Die tz erklärt die jüngste Entwicklung

Was kostet uns der Euro-Austritt der Griechen?

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München/Berlin/Athen - Wie gefährlich wäre ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone wirklich? Die tz erklärt die jüngste Entwicklung in der Finanz- und Währungskrise.

Fliegen die Griechen jetzt doch noch aus der Euro-Zone raus? Kanzlerin Angela Merkel ist laut Spiegel von ihrer bisherigen Haltung abgerückt, dass eine Rettung Athens „alternativlos“ sei. Aber wie gefährlich wäre ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone wirklich? Die tz erklärt die jüngste Entwicklung in der Finanz- und Währungskrise.

Was steckt hinter der Kehrtwende der Kanzlerin?

Merkel mischt sich mit der Drohung des Euro-Rauswurfs in den griechischen Wahlkampf ein. Umfragen sehen die Linkspartei Syriza als Sieger bei den Neuwahlen am 25. Januar. Syriza-Chef Alexis Tsipras brüstet sich damit, dass das Sparprogramm „Geschichte“ sein werde, wenn er die Wahl gewinne: „Die Finanzmärkte müssen nach unserer Pfeife tanzen!“ Merkel will den griechischen Wählern nun signalisieren, dass Tsipras da zu vollmundig ist – und eine Wahl des Populisten für alle Griechen dramatische Folgen haben könnte.

Wie sind die Reaktionen auf diesen Druck auf Athen?

Der Wahlforscher Elias Nikolakopoulos glaubt, dass Druck und Drohungen aus Brüssel oder Berlin das Gegenteil bewirken könnten: So würden die Anhänger der eigentlich zerstrittenen Linken geeint. Linken-Chef Bernd Riexinger wirft Merkel „Erpressung“ und „organisierte Verantwortungslosigkeit“ vor. Solche Meldungen könnten in Griechenland einen Ansturm auf die Banken provozieren. Schon im Dezember haben die Griechen 2,5 Milliarden Euro abgehoben.

Warum könnte ein Syriza-Sieg das Euro-Ende in Griechenland bedeuten?

Das Szenario sieht so aus: Syriza fordert nach einem Wahlsieg einen Schuldenschnitt und hält die bereits vereinbarten Rückzahlungs-Verträge nicht mehr ein. Weil die Troika aus EU, IWF und EZB fürchtet, dass bei Nachgiebigkeit gegenüber den griechischen Linken auch die Populisten und Sparkurs-Gegner in Italien oder Frankreich weiter Oberwasser bekommen, bleiben die Geldgeber unnachgiebig. Ohne weitere Finanzhilfe wäre Athen pleite – und dann bliebe nichts anderes übrig als ein Euro-Austritt und eine eigene, dann stark abgewertete Währung.

Kann Athen aus der Euro-Zone geworfen werden?

Eigentlich gibt es keine Regelung für einen Ausschluss in den Euro-Verträgen. Aber laut Spiegel heißt es dazu in Kreisen der Bundesregierung: „Notfalls klären das findige Juristen.“

Was wären die wirtschaftlichen Folgen eines Euro-Austritts?

Da die Auslandsschulden auch nach einem Euro-Austritt weiter in Euro notiert werden, würde die Rückzahlung noch schwerer. So wäre auch in diesem Fall ein Schuldenschnitt unumgänglich.

Was würde es kosten, wenn die Griechen ihre Schulden nicht mehr zahlen können?

260 Milliarden Euro der griechischen Staatsschulden in Höhe von 321,7 Milliarden Euro tragen öffentliche Institutionen, allen voran der europäische Rettungsfonds. Privatbanken sind weitgehend raus aus Griechenland. Zahlen müssten die Folgen eines Euro-Austritts oder eines Schuldenschnitts innerhalb des Euro also die Steuerzahler – vor allem die deutschen: Der Anteil Deutschlands an den Griechen-Schulden liegt bei 64,9 Milliarden Euro, wovon 15,17 Milliarden deutsche Direkthilfen sind.

Werden die Griechen wirklich so ausgeblutet, wie Syriza-Chef Tsipras behauptet?

Fakt ist: Die Griechen bekommen Vorzugszinsen und zahlen laut FAS im Schnitt nur 2,4 Prozent auf ihre Schulden. Zum Vergleich: Deutschland zahlt im Schnitt 2,7 Prozent Zinsen.

Was sind die ökonomischen Risiken eines Austritts der Griechen aus dem Euro?

2012, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, hielten die meisten Wirtschaftsexperten es für zu gefährlich, Griechenland fallen zu lassen. Denn sie befürchteten einen Domino-Effekt: Stürzt ein Euro-Krisenstaat, fallen auch die anderen. Inzwischen haben sich Portugal, Irland und Zypern so weit stabilisiert, dass viele Experten keine Ansteckungsgefahr mehr sehen. Jetzt gilt für Merkels Berater die Ketten-Theorie: Fällt das schwächste Glied raus, wird der Rest der Kette stabilisiert. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sieht aber weiter „hohe Risiken für die Stabilität des Euroraums“: „Auch wenn die Situation Griechenlands nicht mit der anderer Mitgliedstaaten vergleichbar ist, würde damit ein Geist aus der Flasche gelassen, der nur schwer beherrschbar wäre.“

Und was sind die politischen Risiken?

US-Investor George Soros fürchtet, dass Populisten und Extremisten in allen Euro-Krisenstaaten noch stärker werden, wenn es keinen Schuldenerlass gibt. Er vergleicht die Situation mit der Krise nach dem Ersten Weltkrieg: Damals habe das französische Beharren auf extrem hohe deutsche Reparationszahlungen zum Aufstieg Adolf Hitlers beigetragen.

Klaus Rimpel

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