Wahlkampf in heißer Phase

Reiter/Schmid: Die große tz-Analyse

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Dieter Reiter (l.) und Josef Schmid.

München - Die beiden OB-Topfavoriten, Dieter Reiter (55/SPD) und Josef Schmid (44/CSU), haben am Sonntag bei den traditionellen Dreikönigstreffen ihrer Parteien die heiße Phase des Wahlkampfs eingeläutet. Die tz war dabei.

Nur noch 69 Tage – dann hat München gewählt: Am 16. März sind die Bürger aufgerufen, einen Nachfolger für Christian Ude (66/SPD) zu bestimmen, der nach 21 Jahren in den Ruhestand geht. Die beiden Topfavoriten, Dieter Reiter (55/SPD) und Josef Schmid (44/CSU), haben am Sonntag bei den traditionellen Dreikönigstreffen ihrer Parteien die heiße Phase des Wahlkampfs eingeläutet. Der Kampf um das Rathaus –spätestens gestern hat er begonnen. Die tz war dabei und hat die Reden der beiden Spitzenkandidaten analysiert.

Die Reiter-Analyse

Der Auftritt

Dieter Reiter ist lockerer geworden mit der Zeit: Zwar stützt er beide Ellenbogen fest aufs Rednerpult, aber er formuliert klarer, spricht die Sprache der Leute, löst sich in der 40-minütigen Rede immer wieder vom Manuskript und streut Geschichten ein. Das Sakko behält er an, es ist keine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede an die mehr als 400 Genossen im völlig überfüllten Festsaal im Hofbräukeller. Der Wirtschaftsreferent schaut eher sachlich in die Zukunft der Stadt – rund um die bange Frage vieler Münchner: „Kann ich mir das Leben hier auch morgen noch leisten?“ Reiter verspricht nicht allzu viel, sondern appelliert an das München-Gefühl. „Unser Auftrag ist: Die Stadt zusammenhalten!“ Da wirkt er oberbürgermeisterlicher als der OB.

Die Attacken

Zwar greift auch Reiter die CSU immer wieder an, etwa beim GBW-Skandal und wegen ihrer teuren Tunnelträume für die ganze Stadt: „Hallo CSU, aufwachen! Hier spricht die Realität!“ Die Abteilung Attacke aber übernimmt OB Christian Ude. Thema Zuwanderung: In München führe die CSU eine „Verkleidungskomödie“ mit „großstädtischem Mäntelchen“ auf, das weltoffen und tolerant wirken solle. „Dieser Lack ist schon wieder ab!“ Es sei unverzeihlich, dass Rumänen und Bulgaren mit schlimmsten pauschalen Verdächtigungen überzogen würden. Zwar habe er das Thema schon selbst angesprochen – da sei es aber darum gegangen, extreme Armut zu bekämpfen und nicht arme Menschen auszugrenzen. Von der Münchner CSU habe er dazu kein Wort gehört. Überhaupt sei die Partei auf SPD-Kurs gegangen: Energiewende, Kinderbetreuung und gegen Studiengebühren. „Nach 20 Jahren stimmen sie im Rathaus plötzlich für die Erhaltungssatzung!“

Die Pointen

Der Angriff geht nahtlos in den größten Lacher der Genossen über: „Der CSU-Kandidat kommt mir wie ein kleines Küken vor, das hinter der großen Ente herwatschelt und quäkt: Schaut her, ich habe neue Wege entdeckt!“, sagt Ude. Reiter selbst bleibt recht sachlich. Lustig wird es nur, als er vom zweiten Treffen mit einer alten Dame am Harras erzählt, der er an der U-Bahn einst einen Wegweiser zum Südbad versprochen hatte. Jetzt aber sei ihre Schwester ins Heim nach Pasing gezogen. „Do naus brauch ma a U-Bahn. I möcht des auf jedn Fall no dalebn!“ Reiter versprach es. Das aber hat auch Ude schon vor Jahren getan.

Die Themen

Erst wärmt Bürgermeisterin Christine Strobl die roten Herzen mit sozialer Gerechtigkeit und geißelt die Geldgier von Managern und Märkten. Dafür wird sie von der Landtagsabgeordneten Isabell Zacharias als „Super-Spitzenfrau“ der SPD gelobt – auf beste Guardiola-Art also, und der gewinnt derzeit ja nur super-super. Passenderweise verweist danach der OB auf seine Erfolge. Aber kann auch Dieter Reiter den Pep der Münchner SPD geben? Der OB-Kandidat stellt seine Rede unter das Motto des säulenheiligen Genossen Willy Brandt: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer.“ Jede Zeit brauche ihre eigenen Antworten. Ein Super-super-Motto: So muss Reiter nicht den OB und seine eigene Politik als Stadtminister rechtfertigen oder sich mit dem Kleinklein von kaputten Kliniken und Klohäusl plagen, sondern kann an den großen Rädern drehen – Wohnen, Verkehr, Bildung und Arbeit. „Wir haben die Antworten auf der Höhe der Zeit. Damit München das München für alle bleibt!“

Die Themen sind mittlerweile bekannt: „Wir werden noch mehr öffentlich geförderte Wohnungen bauen.“ Genossenschaften sollen mehr günstige Grundstücke bekommen. Reiter will auch mehr mit dem Umland zusammenarbeiten. „Die Zeiten des Hosenträgerschnalzens sind vorbei.“ Die CSU habe den Ausverkauf der GBW-Mieter zu verantworten und im Freistaat immer noch kein Umwandlungsverbot von Miet- in Eigentumswohnungen durchgesetzt.

Der Nahverkehr werde ausgebaut und noch mehr Geld in die Bildung gesteckt. Erzieher sollen bei der Stadt mehr verdienen. Der bundesweite Mindestlohn sei wichtig für die Gerechtigkeit. „Wir müssen eine Spaltung der Gesellschaft verhindern!“ Der soziale Friede in der Stadt sei der wichtigste Standortfaktor für Konzerne, Firmen und Handwerker. Reiter setzt auf eine Koalition mit den Grünen.

Die Reaktionen

Die Genossen gehen voll mit – mal mucksmäuschenstill, mal begeistert. Am Schluss gibt’s zwei Minuten Donnerapplaus und einzelne Bravo-Rufe. Alle springen auf.

David Costanzo

Punktgenaue Themen

Dieter Reiter hat in seiner Rede viele Themen pointiert angesprochen. Ich fand heute die Passage über die derzeitige Diskussion um Ausländerfeindlichkeit am wichtigsten: Man kann ja nicht Europa wollen und dann die Freizügigkeit einschränken!

Theo G. Kobler (67), Regisseur, Solln

Konkret bei Miete & Bildung

Das Willy-Brandt-Zitat war gut. Er hat es mit den echten Pro­blemen verknüpft, vor allem den Mieten und der Bildung. Da ist er auch konkret geworden, etwa bei der Förderung der Genossenschaften. Es geht wirklich darum, zeitgemäße Antworten für die Herausforderungen der Zukunft zu entwickeln.

Paul Werlich (24), Student, Haidhausen

Er hat Chancen auf den Sieg

Ich bin gar kein Mitglied, sondern hier, weil ich beim „München soll München bleiben“-Slogan skeptisch war. Schließlich gibt es jetzt schon viel Armut in der Stadt und Bausünden wie am Arnulfpark. Mir hat gut gefallen, was er zum Zusammenhalt gesagt hat. Ich denke schon, dass er gewinnen kann. Mich hat er überzeugt.

Luise von Loew (69), Bibliothekarin, Neuhausen

Sympathische Persönlichkeit

Ich finde seine Persönlichkeit und wie er mit den Bürgern spricht am besten. Er kommt sympathisch rüber, viele Münchner können sich mit ihm identifizieren. Er ist die richtige Wahl. Jetzt dürfen die Genossen aber nicht zu Hause sitzen bleiben, sondern müssen sich in den nächsten zehn Wochen richtig reinhängen!

Nadine Guinand (24), Studentin, Sendling-Westpark

Die Schmid-Analyse

Der Auftritt

Der Grüne Saal des Augustiners in der Neuhauser Straße ist proppenvoll. Die Kellner können gar nicht so viele Stühle herbeitragen, wie CSU-Mitglieder ein Plätzchen suchen. Sie drängen sich auf der Treppe, der Galerie und an der Tür. Die über 400 Gäste sind nicht gekommen, um CDU-Vize und Hauptrednerin Julia Klöckner zu sehen. Als OB-Kandidat Josef Schmid ans Rednerpult tritt, ist der Applaus lauter als bei allen anderen. Sein Tonfall ist ruhig, er lässt den Blick durchs Publikum schweifen, wenn er spricht. Will man etwas Auffälliges finden, wäre das höchstens seine Krawatte: dunkelblau mit wilden Mustern. „Ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Meine Eltern hatten acht Jahre Volksschule. Aber mein Vater hat mich gelehrt: Stillstand heißt Rückstand.“ Und schon ist Schmid bei seinem Plan für München.

Die Attacken

Seitenhiebe in Richtung Rot-Grün setzt Schmid sparsam ein. Seine Rede ist in erster Linie sachlich. Argumente statt Angriffe scheint das Motto zu lauten. Reiters Wahlkampf-Slogan „Damit München München bleibt“ übersetzt er für die CSU-Mitglieder so: „Wenn Sie SPD wählen, dann soll das wohl bedeuten, dass München das München der stinkenden Schultoiletten, der fehlenden Mensen und damit der fehlenden Ganztagsschulen, der fehlenden Fachlehrsäle und überhaupt von zu wenigen Schulen bleibt?“ Seine Antwort: „Ich will nicht, dass München dieses München bleibt.“ Beim Thema Verkehr wirft Schmid der SPD vor, Wahlversprechen nicht einzuhalten. „Der Tunnel unter der Landshuter Allee stand schon 2008 im Wahlprogramm, und da steht er immer noch.“ Eine kleine Attacke auf seine eigene Partei kann er sich nicht verkneifen, als es um die Armutsmigration geht: „Einen undifferenzierten Satz wie ‚Wer betrügt, der fliegt‘ hätte ich so nicht formuliert.“

Die Pointen

Lange Begrüßungen sind nicht Schmids Sache. Eine Gruppe begrüßt er aber doch: „Die Kollegen von der Münchner SPD, die heute wieder hier sind, um unsere Veranstaltung zu beobachten. Man lernt ja nie aus. Und wenn ich mir anschaue, was die Münchner SPD in den letzten Monaten von uns in ihr Programm übernommen hat, dann hat sie ihre steilste Lernkurve aller Zeiten. Und ich kann den Kollegen nur sagen: ,Sie können auch heute wieder eine Menge lernen. Also passen Sie gut auf!‘“ Damit hat er die Lacher auf seiner Seite. Danach gibt’s allerdings nichts mehr zu lachen. Dieser Witz bleibt der einzige. Schmid gibt lieber den Visionär als den Scherzkeks und stellt sein Programm vor. Ludwig Spaenle, Chef der Münchner CSU und bayerischer Superminister für Bildung und Wissenschaft, ist mehr zu Späßen aufgelegt. „Die SPD ermüdet. Aber nach der Wahl wird sie sich auf den Oppositionsbänken des Rathauses mehrere Jahre lang erholen können.“ Über Josef Schmid sagt Spaenle: „In selbstbewusster Demut, wie sie uns eigen ist, bewirbt er sich um das Amt des Oberbürgermeisters.“ Vermutlich war die Aussage nicht als Scherz gedacht. Einige Zuhörer lachen trotzdem.

Die Themen

Seehofer hat den Bayernplan und Schmid hat jetzt den Münchenplan. Der besteht aus sechs Punkten, um die sich seine ganze Rede auf dem Dreikönigstreffen dreht. Erstens: Schulen. „Mein Sohn geht in die zweite Klasse Grundschule. Mit einigen Klassenkameraden hat er angefangen, in den Pausen weniger zu trinken, damit er nicht auf die Schultoilette muss“, erzählt er. Seine Forderung: Sanierung und Neubau. Zweitens: Mehr Betreuungsplätze für Kinder und Ganztagsschulen. Drittens: Verkehr. Die CSU will die U5 nach Pasing und Freiham verlängern und die U4 nach Englschalking. Die U3 soll irgendwann über Allach, Untermenzing und Obermenzing nach Pasing fahren. Und den Autoverkehr auf dem Ring will Schmid unter die Erde verlegen. Viertens: bezahlbarer Wohnraum. „Die Stadt und ihre Tochterunternehmen waren in den letzten Jahren selbst Preistreiber Nummer eins, und wenn etwas gebaut wurde, war das meist auch noch hässlich!“ Schmid will die Genossenschaften stärken und Mietzuschüsse für sozial Schwache einführen. Fünftens: Sanierung der Kliniken. Und sechstens: Schmid will seine Pläne nicht allein verwirklichen, sondern setzt auf Bürgerbeteiligung.

Die Reaktionen

Als Schmid nach fast 25 Minuten ruft „München braucht den Wechsel! Wir sind bereit“, hat er alle überzeugt. Der Applaus donnert durch den Saal, manche stehen auf und klatschen. Spaenle meint: „So spricht der dritte OB der Stadt München, der der CSU entstammen wird.“

Beate Winterer

Richtige Themen

Schmid hat Themen angesprochen, die in München brennen: Schulen, Wohnraum und Nahverkehr. Ich fahre jeden Tag mit der U-Bahn von Fürstenried bis Am Hart. Die Waggons sind immer völlig überfüllt. Wenn er so weitermacht, wird Schmid nächster OB.

Fatih Karatas (37), Einkäufer aus Fürstenried

Glaubwürdige Rede

Die Rede von Josef Schmid war sachlich und glaubwürdig. Themen wie Schulen und die Verkehrslage betreffen alle. Ich finde es gut, dass er nicht dauernd die SPD angreift. Beleidigungen müssen nicht sein. Das ist nicht sein Stil. Johannes Egerndorfer (31),

Personalsachbearbeiter aus Untergiesing-Harlaching

Fakten sind Trumpf

Eine super Rede! Schmid hat mit vielen Fakten überzeugt. Vor allem beim Thema Verkehr. Straßenbahnen sind keine Lösung, weil schon jetzt der Platz für die Autos fehlt. Und die Landshuter Allee muss endlich untertunnelt werden. Die Anwohner werden durch den ständigen Lärm krank.

Margot Günther (76), Kauffrau aus Nymphenburg

Betont seine Stärken

Mir gefällt, dass Schmid auch auf die kleinen Probleme der Bürger eingeht. Manche lachen vielleicht darüber, dass er öffentliche Toiletten zum Thema macht. Aber ältere Menschen bewegt das eben. Und er stellt seine eigenen Stärken heraus. Nur auf den Gegner einschlagen, bringt gar nichts.

Sabine Wohlrab (34), Bundesbeamtin aus Milbertshofen

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