Wer wo gegen wen kämpft

Krieg! Die tz erklärt die Krisenherde der Welt

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Die Farben der Forscher: Blau markiert sind Länder, in denen „hochgewaltsame Konflikte der zweitschlimmsten Eskalationsstufe toben“. In den schwarz eingefärbten Staaten herrscht Krieg. Hier gibt's die Weltkarte auch in groß (als PDF).

München - Trümmer, Tod und Tränen: Forscher berichten von 414 Konflikten auf allen Kontinenten der Welt. Die tz erklärt die Krisenherde und wer wo gegen wen kämpft.

Irgendwie scheint die Welt aus den Fugen geraten zu sein – so empfinden es jedenfalls viele Menschen, wenn sie derzeit die Nachrichten anschauen: Trümmer, Tote und Tränen bestimmen die Berichte, ein blutiger Konflikt reiht sich an den nächsten. Die tz dokumentiert den „gefühlten Ausnahmezustand“ und liefert einen erschütternden Überblick über die größten Krisenherde auf allen Kontinenten.

Allein im vergangenen Jahr hat das renommierte Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK) weltweit 414 Konflikte beobachtet und in fünf Eskalationsstufen eingeteilt, also praktisch in Schweregrade. Die Wissenschaftler registrierten 45 „hochgewaltsame Auseinandersetzungen“, darunter 20 Kriege – die schlimmste Bewertungskategorie. Inzwischen sind noch die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen dazugekommen, die 2013 noch nicht als Kriege eingestuft waren.

„Wenn man alle schwelenden Konflikte weltweit betrachtet, kann man derzeit von einem absoluten Höchststand sprechen“, erläutert HIIK-Experte Simon Ellerbrock. Die Zahl der Kriege sei allerdings seit drei Jahren gleich. Anfang der 1990er-Jahre gab es sogar schon einmal mehr schwere Konflikte – unter anderem wegen der Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien.

Warum aber haben gerade in Deutschland so viele das Gefühl, dass die Welt brennt wie schon lange nicht mehr? „Das liegt sicher auch an der relativen räumlichen Nähe der Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen“, vermutet Ellerbrock. Schließlich sind sie nur wenige Flugstunden entfernt. Ein weiteres Kriterium für großes mediales Interesse: wenn Bundeswehrsoldaten beteiligt sind, wie beispielsweise in Afghanistan.

Dagegen genießen die Krisenherde auf dem afrikanischen Kontinent (südlich der Sahara) wesentlich weniger Aufmerksamkeit – und das, obwohl dort 2013 gleich elf Kriege beobachtet worden sind. In einigen afrikanischen Ländern tobten sogar gleich mehrere, etwa im Sudan und im Südsudan.„Dort haben wir fünf Konflikte verfolgt, die man getrennt voneinander betrachten muss“, berichtet Ellerbrock. In der Demokratischen Republik Kongo gab es vier hochgewaltsame Konflikte.

Zu all diesen Auseinandersetzungen kommen noch einige weitere Krisen, die zwar derzeit weitgehend friedlich ablaufen, aber sich jederzeit verschlimmern können – beispielsweise zwischen Nord- und Südkorea.

Lesen Sie auf dieser Doppelseite im großen tz-Überblick, wo in der Welt bereits überall die Waffen sprechen.

Andreas Beez

Amerika

1. Mexiko

Hier tobt ein erbitterter Drogenkrieg. Polizei und Militär kämpfen gegen schwer bewaffnete Drogenkartelle, außerdem bekriegen sich die kriminellen Banden untereinander. Seit 2006 sind bei den Auseinandersetzungen bereits mehr als 70.000 Menschen ums Leben gekommen.

2. Kolumbien

In der Heimat der Pop-Sängerin Shakira kämpft so ziemlich jeder gegen jeden: Dabei mischen unter anderem die linksgerichtete Rebellenarmee FARC (gegen die Regierung) und paramilitärische rechtsgerichtete Gruppen mit. Mittendrin: zahlreiche Drogenbanden und andere mafiöse Clans.

3. Brasilien

Der Alltag im WM-Land wird erschüttert von einem brutalen Drogenkrieg. Die Regierung versucht mit aller Macht, das Geschäft der rivalisierenden Clans zu stören. Allein im ersten Quartal 2013 wurden 360 Tonnen Rauschgift beschlagnahmt. 25 000 Soldaten waren im Einsatz.

Afrika

4. Algerien

Hier kämpfen verschiedene islamistische Gruppierungen gegeneinander und gegen die Regierung – darunter die Organisation al-Qaida des Islamischen Maghreb (AQIM), die von den USA als eine der gefährlichsten Terrorgruppen der Welt eingestuft worden ist. Sie verübt Selbstmordattentate und andere Anschläge.

5. Tunesien

Die Fanatiker von AQIM sind unter anderem auch in Algeriens Nachbarland Tunesien aktiv und versuchten, die Regierung zu stürzen. Sie stehen dort den radikalen Islamisten von der Gruppe Ansar al-Sharia (AST) zur Seite. Die AST, die auch schon mal die US-Botschaft in Tunis angegriffen hat, rekrutiert ihren Nachwuchs vor allem in den Armenvierteln des Landes.

6. Libyen

Rivalisierende Milizen liefern sich Gefechte – vor allem in der Hauptstadt Tripolis und in Bengasi. Dabei handelt es sich um ehemalige Revolutionsbrigaden, die sich nach dem Sturz von Diktator Gaddafi vor drei Jahren geweigert haben, ihre Waffen abzugeben. Schwer bewaffnete Gruppen bombardieren auch Flughäfen und Benzindepots.

7. Mali

Immer wieder Gewaltausbrüche. Erst vor wenigen Wochen kam es erneut zu heftigen Gefechten zwischen der Armee und Tuareg-Rebellen. Dabei starben über 35 Menschen. Seit Januar 2013 unterstützt Frankreich afrikanische Truppen im Kampf gegen islamistische Rebellen. Die Bundeswehr ist an einer EU-Ausbildungsmission in Mali beteiligt.

8. Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram will einen Gottesstaat errichten. Seit Monaten starten ihre Kämpfer fast täglich Angriffe auf Dörfer, Kirchen oder Militärstellungen. Seit April haben die Extremisten außerdem mehr als 200 Mädchen in ihrer Gewalt, die sie aus einer Schule entführten.

9. Ägypten

Seit die Armee am 3. Juli 2013 den islamistischen Staatspräsidenten Mursi abgesetzt hat, werden auch die Mitglieder seiner Muslimbruderschaft verfolgt. Es kommt immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Regierungseinheiten und Mursi-Getreuen. Es ist bereits von Tausenden Opfern die Rede.

10. Sudan

Hier bekämpfen sich verschiedene Volksgruppen und Milizen in mehreren Landesteilen – und zwar mit beispielloser Härte. Berüchtigt ist vor allem der Darfur-Konflikt. Bei dieser Auseinandersetzung im Westen des Sudan sind nach Schätzungen der UN seit 2007 bereits etwa 200.000 Menschen ums Leben gekommen.

11. Zentralafrikanische Republik

Auch in dem bitterarmen Land ist kein Ende der religiös motivierten Gewalt in Sicht. Beobachter berichten immer wieder von schweren Übergriffen im Konflikt zwischen muslimischen Rebellen und christlichen Bürgermilizen. Fast alle der 4,6 Millionen Einwohner benötigen Hilfe.

12. Südsudan

Es droht eine humanitäre Katastrophe in dem Land, das erst seit 2011 unabhängig ist. Helfer sprachen zuletzt von einer schockierend hohen Zahl an mangelernährten Kindern, die UN warnen vor einer verheerenden Hungersnot. Die blutigen Konflikte haben auch ethnische Hintergründe, Clans bekriegen sich.

13. Demokratische Republik Kongo

Dutzende bewaffnete Gruppen und Clans streiten um die Vorherrschaft im Kongo und um Rohstoffe. Außerdem bekämpfen sich ehemalige Bürgerkriegsparteien aus dem Nachbarland Ruanda, die zu den Volksgruppen der Tutsi und der Hutu zählen. Morde und Vergewaltigungen sind Alltag.

14. Uganda

Die muslimische Rebellenbewegung ADF bekämpft seit fast zwei Jahrzehnten die Zentralregierung in der Hauptstadt Kampala. Sie überfallen immer wieder Kasernen und Dörfer, sollen sogar bereits Kinder vergewaltigt und enthauptet haben.

15. Kenia

In Kenia bekämpfen sich verschiedene Stammesgruppen, sie streiten unter anderem um Weide- und Wasserrechte. Allein 2013 kamen über 500 Menschen ums Leben, 1235 wurden verletzt.

16. Somalia

Im somalischen Bürgerkrieg kämpfen Clans, Milizen, Warlords und Islamisten mit- und gegeneinander. Seit über 20 Jahren existiert in Mogadischu keine funktionierende Zentralregierung mehr. Hunderttausende sind geflohen, Millionen benötigen humanitäre Hilfe.

Europa und Naher Osten

17. Ukraine

Der Krieg zwischen Regierungstruppen und prorussischen Rebellen erreichte mit dem Abschuss eines malaysischen Flugzeugs einen traurigen Höhepunkt. Dabei starben alle 298 Menschen an Bord. Nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks ­UNHCR sind inzwischen 285.000 Ukrainer auf der Flucht. Seit April sollen mindestens 423 Menschen ums Leben gekommen und Tausende verletzt worden sein

18. Türkei

Der Konflikt zwischen der Regierung in Ankara und kurdischen Freiheitskämpfern existiert bereits seit drei Jahrzehnten. Die Armee kämpft vor allem gegen Einheiten der Untergrundorganisation PKK und kleinere Milizen. Dabei sind bereits mehrere Zehntausend Menschen getötet worden. Seit 2013 besteht ein Waffenstillstand.

19. Israel

Der Gazakrieg dauert bereits einen Monat. Bei den Gefechten sind mehr als 1860 Palästinenser ums Leben gekommen – darunter 429 Kinder – und etwa 10.000 verletzt worden. Israel beklagt 64 tote Soldaten und drei zivile Opfer. 485.000 Bewohner des Gaza­streifens mussten ihre Häuser verlassen.

20. Syrien

Syrien ist in doppelter Hinsicht ein Pulverfass. Zum einen kämpft das Assad-Regime gegen oppositionelle Truppen, zum anderen liefert es sich schwere Gefechte mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Zuletzt haben die radikalen Islamisten mehrere Ölfelder erobert. Sie gewinnen offenbar immer mehr an Macht.

21. Irak

Die Lage im Irak wird immer prekärer. Denn auch dort rückt die Terrormiliz IS weiter vor. Die radikalen Sunniten bekämpfen nicht nur Christen und Schiiten, sondern auch andersdenkende sunnitische Gruppierungen. Es gibt Berichte von Massenhinrichtungen. Laut UN sind im Irak seit Jahresbeginn rund 5600 Zivilisten getötet worden.

22. Russland

Der Nordkaukasus ist ein Schmelztigel der Volksgruppen – und der Gewalt. Russland versucht mithilfe Zehntausender Soldaten die Lage in den Griff zu bekommen – besonders bekannt sind die blutigen Auseinandersetzungen in Tschetschenien. Aber auch in anderen Teilgebieten des Kaukasus gibt es immer wieder Gefechte.

Asien

23. Jemen

In diesem Land, das oft als eine Brutstätte des Terrors gegeißelt wird, bekämpfen sich verschiedene muslimische Gruppierungen und Stämme. Auch das Terrornetzwerk Al-­Qaida operiert im Jemen. Die Rebellengruppe Al-Houti schickt angeblich sogar Kinder in die Schlacht.

24. Afghanistan

Das Land am Hindukusch kommt nicht zur Ruhe, zuletzt haben die radikal­islamischen Taliban nach Einschätzung internationaler Beobachter wieder deutlich an Einfluss gewonnen. Im Kampf gegen die Gotteskrieger hilft auch (noch) die Bundeswehr, die selbst Opfer zu beklagen hat.

25. Pakistan

Das Land gilt als Rückzugs- und Operationsgebiet radikaler Islamisten. Im Kampf gegen diese Rebellen mischt auch die US-Armee kräftig mit. Erst kürzlich hat sie mit einer Kampfdrohne fast 50 Menschen getötet. Zudem liefern sich verfeindete Stämme blutige Gefechte.

26. Indien

Indien streitet sich mit Pakistan um Kaschmir, beide Länder erheben Besitzanspruch auf diese bergige Provinzregion. Die Heidelberger Konfliktfordscher berichten, dass die Zahl der Gefechte zwischen den beiden Nachbarländern 2013 wieder stark angestiegen sei.

27. Myanmar

Myanmar, auch Birma genannt, ist ein Vielvölkerstaat. Im Norden kämpft die Kachin Independence Army um eine Abspaltung der Region. Weitere Rebellen streben die Unabhängigkeit ihrer Gebiete an. Noch dazu wird das Land bereits seit Jahrzehnten vom Militär regiert.

28. Philippinen

In dem christlich dominierten Inselstaat schwelt seit den 1970er-Jahren ein Konflikt zwischen der Regierung und muslimischen Rebellen. Sie fordern die Unabhängigkeit muslimisch geprägter Gebiete. Bei dem Bürgerkrieg sind bereits 150.000 Menschen ums Leben gekommen.

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