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Kanzler Scholz: Neue Ära, neuer Plan? SPD-Spitze steht plötzlich auf Pop - und beharkt sich öffentlich

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Von: Florian Naumann

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Lars Klingbeil und Kevin Kühnert besuchen im Wahlkampf gemeinsam ein Kultur- und Kreativzentrum.
Pop-Jungs: Lars Klingbeil und Kevin Kühnert besuchen im Wahlkampf gemeinsam ein Kultur- und Kreativzentrum. © Mike Schmidt/www.imago-images.de

Die Ära Merkel ist Geschichte. Die Union kam dem Thema Popmusik nur so nahe wie Andreas Scheuer dem Plattenteller. Die SPD will das offenbar jetzt anders machen.

Berlin/Hannover - Es ist nicht so, dass die SPD eine dezidiert pop-ferne Partei wäre. Ex-Parteichef Sigmar Gabriel nannte man eine Weile sogar „Siggi Pop“. In Anlehnung an den Punk-Vorreiter Iggy Pop. Und weil Gabriel unter Gerhard Schröder „Pop-Beauftragter“ war, natürlich. Und ein verdienter Genosse wie Ralf Stegner postet allmorgendlich seinen Song des Tages auf Twitter.

Trotzdem: Als direkt jung, frisch und szeneaffin nahm man die Sozialdemokraten bislang nicht wahr. Nun schwenken Teile der Parteipromis plötzlich stark Richtung Plattenladen - mit Worten und Taten.

Klingbeil, Kühnert, Schmidt, Niedersachsen: SPD überrascht mit neuer musikalischer Strategie

Was dahinter steckt ist noch nicht ganz klar zu eruieren. Vielleicht ist es der Versuch, an die 90er-Jahre anzuknüpfen, als Labour-Mann Tony Blair eine europaweite sozialdemokratische Welle lostrat und dabei auch sehr absichtlich mit Stars der Stunde wie Oasis-Songwriter Noel Gallagher posierte. Schlagwort damals: „Cool Britannia“. Oder es geht um eine Charmeoffensive für eine neue Hausmacht in der SPD-Fraktion: Die 49 Jusos in der Bundestags-SPD.

Verflogener Labour-Höhenflug: Tony Blair und Oasis-Star Noel Gallagher 1997.
Verflogener Labour-Höhenflug: Tony Blair und Oasis-Star Noel Gallagher 1997. © Rebecca_Naden/POOL/picture-alliance

Jedenfalls haben sich Bald-Parteichef Lars Klingbeil, Bald-Generalsekretär Kevin Kühnert, Neu-Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt und die Niedersachsen-SPD in den Tagen der Berliner Machtübernahme auffällig auf deutschsprachigen Indie der 00er- und 10er-Jahre eingeschossen. Nichts für Erstwähler - aber Juso ist man qua Satzung bis maximal 35 Jahren Alter. Das könnte sich noch ausgehen.

SPD versucht‘s mit Pop - und nominiert direkt Songwriter für die Bundespräsidentenwahl

„Welches ist das beste Kettcar-Zitat? Frage für eine Rede. Danke“, twitterte Klingbeil am späten Mittwochabend. Kettcar, eine Hamburger Band mit stilistisch markanten, oft gesellschaftskritischen Texten, war Anfang der 00er-Jahre ins Bewusstsein der gitarrenaffinen Szene gerückt.

Mit im Bunde war damals auch die Band Tomte: Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch und Tomte-Sänger Thees Uhlmann gründeten damals das Label Grand Hotel van Cleef und prägten damit ein paar Jahre lang musikalischen Stil. Uhlmann wiederum soll am 13. Februar für die Niedersachsen-SPD den Bundespräsidenten wählen - neben TV-Promi Klaas Heufer-Umlauf übrigens. Ein Zitat aus Uhlmanns Feder hat derweil Schmidt im Titel seiner Twitter-Page prangen: „Die Zukunft ist ungeschrieben, die Zukunft ist so schön vakant / Und ich komme dich besuchen: egal, ob Stammheim oder Bundeskanzleramt“, ist dort zu lesen. Aufschreie ob einer möglichen RAF-Reminiszenz über den Umweg der JVA Stammheim blieben zunächst aus. Wohl zurecht, als Extremist kann der gebürtige Niedersachse Uhlmann kaum gelten.

Scholz übernimmt: Klingbeil und Kühnert foppen sich auf Twitter

Auf Twitter, das ist aber schon länger Usus bei den neuen SPD-Frontleuten, beharkten sich Klingbeil und Kühnert öffentlich zum Thema Pop-Wissen. Kühnert schleuderte Klingbeil mit spitzer Feder eines der gesuchten Kettcar-Zitate entgegen: „Da sind andere gekommen, die unsere Plätze einnahmen. Wir hatten das Gefühl, dass sie besser aussahen…“ - der Ex-Jusochef soll schließlich in Bälde Klingbeil nachfolgen. Der keilte in ebenfalls scherzhaftem Ton zurück: „Als ob du überhaupt wusstest wer oder was Kettcar ist.“

Kühnert führte gleich den nächsten SPD-Musikkenner in die Debatte ein - er folge Carsten Brosda auf Twitter und sei damit über Zweifel erhaben, meinte er. Brosda ist Kultursenator in Hamburg, scheiterte in der Verlosung um das Amt des Kulturstaatsminsters aber an der bayerischen Grünen Claudia Roth, die ihrerseits einst die linke Kultband Ton Steine Scherben managte. Beim Thema Hamburg schließt sich der Kreis aber ohnehin: Kettcar und Tomte stammen aus der Hansestadt. Ebenso wie Brosda. Und Kanzler Olaf Scholz. Auch die „Hamburger Schule“ war einmal ein Untergenre-Begriff in den 90er- und 00er-Jahren - Tomte und Kettcar gehörten allerdings mangels weniger intellektuellem Profil nicht so recht dazu. Womöglich will die SPD nun dennoch eine eigene „Hamburger Politik-Schule“ prägen.

Kanzlerpartei mit Pop-Appeal? Klingbeil erntet Zuspruch - doch bei Blair endete es mit Enttäuschung

Das Ende vom Lied bleibt abzuwarten. Vorerst signalisiert die SPD wohl vor allem einen neuen Stil. Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) fiel musikalisch eher mit Opernbesuchen in Bayreuth und München auf. Andererseits stellte sich CSU-Minister Andreas Scheuer in seinen wilden Tagen schon mal posierend hinters DJ-Pult - Spott blieb freilich nicht aus. Für Klingbeils Zitatsuche gab es eher Zuspruch. Etwa von TV-Promi Micky Beisenherz, oder - koalitionstechnisch heikler - von Linke-Vizechefin Martina Renner. Ein Hauch von Generationenwechsel scheint durch den Bundestag zu wehen.

Sollte es in Bälde zu gemeinsamen SPD-Auftritten mit Szenegrößen kommen, bleibt jedenfalls zu hoffen, dass es den Musikern nicht so geht, wie anno dazumal Blair-Besucher Noel Gallagher. Der sah seine Erwartungen an „New Labour“, so das selbst verliehene Etikett der blair‘schen Sozialdemokraten, enttäuscht: „Nichts verändert sich wirklich, hab ich Recht? Selber Mist, neuer Tag“, konstatierte er Jahre nach seinem Besuch beim Premier. (fn)

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