt, aber er kämpft. Im Trachtenanzug, mit hochrotem Kopf.

Gauweiler streitet nicht gegen den Leitantrag, er teilt den Inhalt. „Befreiend“ sei Seehofers rote Linie gewesen. Aber er will die Akzente anders setzen, will eine lautere CSU in der Euro-Debatte. „Die Finanzwalze bedroht uns“, ruft er. Eine bürgerliche Partei müsse dagegen kämpfen, „die Schuldenspirale nach oben zu jagen“. Die Parteifreunde mahnt er: „Wir dürfen keine ,Wort zum Sonntag’-Reden halten.“ Auf „die ganzen EU-Enthusiasten“ schimpft er, auf „Duckmäuser und Haussklaven“. Es mag sich keiner angesprochen fühlen bei diesen Worten. Aber den Beifall für Gauweiler kann auch die Tagungsregie nicht abwürgen.

In Momenten wie diesen sieht es aus, als wäre die Sache klar, als würde heute bei der Kampfabstimmung der Volkstribun Gauweiler den rumpeligen Ramsauer rasieren. Siebzig zu dreißig, wie es seine Unterstützer noch vor einer Woche raunten. Die CSU aber ist unberechenbar. Auch der Bundesverkehrsminister nämlich wird heftig beklatscht, als er wenig später im Parteitag mit dicker Mehrheit ein Ja zur Pkw-Maut durchsetzt. Und selbst Merkel springt für ihren Minister überdeutlich in die Bresche. Minutenlang lobpreist sie seine Haltung zur Berliner Stadtautobahn, als wäre das ein weißblaues Überlebensthema.

Das Peter-Duell wird die spannendste Kampfabstimmung seit langem. Der Modus ist wohl geklärt: keine Sammelabstimmung, bei der alle vier Vizes zur Disposition stehen. Man erzählt sich, schwäbische Delegierte hätten gedroht, dann einen Eklat zu provozieren und den Saal zu verlassen, wenn es gegen ihre Kandidatin Beate Merk gehe. Also Einzelabstimmung, Ramsauer nickt dazu. Die Basis wolle das, behaupten Parteigranden, als hätten die Delegierten Eintritt zum Stierkampf gezahlt. Seehofer selbst will Mann gegen Mann inzwischen auch. „Ach“, sagt er in kleiner Runde, „face to face ist doch das Sauberste.“

Als Merkel ihre Rede hinter sich gebracht hat, kommt der Parteichef zu ihr auf die Bühne. Er hat natürlich registriert, wie sie in vielen Worten alle Kontroversen zwischen den Unionsschwestern vernebelt. Zur Maut zum Beispiel verliert sie kein Wort. Bei Europa formuliert sie so, dass kein Konflikt zwischen den Parteien offenkundig wird. „Auf der einen Seite ist der Euro unsere Zukunft, und auf der anderen Seite funktioniert das, was wir verabredet haben, nicht ausreichend“, sagtMerkel – dem kann so abstrakt irgendwie jeder zustimmen. Es ist ein Schulterschluss, zumindest für die Oberfläche.

„CDU und CSU stimmen voll und ganz überein“, frohlockt Horst Seehofer verschmitzt und drückt der Kanzlerin einen Blumenstrauß in die Hand. Was sie ihm leise zur Antwort zuraunt, trifft auch die Gemütslage in der CSU: „Mal sehen, wie es morgen Mittag ist.“

Christian Deutschländer

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