Interview mit Antisemitismus-Forscher

Kritik an Israel und Juden-Hass: Wo verläuft die Grenze?

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Prof. Wolfgang Benz.

München - Die tz sprach mit dem renommiertesten Antisemititsmus-Forscher Deutschlands, Prof. Wolfgang Benz, über den schmalen Grat zwischen angemessener Kritik an Israel und antisemitischen Parolen .

In Nürnberg stürmten arabisch- und türkischstämmige Demonstranten ein Fast-Food-Restaurant im Hauptbahnhof und skandierten übelste Juden-Beschimpfungen. In Berlin wurden zwei Männer gejagt, nur weil sie eine jüdische Kippa trugen: Der blutige Angriff auf Gaza hat zu einer Welle anti-israelischer, aber auch offen antisemitischer Proteste geführt. Kanzlerin Angela Merkel erklärte, dass derartige Entgleisungen ein nicht hinnehmbarer „Angriff auf Freiheit und Toleranz“ seien. Doch auch die deutschen Politiker und Medien werden von vielen Bürgern kritisiert: Deren Haltung gegenüber Israels Militär sei zu zurückhaltend angesichts von mehr als 600 palästinensischen Todesopfern, darunter viele Zivilisten. Die tz sprach über den schmalen Grat zwischen angemessener Kritik und antisemitischen Parolen mit dem renommiertesten Antisemititsmus-Forscher Deutschlands, Prof. Wolfgang Benz.

Wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Kritik an Israel und Antisemitismus?

Prof. Wolfgang Benz: Wenn man die israelische Politik genauso kritisiert wie man etwa seinerzeit das militärische Engagement der USA im Irak kritisiert hat, dann hat das mit Antisemitismus gar nichts zu tun. Aber wenn man die objektive und sachliche Ebene verlässt und von „den Juden“ spricht, bei denen das Schlechte angeblich in der Natur läge, dann ist das Antisemitismus – also wenn man pauschale Verallgemeinerungen benützt, um zu diffamieren.

Ganz konkret: Auf einer Demonstration wurde eine Fotomontage mit Benjamin Netanjahu als blutsaugender Vampir gezeigt: Antisemitismus oder Kritik am israelischen Premier?

Benz: Wenn Netanjahu hier mit eindeutig antisemitischen Attributen wie einer riesigen Hakennase gezeigt wird, ist das nicht nur Kritik an Netanjahu, sondern auch oder vor allem Antisemitismus. Aber: Den israelischen Premier für Handlungen zu kritisieren, die er gemacht hat, das ist der Sache nach nicht antisemitisch.

Wie soll die Polizei auf Demonstrationen vorgehen, wo neben denen, die wirklich nur die Regierung in Tel Aviv kritisieren wollen, auch solche sind, die Parolen wie „Juden sind Mörder“ rufen?

Benz: Genau die muss die Polizei herausgreifen, denn diese Leute machen pauschal Stimmung gegen Juden. Und das ist in unserem Land weder erwünscht noch erlaubt. Wer allgemein von Juden spricht und denen negative Eigenschaften beilegt, der schmäht und macht sich des Antisemitismus schuldig. Aber nicht der, der aus tiefem Schrecken über die Vorgänge in Gaza auf die Straße geht und demonstriert.

Es gibt immer wieder die Kritik, dass die deutschen Medien eine Beißhemmung in Sachen Israel hätten. Stimmt das?

Benz: Ich zitiere in diesem Zusammenhang immer gerne den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, der sagte: „Es ist Freundespflicht, die israelische Regierung zu kritisieren, wenn sie kritikwürdige Handlungen begeht.“ Ich glaube, dass die Beißhemmung tatsächlich sehr groß ist. Sowohl Medienschaffende als auch Medienkonsumenten wollen unter keinen Umständen als Anti­semiten stigmatisiert werden. Das ist der ärgste Vorwurf, den man in Deutschland nur überhaupt erheben kann. Und es gibt leider Aktivisten, die einen dann sehr schnell in diese Schublade stecken. Man denke an die Debatte über Günter Grass, der ganz schnell zum Antisemiten gemacht wurde, weil er in einem nicht besonders guten Gedicht mit nicht besonders guter Wortwahl auf ein politisches Problem aufmerksam gemacht hat.

Ist der Antisemitismus in Deutschland stärker verbreitet als in anderen Gesellschaften?

Benz: Er ist sehr viel weniger verbreitet als etwa in Frankreich oder in Polen. Und Antisemitismus ist nach neuesten Studien auch keine zunehmende Größe, sondern hat eher eine leicht abnehmende Tendenz. Man kann also nicht von einer explosionsartigen Zunahme des Antisemitismus sprechen, wie es ein jüdischer Funktionär kürzlich tat. Und man sollte auch nicht, wie es der israelische Botschafter tat, die Demonstrationen und Ausschreitungen auf unseren Straßen mit 1938, mit der Reichskristallnacht vergleichen.

Wird der Antisemitismus durch die derzeitigen Ereignisse steigen?

Benz: Möglicherweise. Es wird aber auf jeden Fall die Abneigung gegen Israel steigen, was ja nicht dasselbe ist. Im Jahr 1967 hat sich halb München auf dem Königsplatz versammelt, um für Israel und gegen seine Feinde zu demonstrieren. Seither hat sich die Stimmung massiv verschlechtert. Das heißt nicht, dass der traditionelle Antisemitismus besonders ansteigen wird, denn ich halte unsere Bevölkerung für einigermaßen differenzierungsfähig.

Interview: Klaus Rimpel

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